Offshore-Windparks liefern sauberen Strom, verschieben aber womöglich auch den Regen. Eine Modellstudie des Helmholtz-Zentrums Hereon rechnet für einen Maximalausbau in Nord- und Ostsee mehr Niederschlag über den Anlagen und trockenere Küsten aus. Für Wasserwirtschaft und Landwirtschaft im Norden wäre der Effekt keine Randnotiz.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin Maximalausbau der Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee könnte einzelnen Küstenabschnitten bis zu 15 Prozent Regen nehmen. So beziffert das Forschungsteam um Naveed Akhtar den stärksten Fall. Der Wert stammt aus einem bewusst extremen Szenario, das über die EU-Ausbauziele hinausreicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Team des Helmholtz-Zentrums Hereon modellierte mit dem Klimamodell COSMO-CLM, wie ein massiver Offshore-Ausbau den Niederschlag über Nord- und Ostsee verändert.
- Über den Windparkflächen steigt der Regen im Extremszenario um 12 bis 18 Prozent, an angrenzenden Küsten sinkt er um bis zu 15 Prozent.
- Bei den heutigen Anlagen und den Planungen bis 2030 bleibt der Effekt gering und beschränkt sich weitgehend auf das offene Meer.
- Grundlage sind Wetterdaten der Jahre 2008 bis 2017; die Arbeit erschien im Fachjournal Communications Earth & Environment.
Warum bringt ein Windpark mehr Regen übers Meer?

Windkraftanlagen entziehen dem Wind Bewegungsenergie und verwirbeln die Strömung dahinter. Der verstärkte Austausch zwischen Luftschichten treibt feuchte Meeresluft nach oben, wo sie abkühlt und kondensiert. Über den Windparkgebieten bilden sich mehr Wolken, der Niederschlag steigt. Stromabwärts erreicht die Luft die Küste dann mit weniger Feuchtigkeit im Gepäck.
Die Forschenden lesen daraus einen Auftrag an die Raumplanung. „Unsere Arbeit trägt dazu bei, den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie in Europa mit den Anforderungen des Klima-, Umwelt- und Küstenschutzes in Einklang bringen zu können“, sagt Dr. Naveed Akhtar, Erstautor der Studie.
Wie stark trocknet die Küste im Extremfall aus?
Im Maximalszenario steigt der Niederschlag über den Windparkflächen um 12 bis 18 Prozent, in Spitzen bis 20 Prozent. An den angrenzenden Küsten kehrt sich das Bild um. Für Teile Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande und Großbritanniens rechnet die Hereon-Studie Rückgänge von bis zu 15 Prozent aus. Am stärksten fällt der Verlust in Teilen Jütlands aus.
Diese Zahlen gelten für ein rein technisches Szenario, das sämtliche ausgewiesenen Flächen bebaut und die diskutierten 300 Gigawatt bis 2050 deutlich überschreitet. Solche Modellstudien liest man bei uns mit spitzem Bleistift: Zukunftsrechnung ja, Wettervorhersage nein. Bei den heutigen Windparks und den Planungen bis 2030 bleiben die Verschiebungen klein.
Ein Maximalausbau steht nicht auf der Agenda, doch die Rechnung der Forscher zwingt die Raumplanung zur Ehrlichkeit. Jede zusätzliche Turbinenreihe im Meer verschiebt Strommengen und Regenmengen zugleich.“
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was heißt das für Planung und Wasserwirtschaft?
Für den kurzfristigen Ausbau ändert der Befund wenig, weil die reale Offshore-Leistung weit unter dem Rechenmodell liegt. Onshore zieht der Zubau derzeit stärker an als auf See, wie der jüngste Nordex-Großauftrag zeigt. International geben Betreiber wie RWE sogar ihr Offshore-Geschäft in den USA auf.
Wichtiger wird die Studie für die maritime Raumplanung, die Windflächen und grenzüberschreitende Wasserbilanzen zusammen denken sollte. Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Küstenschutz im Norden gewinnen ein Argument, bei sehr großen Parkclustern früh mitzureden. Den nächsten Schritt kündigt das Team bereits an: die Wirkung auf Ozean und Ökosysteme.