Eine Markenidentität für die Energiebranche muss eine unbequeme Prüfung bestehen: Erkennt der Monteur am Strommast dieselbe Marke wie der Vorstand im Sitzungssaal? Das norwegische Start-up GridScout, dessen Sensoren Strommasten überwachen, richtete seine Identität nicht an der Tech-Ästhetik aus, sondern am Pfadfindertum.

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Aus dieser einen Entscheidung wird ein Lehrstück für jede Marke in einer konservativen Branche. Die eigentliche Arbeit steckt nämlich nicht im Logo, sondern in der Bildwelt, die drei sehr verschiedene Zielgruppen zugleich überzeugt.

Das Wichtigste in Kürze

  • GridScout baut Sensoren, die an Strommasten Vibration, Feuchtigkeit, Neigung und Spechtschäden erkennen, bevor ein Ausfall entsteht.
  • Die Trondheimer Agentur Skogen entlehnte die Bildsprache dem Pfadfindertum statt der Tech-Szene, damit die Marke vom Monteur bis zum Aufsichtsrat glaubwürdig bleibt.
  • Ein abstraktes Zeichen aus Spechtkopf und Nadel löste das frühere, wörtliche Specht-Logo ab.
  • Verdienstabzeichen nach Pfadfinder-Vorbild stehen je für einen gelösten Anwendungsfall, die Schrift liefert die Foundry Dinamo.

Warum borgt eine Deep-Tech-Marke beim Pfadfindertum?

Grüne Kappe mit vier Patches (Mast, Tropfen, Gradzeichen, Vogelkopf) und seitlichem Anhänger
GridScout nutzt Pfadfinder-Ästhetik, um konservative Netzbetreiber, Feldtrupps und Aufsichtsräte gleichermaßen anzusprechen und Vertrauen durch historische Authentizität statt Tech-Referenzen zu schaffen

Konservativ und risikoscheu: So beschreibt Skogen die Branche, in die GridScout verkauft. Die Identität muss zugleich für Trupps im Feld, für Netzbetreiber und für Aufsichtsräte funktionieren, die Sicherheit, Kosten und Risiko abwägen. Skogen-Designerin Embla Eide Robertson begründet den Griff zum Pfadfindertum mit echtem Stolz und echter Geschichte, nicht mit einer Tech-Referenz.

Das Versprechen lautet verlässlicher Kollege an jedem Masten. Das gestalterische Gerüst bleibt über alle Oberflächen gleich, nur der Ton wird im Verkaufsmaterial leiser, ähnlich wie beim neuen Corporate Design der Deutschen Bahn, das ein durchgängiges Prinzip über alle Kanäle zieht.

Was macht das Zeichen glaubwürdig?

Abstrakt statt wörtlich: Das frühere Logo zeigte buchstäblich einen Specht, weil Spechte die Masten beschädigen. Das neue Zeichen verbindet einen Spechtkopf mit einer Nadel, die auf einen Punkt zuläuft, passend zur Zeile „Find it. Fix it.“. Das Zeichen bleibt bis zur Größe eines App-Icons lesbar, dieselbe Sorgfalt prägt auch Cursors handgezeichnetes Icon-System.

Olivgrün und Creme prägen den Alltag, während Warnorange und Grün für Alarme in App und Hardware reserviert bleiben. Die Bildsprache greift auf Leinwand, Landkarten, Ferngläser und Warnwesten zurück, deren Texturen Skogen einscannte. Die Schrift kommt von der Foundry Dinamo, ihr Mono-Schnitt trägt die winzigen Messmarken der Feldinstrumente.

Ein Logo ist schnell gezeichnet. Die eigentliche Markenarbeit beginnt bei der Frage, ob eine Bildwelt vom Monteur bis zum Aufsichtsrat dieselbe Glaubwürdigkeit trägt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was heißt das für Marken im DACH-Raum?

Gegen den Tech-Reflex: Immer mehr Deep-Tech-Anbieter verlassen den austauschbaren Blauverlauf und wählen eine Bildwelt, die zur Branche passt statt zum Silicon-Valley-Klischee. Im DACH-Raum sind Netzbetreiber, Stadtwerke und Industrie ähnlich konservativ, also zählt weniger der modische Look als ein Zeichen, das den nächsten Rebrand übersteht, wie die Rückbenennung der DWS zur Deutschen Asset Management zeigt.

Übertragbar bleibt vor allem eine Metapher mit echtem Substrat statt bloßem Dekor, dazu ein System, dessen Ton sich verschiebt, während das Gerüst steht. GridScout gießt die Nutzenfrage zusätzlich in Verdienstabzeichen nach Pfadfinder-Vorbild, von denen jedes für einen gelösten Anwendungsfall steht. Als Fundus für eigene Zeichen taugt die Logo-Galerie Looogos.

GridScouts Identitätssystem auf einen Blick

Ein Gerüst, drei Zielgruppen, ein verschiebbarer Ton.

Im Feld

Trupps am Masten

Direkter, lauter Ton, robuste Kennzeichnung direkt auf der Hardware.

Im Betrieb

Netzbetreiber

Technische Messmarken und Diagnose-Lesbarkeit stehen im Vordergrund.

Im Gremium

Vorstand

Ruhiger Ton in Präsentation und Web, dasselbe System darunter.

Olivgrün und Creme tragen den Alltag. Warnorange und Grün bleiben den Alarmen in App und Hardware vorbehalten.

6

Mitarbeiter des Start-ups gestalteten die Identität mit.

ABC ROM

Hausschrift der Foundry Dinamo, Mono-Schnitt für die Feld-Messmarken.

1

Zeichen aus Spechtkopf und Nadel ersetzte das wörtliche Specht-Logo.

Quellen

[1] The Brand Identity: „Skogen borrows from scouting, not tech, for GridScout’s identity“

[2] GridScout: Produkt- und Unternehmensseite

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