460 Megawatt entsprechen dem Dauerbedarf von rund 345.000 US-Haushalten. Genau diese Rechenleistung mietet Anthropic laut Bloomberg sechs Jahre lang beim britischen Betreiber Nscale, für rund 39 Milliarden Euro. Den Strom liefern dort Gasmotoren auf dem Werksgelände, nicht das öffentliche Netz. Bestätigt hat den Vertrag bisher keines der beiden Unternehmen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Anthropic mietet laut Bloomberg 460 Megawatt auf Nscales Monarch-Campus in Mason County, West Virginia.
- Der Vertrag läuft sechs Jahre und umfasst rund 39 Milliarden Euro, umgerechnet aus 45 Milliarden US-Dollar zum Kurs 0,87 am 26. August 2026.
- Den Strom erzeugt ein nach Landesrecht zertifiziertes Inselnetz, das die Aufsichtsbehörde nicht preislich reguliert.
- Nscale setzte im zweiten Quartal 2026 rund 87 Millionen Euro um und plant den Börsengang für September.
Warum kauft Anthropic Rechenleistung außerhalb des Stromnetzes?

Der Engpass der KI-Branche heißt inzwischen Netzanschluss, nicht Chipmangel. Im Verbund PJM, der 13 Bundesstaaten und Washington versorgt, warten Großverbraucher jahrelang auf eine Zusage. West Virginia hat diese Warteschlange 2025 per Gesetz übersprungen: Der Power Generation and Consumption Act erlaubt zertifizierte Inselnetz-Bezirke bis 2.250 Acres, sofern mehr als 70 Prozent des erzeugten Stroms in Rechenzentren fließen.[1]
Aufsicht entfällt. Bei Preisen, Anschlussbedingungen und Beschwerden unterstehen solche Bezirke der Public Service Commission nicht mehr, höchstens zehn Prozent des Stroms dürfen in den Großhandel gehen. Nscale schöpft auf dem Monarch-Campus die zulässige Höchstfläche voll aus und lässt die Erzeugung von Caterpillar bauen. Die erste Ausbaustufe mit 1,35 Gigawatt ist für Anfang 2028 angesetzt, die ersten Nvidia-Chips der Vera-Rubin-Reihe laut Bloomberg für Ende 2027.[2]
Was steckt hinter Nscales Auftragsbestand von 44 Milliarden Euro?
Buchwert statt Kasse. Vor dem Anthropic-Vertrag nannte der Londoner Betreiber seinen Investoren einen Auftragsbestand von rund 44 Milliarden Euro. Dem stehen im zweiten Quartal 2026 etwa 87 Millionen Euro Umsatz gegenüber, nach rund 29 Millionen Euro im gesamten Jahr 2025.
Mehrjährige Rechenverträge zählen in voller Höhe als künftiger Umsatz, sobald die Unterschrift steht. Auf ein Jahr hochgerechnet liegt Nscale eher bei 350 bis 435 Millionen Euro. Der für September geplante Börsengang ruht damit auf Zusagen, deren erste Megawatt frühestens Ende 2027 Strom ziehen.
44 Milliarden Euro Auftragsbestand bei 87 Millionen Euro Quartalsumsatz beschreiben keine Bilanz, sondern ein Versprechen auf 2028. Anthropic bezahlt Kapazität, die noch niemand gebaut hat.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Bekanntes Muster. Die passenden Beschleuniger finanziert Anthropic über Broadcom mit bis zu 87 Milliarden Euro Fremdkapital. Oracle verlegt die Gaspipeline für sein KI-Rechenzentrum um ein Veto aus New Mexico herum. ByteDance nahm 17 Milliarden Euro Kredit für eigene Anlagen auf, Infineon kaufte C2i Semiconductors für die Stromversorgung solcher Rechenzentren. Wie hart dieselbe Verteilungsfrage im Netzverbund PJM gestellt wird, zeigt Pennsylvanias Erlass zu den Netzkosten. Mehr zur künstlichen Intelligenz steht in unserer Rubrik.
Was heißt das Inselnetz für Betreiber in Europa?
In Deutschland fehlt dieser Weg. Paragraf 11 des Energieeffizienzgesetzes regelt allein, wie sparsam eine Anlage arbeitet: Neubauten ab dem 1. Juli 2026 brauchen einen PUE-Wert von höchstens 1,2 und müssen zehn Prozent ihrer Energie wiederverwenden.[3] Über die Verteilung der Netzkosten entscheidet dagegen die Bundesnetzagentur mit der Reform AgNes, die rund 37 Milliarden Euro neu aufteilt.[4]
Gegenprobe. Pennsylvania hat im August festgelegt, wer den Netzausbau für Rechenzentren bezahlt, West Virginia lässt den Großverbraucher das Netz stattdessen ganz verlassen. Deutschland kennt beide Antworten nicht und gewährt Bestandskunden mit Bandlast bis Ende 2031 ein ermäßigtes Netzentgelt.
Handlungsempfehlung. Prüfen Sie bei jedem Cloud-Angebot mit US-Kapazität ab 2027, ob die zugesagte Leistung schon am Netz hängt oder erst mit einem Kraftwerk entsteht. In Verträge über 2027 hinaus gehört eine Klausel für den verschobenen Ausbau.
Quellen
[1] West Virginia Division of Economic Development: „Certified Microgrid Development Program“ (Power Generation and Consumption Act, HB 2014)
[2] Nscale: „Monarch Compute Campus, West Virginia“
[3] Bundesministerium der Justiz: Energieeffizienzgesetz, Paragraf 11 (Anforderungen an Rechenzentren)
[4] Bundesnetzagentur: „AgNes: Reform der Netzentgelte im Stromnetz“
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