Der MDAX-Konzern Salzgitter hebt seine Jahresprognose kräftig an und übernimmt zugleich das Duisburger Hüttenwerk HKM vollständig. Beide Nachrichten speisen sich aus derselben Wette: dass grüner Stahl in Deutschland eine Zukunft hat, während Wettbewerber ihre Pläne kassieren.

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Salzgitter hat für das erste Halbjahr 2026 ein bereinigtes Ergebnis (EBITDA) von 459 Millionen Euro gemeldet, nach 117 Millionen Euro ein Jahr zuvor.[1] Gut eine Woche nach der Vollübernahme des Stahlwerks HKM hat der Vorstand daraufhin die Prognose angehoben. Der Sprung erklärt sich allerdings nicht allein aus dem Zukauf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Salzgitter erwartet für 2026 nun ein bereinigtes EBITDA von 725 bis 825 Millionen Euro und rund 10 Milliarden Euro Umsatz.[1]
  • Das Hüttenwerk HKM in Duisburg gehört seit dem 8. Juli 2026 vollständig zu Salzgitter, übernommen von thyssenkrupp und Vallourec.[2]
  • Der Standort soll auf einen Elektrolichtbogenofen umgestellt und die CO2-Emissionen der Stahlproduktion langfristig um 90 % gesenkt werden.[2]
  • Ein Großteil des Halbjahressprungs stammt aus dem operativen Geschäft und einer Kupfer-Beteiligung, nicht aus HKM.

Woher kommt der Gewinnsprung wirklich?

Oranger Quader mit „100 %“ und Anhänger mit Fragezeichen auf Europalette vor Weiß
Halbjahresergebnis gestützt durch starke Sparten Stahlerzeugung, Handel und Technologie. Zukauf HKM erhöht Umsatz von 9,5 auf 10 Milliarden Euro

Die Schlagzeile verknüpft zwei Dinge, die nur lose zusammengehören. Den Löwenanteil des Halbjahresergebnisses trägt das laufende Geschäft: Die Sparten Stahlerzeugung und Handel sowie die Technologiedivision haben deutlich besser abgeschnitten als im Vorjahr.[1] Der Zukauf HKM hebt vor allem den Umsatz, von rund 9,5 auf etwa 10 Milliarden Euro.

Hinzu kommt ein Sondereffekt: 193 Millionen Euro steuert die at equity bilanzierte Beteiligung am Kupferkonzern Aurubis bei.[1] Dieser Beitrag schmeichelt dem Bild stärker, als es der reine Stahlmarkt hergibt. Wie abhängig Europas Industrie von solchen Rohstoff-Beteiligungen und Importen ist, zeigt sich gerade an vielen Fronten.

Warum kauft Salzgitter mitten in der Stahlkrise ein ganzes Hüttenwerk?

HKM war jahrzehntelang ein Gemeinschaftswerk, das Rohstahl an seine drei Eigentümer lieferte. thyssenkrupp und Vallourec wollten heraus: thyssenkrupp schrumpft sein Stahlgeschäft und prüft sogar den Börsengang der Sparte. Ein Aus der Hochöfen hätte Salzgitter einen wichtigen Vorlieferanten gekostet und Duisburg Tausende Arbeitsplätze.

Mit der Vollübernahme sichert sich Salzgitter die Versorgung und die Kontrolle über den Umbau des Standorts zum Elektrolichtbogenofen.[2] Der Preis dafür ist hoch: Die Belegschaft schrumpft von rund 3.000 auf etwa 1.000 Stellen bis Ende 2028, die Rohstahlmenge sinkt auf zwei Millionen Tonnen im Jahr.

Salzgitter kauft in Duisburg keine Hochöfen, sondern die Kontrolle über den eigenen Umbau. Grüner Stahl gelingt am Ende nur den Konzernen, die den Standort besitzen, an dem er entsteht.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für den Industriestandort?

Ob die Wette aufgeht, entscheiden vor allem die Strompreise. ArcelorMittal hat seine mit 1,3 Milliarden Euro geförderten Direktreduktions-Pläne in Bremen und Eisenhüttenstadt 2024 auf Eis gelegt und dabei Strompreise, fehlenden Wasserstoff und Lücken im CO2-Grenzausgleich CBAM genannt. Salzgitter zieht seinen Umbau dagegen durch, so wie andere Konzerne ihre Fabriken dekarbonisieren.

Das Programm SALCOS stützt sich auf rund eine Milliarde Euro Bundes- und EU-Mittel, Anfang 2026 um 322 Millionen Euro aufgestockt, dazu rund 1,3 Milliarden Euro Eigeninvestition; die erste Direktreduktionsanlage soll noch 2026 anlaufen. Grüner Stahl kommt damit, doch sein Preis hängt an der Energiepolitik, die auch über Gaskraftwerke und Kohleausstieg noch offen ist.

Salzgitter 2026: höhere Prognose, ganzes Hüttenwerk
Die angehobene Jahresprognose und die HKM-Vollübernahme im Überblick.
Prognose EBITDA VX 2026
625 bis 725 Mio. € 725 bis 825 Mio. € Umsatzziel zugleich von rund 9,5 auf etwa 10,0 Milliarden Euro angehoben.
459 Mio. €
Bereinigtes EBITDA im ersten Halbjahr 2026 (Vorjahr: 117 Millionen Euro).
100 %
Anteil an der HKM in Duisburg, übernommen von thyssenkrupp und Vallourec.
−90 %
Ziel für die CO2-Emissionen der Stahlproduktion am Standort, langfristig.
1,3 Mrd. €
Eigeninvestition in das grüne Stahlprogramm SALCOS, plus rund 1 Milliarde Euro Förderung.

Konkret: Einkäufer mit hohem Stahlbedarf sollten die CBAM-Stufen und die Strompreis-Debatte im Blick behalten, denn beide entscheiden über Verfügbarkeit und Aufpreis von grünem Stahl. Dass Energiekosten heute Standortentscheidungen kippen, zeigt sich schon dort, wo Konzerne lieber im Ausland investieren.

Quellen

[1] Salzgitter AG: „Vorläufige Geschäftszahlen des ersten Halbjahres 2026 und Erhöhung der Jahresprognose“ (Ad-hoc-Mitteilung, 17. Juli 2026)

[2] Salzgitter AG: „Salzgitter AG übernimmt die HKM zu 100 Prozent“ (9. Juli 2026)

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