Das spanische Energieunternehmen IGNIS plant in Wenzenbach bei Regensburg ein Rechenzentrum mit bis zu 300 Megawatt Anschlussleistung für mehr als zwei Milliarden Euro. Vor dem ersten Spatenstich muss der Netzbetreiber TenneT den Anschluss zusagen. Gegen das Vorhaben haben bis Montag 5.145 Menschen eine Online-Petition unterschrieben.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür das Rechenzentrum in Wenzenbach hat IGNIS einen Platz direkt am Höchstspannungsnetz ausgesucht. Am Abbachhof im Westen der Gemeinde will TenneT bis 2032 ein rund 20 Hektar großes Umspannwerk bauen. Gleich daneben sollen nach ersten Plänen Serverhallen und ein Batteriespeicher mit rund 100 Megawatt entstehen.[1] Nach Einschätzung der Gemeinde läge der Strombedarf über dem heutigen Verbrauch der Stadt Regensburg.
Das Wichtigste in Kürze
- IGNIS stellte die Projektidee am 5. Juni 2026 vor, die Investition könnte zwei Milliarden Euro übersteigen.
- Der Gemeinderat nahm das Vorhaben am 23. Juni zur Kenntnis, Baurecht besteht bislang nicht.
- Über den Netzanschluss entscheidet TenneT im neuen Reifegradverfahren der Übertragungsnetzbetreiber.
- Die Nachbargemeinde Zeitlarn lehnt das Projekt einstimmig ab.
Warum entscheidet zuerst der Netzbetreiber?

Knappe Anschlüsse. Seit April 2026 bewerten die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW Anträge von Großverbrauchern und Batteriespeichern in festen Runden nach ihrem Reifegrad, statt wie bisher nach dem Eingangsdatum. Ende des dritten Quartals 2025 lagen den vier Unternehmen 717 Anträge mit zusammen rund 270 Gigawatt vor, davon 545 für Batteriespeicher mit 211 Gigawatt.[2]
Reife vor Reihenfolge. Geprüft werden gesicherte Flächen, Genehmigungsstand, technisches Konzept, Finanzkraft und der Nutzen fürs Netz. Nach Darstellung der Gemeinde zählt auch, ob die Standortkommune zu einer Bauleitplanung bereit ist. Der Gemeinderat von Wenzenbach nahm das Vorhaben deshalb am 23. Juni wohlwollend zur Kenntnis, ohne Baurecht zu schaffen.[1] Im Detail planen will IGNIS erst nach einer Zusage von TenneT. Auf der Stufenleiter vom Plan zum Betrieb steht Wenzenbach damit ganz unten: Eine Projektidee liegt vor, Netzzusage und Bebauungsplan fehlen.
Andere Standorte. In Schladen-Werla bei Wolfenbüttel ist dagegen der Netzanschluss für 200 Megawatt reserviert, ein Betreiber fehlt noch. Im hessischen Schlüchtern soll ein eigenes Kraftwerk mit 276 Megawatt ein Rechenzentrum im nahen Birstein versorgen.
Was hätte die Region vom Rechenzentrum?
Wenig Personal. Gemessen an der Investition beschäftigen Rechenzentren wenige Menschen. Für den Campus von Schwarz Digits in Lübbenau, in den 11 Milliarden Euro fließen, nennt der rbb rund 120 Arbeitsplätze in der Anlaufphase. Eine Zahl für Wenzenbach liegt bislang nicht vor.
Steuer nach Lohnsumme. Auch bei der Gewerbesteuer zählt das Personal. Betreibt ein Unternehmen Betriebsstätten in mehreren Gemeinden, verteilt das Finanzamt den Steuermessbetrag nach dem Verhältnis der gezahlten Arbeitslöhne.[3] Für reine Wind- und Solarparks zählt zu neun Zehnteln die installierte Leistung, für Rechenzentren fehlt eine solche Sonderregel. Sitzt die Verwaltung des Betreibers anderswo, bringt eine Serverhalle mit kleiner Belegschaft der Standortgemeinde deshalb weniger Gewerbesteuer ein, als die Milliardensumme vermuten lässt.
Abwärme als Pflicht. Mehr verspricht die Wärme. Rechenzentren, die ab Juli 2028 in Betrieb gehen, müssen nach dem Energieeffizienzgesetz einplanen, mindestens 20 % ihrer Energie wiederzuverwenden.[4] Die Gemeinde hält Wärmenetze für Ortsteile wie Irlbach und Fußenberg für denkbar, langfristig auch in Richtung Regensburger Norden.
Über das Zwei-Milliarden-Projekt in Wenzenbach entscheidet zuerst ein Netzbetreiber in Bayreuth, erst danach der Gemeinderat. Kommunen machen Standortpolitik für Rechenzentren heute am Umspannwerk, nicht im Rathaus.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Welche Hürden bleiben in Wenzenbach?
Widerstand von nebenan. Der Gemeinderat im benachbarten Zeitlarn sprach sich am 2. Juli einstimmig gegen das Rechenzentrum aus und erklärte sich bereit, gegen einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan rechtlich vorzugehen.[5] Die Petition der Bürgerinitiative läuft noch bis zum 21. Dezember.[6] Umstritten sind die Lage in der Wasserschutzzone III, der Lärm, die angrenzenden Waldflächen und die denkmalgeschützte Margaretenkapelle aus dem 12. Jahrhundert.[1]
Kosten beim Entwickler. Vor jedem Bebauungsplan will Wenzenbach vertraglich festhalten, dass IGNIS sämtliche Kosten für Gutachten und Planung trägt, auch falls der Gemeinderat das Verfahren später abbricht.[1] Für andere Kommunen, bei denen Entwickler von Rechenzentren anfragen, taugt das Vorgehen als Vorlage: erst Netzzusage und Kostenübernahme, dann Bauleitplanung. Stadtwerke im Landkreis Regensburg sollten die mögliche Abwärme schon jetzt als Option in die kommunale Wärmeplanung aufnehmen.
Quellen
[1] Gemeinde Wenzenbach: Rechenzentrum am Abbachhof: Alle wichtigen Fakten im Überblick (30.07.2026)
[2] TransnetBW: Übertragungsnetzbetreiber führen „Reifegradverfahren“ für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein (05.02.2026)
[3] Bundesministerium der Justiz: § 29 Gewerbesteuergesetz, Zerlegungsmaßstab (abgerufen 28.09.2026)
[4] Bundesministerium der Justiz: § 11 Energieeffizienzgesetz, Klimaneutrale Rechenzentren (abgerufen 28.09.2026)
[5] Ostbayern-Kurier: Zeitlarn stellt sich gegen geplantes Hyperscale-Rechenzentrum bei Wenzenbach (10.07.2026)
[6] openPetition: Naturzerstörung durch Bau eines Hyperscale Rechenzentrums in Wenzenbach verhindern (Stand 28.09.2026)
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