Chinas Internetaufsicht reguliert nicht mehr nur schädliche Inhalte, sondern das Empfehlungssystem selbst. Ein Regelentwurf vom 18. September verbietet Algorithmen, die Minderjährige emotional abhängig machen, süchtig halten oder zu Käufen treiben. Für Betreiber von Apps und Plattformen rückt das Design in die Haftung, nicht mehr allein die Moderation.

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Am 18. September 2026 legte die Cyberspace Administration of China einen Regelentwurf zur Netznutzung von Minderjährigen vor, der bis zum 17. Oktober zur Stellungnahme steht.[1] Auf 25 Artikel verteilt steht darin ein Satz, der die ganze Plattformbranche trifft: Empfehlungsalgorithmen dürfen Kinder nicht länger gezielt an den Bildschirm binden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Artikel 8 des Entwurfs untersagt Algorithmen, die bei Minderjährigen emotionale Abhängigkeit, Sucht oder übermäßigen Konsum auslösen.
  • Anbieter müssen das Alter der Nutzer erkennen, unter 16-Jährige besonders schützen und einen Minderjährigen-Modus mit Zeit- und Funktionsgrenzen bereitstellen.
  • Verstöße kosten bis zum Zehnfachen des rechtswidrigen Gewinns; die Frist zur Stellungnahme läuft bis 17. Oktober 2026.
  • Die EU verfolgt mit dem Digital Services Act denselben Kurs gegen süchtig machendes Design.

Was verbietet Pekings Regelentwurf?

Oranger Haken mit Vorhängeschloss vor weißem Hintergrund
China verbietet Algorithmen, die junge Nutzer emotional abhängig machen oder zu übermäßigem Konsum verleiten

Den Kern bildet Artikel 8. Anbieter dürfen keine Algorithmenmodelle einsetzen, die junge Nutzer emotional abhängig machen, in der App halten oder zu übermäßigem Konsum verleiten. Peking zielt damit auf die Empfehlungslogik, die Verweildauer und Umsatz maximiert, nicht mehr nur auf einzelne Inhalte. Betroffen sind Chinas größte Plattformen, von ByteDances Douyin bis zu Tencents Spielen.

Zwei weitere Pflichten flankieren das Verbot. Anbieter müssen das Alter über amtliche Ausweise und den staatlichen Identitätsdienst erkennen und unter 16-Jährige gesondert schützen. Gerätehersteller sollen einen Minderjährigen-Modus einbauen, der Nutzungszeit, Dauer, Funktionen und Inhalte begrenzt. Wie sich das Alter ohne Totalüberwachung feststellen lässt, ist auch im Westen ungelöst und befeuert die Debatte um das Ende der Anonymität.

Warum trifft die Regel das Design, nicht nur die Inhalte?

Der eigentliche Hebel liegt nicht im Verbot einzelner Videos, sondern in der Umkehr beim Design. Empfehlungssysteme optimieren auf Verweildauer. Genau diese Optimierung erzeugt bei Kindern die Sog-Wirkung, die Suchtforscher beschreiben.

Für Peking ist das der nächste Schritt einer langen Kette. Schon 2021 kappte die Aufsicht die Spielzeit für Minderjährige. Im April 2026 nahm sie erstmals KI-Begleiter ins Visier, die emotionale Bindung erzeugen. Dieselbe Sorge treibt international die Debatte um Character.AI und ähnliche KI-Freunde.

Die Regulierung verschiebt den Prüfpunkt vom einzelnen Inhalt auf die Mechanik dahinter. Ein Empfehlungssystem haftet künftig für seine Sog-Wirkung, nicht erst für das ausgespielte Video.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Chinas Regelentwurf für Minderjährige im Netz
Entwurf der Cyberspace Administration of China, veröffentlicht am 18. September 2026
Artikel 8
verbietet Algorithmen, die Minderjährige emotional abhängig oder süchtig machen
unter 16
Jahre: eigene Schutzstufe, dazu Pflicht zur Alterserkennung der Nutzer
bis 10×
des rechtswidrigen Gewinns als Bußgeld, sonst 12.000 bis 120.000 €

Drei neue Pflichten für Anbieter

  • Empfehlungsalgorithmen ohne gezielte Sog-Wirkung auf junge Nutzer
  • Alterserkennung über amtliche Ausweise und den staatlichen Identitätsdienst
  • Minderjährigen-Modus mit Grenzen für Nutzungszeit, Dauer, Funktionen und Inhalte
Noch ein Entwurf: Die 25 Artikel umfassende Verordnung des Staatsrats steht bis zum 17. Oktober 2026 zur öffentlichen Stellungnahme.

Was bedeutet das für Anbieter im DACH-Raum?

Europäische Anbieter sollten den Entwurf nicht als China-Spezifikum abtun. Die EU-Kommission wirft Instagram und Facebook bereits süchtig machendes Design nach dem Digital Services Act vor. Der geplante Digital Fairness Act rückt Dark Patterns und suchtfördernde Mechaniken ins Zentrum. Kalifornien geht gegen Endlos-Feeds für Jugendliche vor, Australien sperrt Teenager-Konten auf Metas Plattformen.

Drei Konsequenzen zeichnen sich ab. Betreiber einer App oder Plattform mit jungen Nutzern prüfen die eigenen Empfehlungs- und Autoplay-Mechaniken auf ihre Sog-Wirkung, dokumentieren eine belastbare Alterserkennung und halten einen abgespeckten Jugend-Modus bereit. Auch Anthropic hat Claude an eine Altersprüfung ab 18 gekoppelt, der Prüfpunkt wandert überall vom Inhalt zur Mechanik.

Quelle

[1] Cyberspace Administration of China: „Öffentliche Stellungnahme zum Entwurf der Regelung des Staatsrats zur gesunden und sicheren Netznutzung durch Minderjährige“ (18.09.2026).

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