Der indische Stahlkonzern Jindal will bei Thyssenkrupp Steel Europe einsteigen und hat nach Informationen der Börsen-Zeitung ein unverbindliches Angebot für zunächst 60 Prozent des Geschäfts vorgelegt. Vier Monate nach dem Abbruch der Verhandlungen nimmt der Essener Konzern damit einen neuen Anlauf, seine kriselnde Stahlsparte in fremde Hände zu geben.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSchon im September 2025 bestätigte Thyssenkrupp ein erstes Gebot von Jindal, im Mai 2026 pausierten beide Seiten die Gespräche.[1] Auslöser war ein günstigeres Umfeld: verschärfte EU-Importkontingente, ein CO2-Grenzausgleich und ein frischer Sanierungstarifvertrag mit der IG Metall gaben dem Konzern Zeit, die Sanierung aus eigener Kraft anzugehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Jindal bietet zunächst 60 Prozent an Thyssenkrupp Steel Europe; die restlichen 40 Prozent blieben vorerst beim Mutterkonzern, die Prüfung der Bücher läuft bis Jahresende, ein Abschluss ist ab Januar 2027 denkbar.
- Thyssenkrupp Steel ist Europas zweitgrößter Stahlhersteller mit knapp 26.000 Beschäftigten; ein Sanierungstarifvertrag mit der IG Metall streicht bis 2030 rund 11.000 Stellen.
- Kern des Interesses ist die Wasserstoff-Transformation in Duisburg, die pro Jahr bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen soll und mit rund zwei Milliarden Euro von Bund und Land gefördert wird.
- Für Jindal wäre der Kauf der Einstieg in den EU-Markt hinter dem CO2-Grenzausgleich; für die DACH-Industrie steht die Frage der Stahl-Souveränität im Raum.
Warum verkauft Thyssenkrupp ausgerechnet jetzt die Mehrheit?

Thyssenkrupp braucht frisches Kapital für den milliardenschweren Umbau auf grünen Stahl und will das Verlustgeschäft zugleich aus der eigenen Bilanz lösen. Die neue Direktreduktionsanlage in Duisburg verschlingt Milliarden, während die Sparte rote Zahlen schreibt. Ein Verkauf in Etappen, erst 60 Prozent, später die restlichen 40, nimmt den Verlustbringer aus der Konzernbilanz und sichert dennoch einen Anteil an einer möglichen Erholung.
Für Jindal zählt der Zugang zu europäischer Kapazität und moderner Anlagentechnik. „Je erfolgreicher thyssenkrupp Steel Europe die auf den Weg gebrachte Neuausrichtung umsetzt, desto attraktiver wird dieses Geschäft für den Kapitalmarkt und für Investoren“, sagte Vorstandsvorsitzender Miguel López schon bei der Pause im Mai.[1] Nach dem geplatzten ersten Anlauf prüfte der Konzern sogar einen Börsengang der Stahlsparte.
Ist Jindal ein Einzelfall oder ein Muster?
Indische Stahlkonzerne kaufen sich gezielt in Europas Überkapazität ein, während die heimischen Hersteller schrumpfen. Jindal übernahm bereits 2024 das tschechische Werk Vitkovice Steel und sucht seither den Sprung in den EU-Markt. Ein 60-Prozent-Einstieg bei Europas zweitgrößtem Stahlkocher wäre der bislang größte Schritt.
Der Umbau trifft die ganze Branche. Salzgitter trennt sich von Randgeschäften und konzentriert sich auf grünen Stahl, zugleich übernahm der Konzern die Hütte HKM ganz, an der auch Thyssenkrupp beteiligt war. Über die Landkarte der europäischen Stahlindustrie entscheidet am Ende der Geldgeber der teuren Transformation.
Ein indischer Konzern greift nach Europas zweitgrößtem Stahlwerk, weil Deutschland die grüne Wende nicht allein bezahlen will. Am Ende bestimmt der Geldgeber der Transformation, wo der Stahl von morgen entsteht.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie schwer die grüne Wette wiegt, zeigt der Blick auf die Wasserstoffseite des Konzerns. Die Tochter thyssenkrupp nucera stoppte zuletzt die eigene SOEC-Serienfertigung. Ob Wasserstoff Hoffnungsträger oder teure Illusion ist, bleibt eine offene Frage.
Was bedeutet der Deal für die DACH-Industrie?
Für Deutschland steht die Kontrolle über die eigene Stahlbasis auf dem Spiel, samt der Frage, wer die grüne Wende steuert. Ein Werk innerhalb der EU produziert hinter dem CO2-Grenzausgleich und entgeht so den Aufschlägen auf Importstahl. Genau diesen Standortvorteil kauft Jindal mit.
Zugleich fließen rund zwei Milliarden Euro von Bund und Land in die Duisburger Direktreduktion, die künftig einem indischen Mehrheitseigner zugutekämen.[2] Für Entscheider zählt weniger die Eigentümerfrage als die Versorgung: Autozulieferer, Maschinenbauer und Rüstungsfirmen sollten ihre Bezugsquellen für grünen Stahl und Wasserstoff breiter aufstellen, statt an einem einzigen Werk zu hängen.
FAQ: Jindal und Thyssenkrupp Steel Europe
Wer ist Jindal Steel?
Jindal Steel International gehört zur indischen Naveen-Jindal-Gruppe und zählt zu den großen Stahlkonzernen Indiens. 2024 übernahm Jindal das tschechische Werk Vitkovice Steel und will mit dem Einstieg bei Thyssenkrupp Steel Europe nun in den westeuropäischen Markt vordringen.
Wie viele Mitarbeiter hat Thyssenkrupp Steel Europe?
Thyssenkrupp Steel Europe beschäftigt knapp 26.000 Menschen und ist Europas zweitgrößter Stahlhersteller. Ein Sanierungstarifvertrag mit der IG Metall sieht bis 2030 den Abbau von rund 11.000 Stellen vor, teils durch Streichungen, teils durch Ausgliederung und Verkauf von Bereichen.
Was ist das Projekt tkH2Steel?
tkH2Steel ist das Dekarbonisierungsprojekt von Thyssenkrupp Steel in Duisburg. Kern ist eine Direktreduktionsanlage, die Eisen künftig mit Wasserstoff statt Kohle herstellt und bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen soll. Bund und Land fördern das Vorhaben mit rund zwei Milliarden Euro.
Wann könnte der Verkauf abgeschlossen sein?
Eine Prüfung der Bücher soll bis Ende 2026 laufen, ein Abschluss ist frühestens ab Januar 2027 denkbar. Jindal würde zunächst 60 Prozent übernehmen, die restlichen 40 Prozent blieben vorerst bei Thyssenkrupp und könnten später in zwei Schritten folgen.
Was hat der CO2-Grenzausgleich CBAM mit dem Deal zu tun?
Der CO2-Grenzausgleich CBAM belegt importierten Stahl ab 2026 schrittweise mit einem Aufschlag auf seinen CO2-Gehalt. Ein Werk innerhalb der EU wie Thyssenkrupp Steel entgeht diesem Aufschlag, was den Standort für einen Käufer wie Jindal besonders attraktiv macht.
Quellen
[1] thyssenkrupp: „thyssenkrupp AG und Jindal International Steel pausieren Gespräche über Beteiligung an thyssenkrupp Steel“
[2] thyssenkrupp: „EU-Kommission genehmigt Förderung des thyssenkrupp Steel Dekarbonisierungsprojektes tkH2Steel durch Bundes- und Landesregierung“
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