Auf der Erfolgsliste von NHS England stehen 29 Klinikträger, die Palantirs Datenplattform nach eigener Angabe gar nicht oder kaum nutzen. Das zeigen Auskünfte nach dem britischen Informationsfreiheitsgesetz. Der Vertrag über 330 Millionen Pfund, rund 396 Millionen Euro, kann im März 2027 enden.
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29 britische Klinikträger, die NHS England öffentlich als Nutznießer von Palantirs Datenplattform FDP (Federated Data Platform) aufführt, setzen das System nach eigener Auskunft nicht oder kaum ein. Das berichtete der Guardian am Montag.[1] Grundlage sind mehr als 100 Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz, die die Organisation Medact gestellt und an die Zeitung weitergegeben hat. Medact, ein Zusammenschluss von Beschäftigten im Gesundheitswesen, setzt sich dafür ein, dass sich der NHS von Palantir trennt.
Das Wichtigste in Kürze
- NHS England führt 137 Klinikträger als „live“ mit der Plattform, einen Teil davon zusätzlich als Träger, die einen Nutzen melden.
- 29 Träger aus dieser Liste antworteten, das System laufe nicht oder sie nutzten keine seiner Anwendungen.
- Der Vertrag mit Palantir hat einen Wert von 330 Millionen Pfund, rund 396 Millionen Euro zum EZB-Referenzkurs vom 30. Oktober 2026.
- Die erste feste Laufzeit endet im März 2027, verlängert wird nur auf ausdrücklichen Beschluss des Gesundheitsministeriums.
Was die Klinikträger antworten

Die Antworten fallen deutlich aus. Epsom and St Helier nutzt die Plattform „im Moment nicht“, Mersey Care hat sie noch nicht in Betrieb genommen, und in Nottingham ist laut Klinikleitung „kein Zeitplan für die Einführung vereinbart“. Die University Hospitals of North Midlands schreiben, die Plattform laufe nicht, und eine Einführung sei auch künftig nicht geplant.[1]
NHS England hält dagegen, fast 140 Träger profitierten nach eigenen Meldungen inzwischen von den Werkzeugen der Plattform. Zur Liste zählen nach früheren Angaben der Behörde auch Häuser, die das System nur für Datenanalysen in der Verwaltung oder für Datenlieferungen verwenden. Torbay and South Devon etwa setzt die Plattform nach eigener Aussage „derzeit nicht operativ“ ein, gilt bei NHS England aber als „live“, weil die technische Infrastruktur für Datenlieferungen steht.[1]
Marc Farr, Vorsitzender des Netzwerks der Daten- und Analysechefs im NHS, nennt die Lücke zwischen Liste und Antworten „besorgniserregend“. Für den Rückhalt in der Öffentlichkeit sei entscheidend, dass der Nutzen genau, transparent und nachprüfbar berichtet werde.[1]
Warum der Streit jetzt eskaliert
Der Vertrag läuft zunächst drei Jahre und lässt sich danach um zwei, ein und noch einmal ein Jahr verlängern. Die erste Laufzeit endet im März 2027, jede Verlängerung braucht einen ausdrücklichen Beschluss des Gesundheitsministeriums.[2] Der Wissenschafts- und der Gesundheitsausschuss des Unterhauses fordern, den Vertrag zu diesem Zeitpunkt nicht zu verlängern. Chi Onwurah, Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, will danach eine offene Ausschreibung, bei der ein britischer Anbieter zum Zug kommen kann.[1]
Auch die wichtigste Erfolgszahl steht auf dem Prüfstand. Laut NHS England führten Kliniken mit der Plattform in einem Jahr 117.539 zusätzliche Operationen durch. Im Sommer räumte die Behörde ein, Ursache und Wirkung nicht belegen zu können. Die Statistikaufsicht OSR untersucht nun auch die Liste der Träger, die einen Nutzen melden.[1] Schon im August hatte ein Regierungsbericht Kosten über dem erwarteten Nutzen ausgewiesen.
Eine Klinik, die nur Daten durchleitet, belegt keinen Nutzen. Mit dieser Zählweise sieht jeder Vertrag gut aus.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Palantir verweist auf eigene Kennzahlen: 14,3 Prozent weniger Langzeitpatienten, deren Entlassung sich verzögert, und 5,6 Prozent mehr Menschen, die binnen 28 Tagen eine Krebsdiagnose oder Entwarnung erhalten. Louis Mosley, Chef des Konzerns für Großbritannien und Europa, warnt, mit einem Ende des Vertrags stelle die Regierung politisches Kalkül über das Wohl der Patienten.[1]
Was Behörden im deutschsprachigen Raum daraus lernen
Auch in Deutschland arbeiten Behörden mit Palantir. Hessen betreibt seit 2017 die Plattform HessenData auf Basis von Palantir Gotham, Bayern und Nordrhein-Westfalen setzen vergleichbare Polizeisoftware ein. Im Gesundheitswesen steht die nächste Welle bevor: Der Europäische Gesundheitsdatenraum nach Verordnung (EU) 2025/327 regelt die Zweitnutzung von Gesundheitsdaten im Wesentlichen ab März 2029.[3]
Der britische Fall zeigt eine Lücke, die jede Ausschreibung schließen kann. „Live“ beschreibt einen technischen Anschluss, keinen Nutzen. Beschaffer sollten deshalb vertraglich festlegen, welche Anwendungen in welchem Umfang laufen müssen, bevor eine Einrichtung als erfolgreicher Nutzer zählt. Die Zählweise gehört in den Vertrag, nicht in die spätere Pressearbeit.
Quellen
3 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- The GuardianPalantir AI tech unused or little used by 29 NHS trusts said to be benefiting from it
- StotlesPalantir NHS contract: what the Federated Data Platform break clause means for public sector suppliers (Stand 19. Oktober 2026)
- EUR-LexVerordnung (EU) 2025/327 über den europäischen Gesundheitsdatenraum
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