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In den Bars von São Paulo weicht der geometrische Minimalismus einem verspielten Retro-Branding. Studios wie Caxa, Arado und Sarau zitieren Cachaça-Etiketten, Obstkisten vom Markt und handgemalte Ladenschilder. Die Tanzbar Suei schreibt ihren Namen sogar auf drei völlig verschiedene Arten und verzichtet damit bewusst auf schnelle Wiedererkennung.

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Retro-Branding mit Illustrationen, Handlettering und Druckfehler-Optik prägt laut der Grafikdesignerin Elaine Ramos die neuen Bars ihrer Heimatstadt.[1] Ramos berichtet als Korrespondentin des britischen Designmagazins It’s Nice That aus São Paulo und führt dort ein eigenes Studio für Kulturkunden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Neue Bars in São Paulo setzen auf illustrierte Retro-Identitäten statt auf geometrischen Minimalismus.
  • Vorbilder sind Cachaça-Etiketten, Obstkisten aus dem Flexodruck, Werbung der 1970er-Jahre und handgemalte Schilder.
  • Elaine Ramos kritisiert, dass viele Gestalter ihre Referenzen nur noch aus Pinterest-Vorschlägen beziehen.
  • In Deutschland schützt eine Wortmarke den Namen in allen üblichen Schriftarten, die Online-Anmeldung kostet 290 Euro.

Warum wechseln die Bars in São Paulo zum Retro-Look?

Schnapsflasche mit Etikett und orangefarbenem Anhänger
Neue Bars und Restaurants in São Paulo experimentieren mit innovativen Designidentitäten statt konservativer Unternehmensmarken

Im Zuge des Immobilienbooms eröffnen in São Paulo laufend neue Bars und Restaurants, meist mit kleinem Budget. Bar-Marken lassen Gestaltern laut Ramos mehr Freiheit als klassische Unternehmensmarken und taugen deshalb zum Experiment.

Jahrelang griffen die Studios zum immer gleichen Werkzeugkasten aus Punkten, Bögen und zerlegten Buchstaben. Die neuen Identitäten reichen dagegen weit über Logo und Ladenschild hinaus. Bei der Brauerei Duas Irmãs steht die komplette Speisekarte von Hand auf der Wand, für die Bar Ovo empfiehlt das Studio Sarau analoge Fotos mit Blitz.

Woher holen die Studios ihre Vorbilder?

Die Studios greifen auf die Alltagsgrafik Brasiliens zurück: Verpackungen, Etiketten, Ladenschilder und Werbung aus dem 20. Jahrhundert.

Caxa sammelte für die Bar Exquisito billig bedruckte Streetfood-Verpackungen und Obstkisten aus dem Flexodruck, samt verrutschter Farbflächen. Zum Projekt gehört eine eigene Hausschrift, gezeichnet nach den Beschriftungen kleiner Marktstände. Sarau zitiert für Bar Ovo Cachaça-Etiketten und Streichholzschachteln, Flora de Carvalho für Suei die naive Werbung der 1970er-Jahre.

Nicht alle Vorbilder stammen aus Brasilien. Das Duo PS2, laut Ramos inzwischen in Hamburg ansässig, entwarf für die neue Bar Disco Aperitivo eine Identität nach italienischen Sommern der 1970er-Jahre, im Schriftzug wurden die O zu Oliven.

Ramos sieht in der Welle auch eine Ironie. Die Stadt reißt Altes bereitwillig ab, nur wenige Bars haben die Jahrzehnte unverändert überstanden. Die Grafiker müssen Echtheit deshalb erst herstellen. Die Recherche dafür schrumpft nach Beobachtung der Designerin oft auf die Vorschläge des Pinterest-Algorithmus.

Retro-Branding in Brasilien: sechs Bars, sechs Vorbilder
Welche Alltagsgrafik die Studios für ihre Bar-Identitäten zitieren

Projekte im Zeitverlauf

2020
Exquisito von Caxa
Streetfood-Verpackungen, Obstkisten aus dem Flexodruck, eigene Marktschrift
2022
Duas Irmãs von Arado
Werbegrafik des frühen 20. Jahrhunderts, Speisekarte von Hand auf die Wand gemalt
2024
Bar Ovo von Sarau
Cachaça-Etiketten, Streichholzschachteln und analoge Fotos mit Blitz
2024
Salva Bar von Biabum
Risograph-Optik und ein Schriftzug nach einer Jorge-Amado-Ausgabe von 1968, in Rio de Janeiro
2025
Suei von Flora de Carvalho
Werbung der 1970er-Jahre, drei verschiedene Schreibweisen des Namens
2026
Disco Aperitivo von PS2
Italienische Sommer der 1970er, die O im Schriftzug werden zu Oliven
In Deutschland schützt eine Wortmarke den Namen in allen üblichen Schriftarten. Die elektronische Anmeldung beim DPMA kostet 290 Euro für bis zu drei Klassen.

Retro-Branding braucht eigene Recherche, sonst bekommen alle Bars dieselbe Patina von Pinterest.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Was können Marken im DACH-Raum daraus lernen?

Eine Wortmarke deckt laut Deutschem Patent- und Markenamt die Zeichenfolge in sämtlichen üblichen Schriftarten ab. Den Namen einer Bar mit wechselnden Schreibweisen wie Suei sichert hierzulande also die Wortmarke, das gezeichnete Lettering selbst erst eine eigene Wort-/Bildmarke.[2] Die elektronische Anmeldung kostet 290 Euro für bis zu drei Klassen, auf Papier 300 Euro.

Die Rewe Group ging Anfang Oktober den umgekehrten Weg und strich die Quadrate aus ihrem Logo. Gastronomen und Händler, die stattdessen auf Nostalgie setzen, sammeln ihre Referenzen besser in der eigenen Region: auf alten Emailschildern, Bäckertüten oder Etiketten der örtlichen Brauerei.

Im Webdesign beklagen Gestalter längst einen ähnlichen Einheitslook aus übernommenen Voreinstellungen. Bei der Wahl einer Branding-Agentur lohnt deshalb die Frage nach ihrer Recherchemethode.

Quellen

[1] It’s Nice That (Elaine Ramos): „How retro branding is bringing warmth and fun to São Paulo’s bars and restaurants“

[2] Deutsches Patent- und Markenamt: „Merkblatt für Markenanmelder“ (Ausgabe Juli 2026)

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