Bis zu 200 Megawatt IT-Leistung auf elf Hektar: So groß plant die Frankfurter Argaman Group ihr Rechenzentrum im hessischen Birstein. Für den Strom entsteht einige Kilometer weiter im benachbarten Schlüchtern ein eigenes Kraftwerk, das mit dem öffentlichen Netz wenig zu tun hat. Der Rechenzentrums-Boom verändert damit, wer in Deutschland Kraftwerke baut.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Die Stadt Schlüchtern und die Frankfurter Argaman Group planen ein Kraftwerk mit 276 Megawatt für 750 Millionen Euro, das ein Rechenzentrum im nahen Birstein versorgen soll.
- Das Rechenzentrum kommt auf bis zu 200 Megawatt IT-Leistung, so viel Strom wie über 150.000 Haushalte verbrauchen.
- Das Kraftwerk läuft zu 80 Prozent über Brennstoffzellen und zu 20 Prozent über Gas, ab Mitte der 2030er Jahre soll Wasserstoff dazukommen.
- 50 Megawatt Abwärme sollen als Fernwärme bis zu 10.000 Haushalte heizen.
Warum baut ein Rechenzentrum sein eigenes Kraftwerk?

Ein großes Rechenzentrum zieht Last rund um die Uhr, ohne die Schwankungen eines Industriebetriebs. Für 200 Megawatt an einem einzigen Punkt reicht ein normaler Netzanschluss oft nicht, und der Ausbau der Leitungen zieht sich über Jahre. Zeit ist beim Rechenzentrum aber das knappste Gut, weil die Rechenleistung schon vermietet ist, bevor der erste Server steht. Die zehn größten Rechenzentren Deutschlands hängen noch am öffentlichen Netz, doch neue Projekte dieser Größe planen anders.
Die Antwort heißt eigene Erzeugung direkt neben der Anlage. In Schlüchtern kreuzen sich zwei große Gasleitungen, und das Umspannwerk Elm liegt in direkter Nähe.[1] Der Standort liefert damit Brennstoff und Netzeinspeisung an einem Ort, was ein eigenes Kraftwerk überhaupt erst wirtschaftlich macht. Das geplante H2-ready-Kraftwerk wird 160 Meter lang und 90 Meter breit, die Schornsteine reichen bis 60 Meter.
Ist Schlüchtern ein Einzelfall?
Der Fall reiht sich in ein Muster ein. Der Baukonzern Hochtief erschließt für fünf Rechenzentren in London eine eigene Gigawatt-Anschlussleistung, der Getriebespezialist RENK rüstet Gasturbinen für KI-Rechenzentren um, und Anthropic mietet Rechenleistung in einem eigenen Inselnetz. Nicht das Netz kommt zum Rechenzentrum, sondern das Kraftwerk.
In Deutschland kommt ein regulatorischer Druck dazu. Neue Rechenzentren müssen nach dem Energieeffizienzgesetz einen wachsenden Teil ihrer Abwärme abgeben, statt sie in die Luft zu blasen. Das Projekt sieht deshalb 50 Megawatt Abwärme für ein Fernwärmenetz vor, das bis zu 10.000 Haushalte heizen soll. Die Abwärme wird so vom Kostenfaktor zum Verkaufsargument.
Baut ein Rechenzentrum sein Kraftwerk gleich mit, verschiebt sich der Engpass vom bundesweiten Netzausbau zur Genehmigung vor Ort. Genau deshalb fällt in Schlüchtern eine Entscheidung über 276 Megawatt, die früher im Netz gefallen wäre.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wer zahlt am Ende für die Leitungen?
Ein eigenes Kraftwerk entlastet zwar das öffentliche Netz, wirft aber eine Verteilungsfrage auf. Speist die Anlage Strom ins Netz ein oder bezieht im Notfall daraus, muss der Anschluss trotzdem gebaut und bezahlt werden. In Pennsylvania hat der Regulierer gerade entschieden, die Netzkosten großer Rechenzentren nicht mehr auf alle Stromkunden umzulegen. Diese Frage steht in Deutschland noch offen.
Für Kommunen und Betreiber im DACH-Raum liefert Schlüchtern eine Blaupause. Der Baustart ist für Anfang 2028 geplant, die Bauzeit auf zwei Jahre angesetzt, und mindestens 30 Jahre soll die Anlage laufen. Der Standort entscheidet dabei mit: Erst wo Gasleitung, Umspannwerk und Bauland zusammenkommen, rechnet sich ein eigenes Kraftwerk.
Das Kraftwerk in Schlüchtern
Eigene Erzeugung neben der Anlage, 80 Prozent Brennstoffzellen, 20 Prozent Gas.
Das Rechenzentrum in Birstein
Entwickelt von der Frankfurter Argaman Group.
Was die Region bekommt
Abwärme statt Abluft, eingespeist ins Fernwärmenetz.
Quelle
[1] hessenschau (Hessischer Rundfunk): „Mega-Projekt in Schlüchtern: Neues Kraftwerk soll Rechenzentrum versorgen“ (August 2026)
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