Webdesign sieht immer öfter gleich aus. Der Essay „The Default Is Not a Design Decision“ führt den Einheitslook von SaaS-Oberflächen auf Voreinstellungen in Design-Systemen, Figma-Bibliotheken und KI-Werkzeugen zurück. Eine Studie zu über 10.000 Websites maß den Trend: Zwischen 2010 und 2019 schrumpfte der mittlere Abstand zwischen den Layouts um 43 %.

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Den Einheitslook im Webdesign kennen Produktmanager aus fast jeder Software-Demo: Inhalte stecken in Karten, die Navigation sitzt in einer linken Seitenleiste, und die serifenlose Schrift erscheint in einem Grau knapp über Schwarz. Ohne Logo lassen sich viele SaaS-Produkte kaum noch auseinanderhalten.[1] Der Essay auf hipuku.dev geht der Frage nach, wer diese Standards gesetzt hat und warum KI-Werkzeuge sie gerade vervielfältigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Computer-Vision-Analysen zeigen, dass sich die Layouts von Websites seit 2007 messbar angleichen, besonders bei Seiten mit der Bibliothek Bootstrap.
  • Der Essay nennt vier Treiber: Plattformvorgaben, Komponenten-Bibliotheken in Figma, den Dribbble-Geschmack und zuletzt die Automatisierung durch KI.
  • KI-Design-Tools liefern den wahrscheinlichsten Entwurf und übernehmen vorhandene Design-Systeme samt geerbter Vorlagen ungeprüft.
  • Barrierefreiheit verlangt Konsistenz innerhalb der eigenen Website, keine Gleichförmigkeit zwischen verschiedenen Marken.

Warum sehen Websites und SaaS-Produkte immer gleicher aus?

Blaue Ausstechform und fünf hellbraune, rechteckige Kekse auf weißem Hintergrund
Frameworks und Bibliotheken führen zu einheitlicheren Webdesigns. Eine Studie analysierte über 200.000 Screenshots von 10.000 Websites und zeigte: Seit 2007 sank die Layoutvielfalt um über 30 Prozent

Frameworks, Bibliotheken und Plattformvorgaben schieben Entwürfe zu denselben Voreinstellungen. Forscher der Indiana University werteten über 200.000 Schnappschüsse von mehr als 10.000 Websites aus: Seit 2007 sank der mittlere Abstand zwischen den Seitenlayouts um über 30 %.[2]

Den Mechanismus benennt die Studie, die 2021 auf der Fachkonferenz CHI erschien, gleich mit. Teilen zwei Websites die Bibliothek Bootstrap, ähneln sich ihre Layouts deutlich stärker als bei anderen gemeinsamen Bibliotheken. Mit dem Smartphone wurde responsives Design zur Pflicht, und weil diese Technik viel Entwicklungsaufwand verlangt, rückten viele Entwürfe nah an die Voreinstellungen der Frameworks heran. Diese Deutung stützen die Autoren auf Interviews mit elf erfahrenen Webdesignern.[2]

Der Essay zeichnet die Verengung in vier Schritten nach. Apples Human Interface Guidelines von 1987 und der App Store ab 2008 machten Abweichungen von der Plattform teuer, Googles Material Design galt ab 2014 als sichere Wahl. Figma brachte öffentliche Vorlagen-Bibliotheken mit den Gestaltungsentscheidungen anderer Leute, und Dribbble belohnte Entwürfe, die im Vorschaubild von 400 × 300 Pixeln glänzten. Den vierten Schritt übernimmt nun die Automatisierung.[1]

Gleichförmigkeit hat einen echten Nutzen. Jakob Nielsen argumentierte im Juni 2024, Nutzer bildeten ihre Erwartungen anhand der Oberflächen, die ihnen am häufigsten begegnen, und fänden sich deshalb in neuen Apps ohne Handbuch zurecht.[3] Der Essay trennt diese funktionale Konsistenz von der ästhetischen. Ein Button muss als Button erkennbar sein, doch Schrift, Dichte und Farbstimmung muss kein Produkt vom Nachbarn übernehmen.

Warum verstärken KI-Design-Tools den Einheitslook?

Ein KI-Modell gibt auf eine Anfrage wie „schlichtes SaaS-Dashboard“ die wahrscheinlichste Lösung aus, also die häufigste.[1] Werkzeuge wie Claude Design wenden zudem das vorhandene Design-System eines Teams automatisch auf jedes neue Projekt an, auch Vorlagen, die nie jemand bewusst ausgewählt hat.[4]

Wie direkt eine Vorlage im Ergebnis landet, zeigte Figma im Sommer 2024. Die KI-Funktion Make Designs erzeugte auf die Anfrage nach einer Wetter-App mehrfach Entwürfe, die Apples eigener Wetteranwendung glichen, und Figma schaltete die Funktion Anfang Juli ab. Die Ursache lag nach Darstellung von Figmas Design-Vizepräsident Noah Levin in ungeprüften Komponenten und Beispiel-Screens, die kurz vor der Konferenz Config in die zwei eigens beauftragten Design-Systeme gewandert waren. Als KI-Modelle nutzte Figma GPT-4o von OpenAI und Titan von Amazon.[5]

Anthropic stellte am 17. April 2026 Claude Design vor. Beim Einrichten liest das Werkzeug Codebasis und Design-Dateien eines Teams, baut daraus ein Design-System und übernimmt Farben, Typografie und Komponenten in jedes folgende Projekt.[4] Der Essay sieht darin das Kernproblem: Stammt das bestehende System aus zusammengeklickten Gratis-Vorlagen, gibt Claude Design dieses Erbe unverändert weiter und unterscheidet nicht zwischen bewusster und geerbter Entscheidung.[1]

Wie schnell ein Hausstil sichtbar wird, zeigen Karussell-Beiträge auf Instagram, TikTok und Threads, die hipuku.dev gesammelt hat. Konten ohne jede Verbindung zueinander zeigten denselben cremefarbenen Grund, dieselbe Serifen-Überschrift mit einem kursiven Wort in Akzentfarbe und dieselben kleinen Monospace-Labels. Der Designer Bill Cava führte diese Formensprache laut Essay auf den voreingestellten Stil von Claude Design zurück.[1] Bei Bildgeneratoren ist das Muster bekannt: KI-Plakate sehen oft alle gleich aus, solange niemand einen Stil vorgibt.

Wie sich das Web angeglichen hat
Messwerte aus der CHI-Studie und Wegmarken vom Styleguide bis zum KI-Design-Tool
43 %
weniger mittlerer Abstand zwischen Website-Layouts von 2010 bis 2019
10.000+
Websites mit über 200.000 Schnappschüssen wertete die CHI-Studie aus
2
eigens beauftragte Design-Systeme speisten die Figma-Funktion Make Designs

Wegmarken zum Einheitslook

1987
Apple veröffentlicht die ersten Human Interface Guidelines.
ab 2007
Nach dem Start des iPhones beginnen sich die Layouts von Websites anzugleichen.
2014
Google stellt Material Design vor.
Juli 2024
Figma schaltet Make Designs ab, nachdem Entwürfe Apples Wetter-App glichen.
April 2026
Claude Design liest Design-Systeme aus Codebasis und Design-Dateien aus.

Eine Voreinstellung spart so lange Zeit, bis Kunden Ihr Produkt nicht mehr von drei Wettbewerbern unterscheiden. Die Gestaltungsentscheidung gehört deshalb vor den ersten Prompt.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Was sollten Unternehmen jetzt anders machen?

Teams sollten klären, welche Konventionen der Bedienung dienen und welche nur übernommen wurden. Bevor ein KI-Werkzeug das Design-System einliest, lohnt ein Abgleich von Farben, Schriften und Komponenten mit der eigenen Marke.

Rechtlich verlangt keine Vorschrift den Einheitslook. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025 und verweist über die Norm EN 301 549 auf die WCAG 2.1 in Stufe AA. Deren Kriterien 3.2.3 und 3.2.4 fordern eine gleichbleibende Navigation und eine einheitliche Kennzeichnung gleicher Funktionen innerhalb einer Website.[6] Barrierefreiheit schreibt also Konsistenz im eigenen Angebot vor, die Optik der Konkurrenz spielt dafür keine Rolle.

Im Design-System selbst hilft die Trennung zwischen Bedeutung und Wert. Die semantische Ebene der Design Tokens legt fest, welche Farbe einen Fehler oder die Hauptaktion markiert, die konkreten Werte bleiben Sache der Marke. Ein maschinenlesbares Designsystem gibt KI-Werkzeugen genau diese Regeln mit. Ohne solche Vorgaben greifen KI-Agenten zum immer gleichen grauen Icon.

Eine eigene Handschrift zahlt sich vor allem in Märkten aus, in denen Produkte sonst austauschbar wirken. Wie ein B2B-Anbieter dem üblichen Tech-Look entkommt, zeigt die Markenidentität von GridScout. Fehlt im Haus die Kapazität, hilft der Webdesign-Agentur-Vergleich bei der Suche nach einem Partner. Für den nächsten Relaunch empfehlen sich vier Schritte:

  • Übernommene Komponenten aus öffentlichen Vorlagen-Bibliotheken auflisten und für jede entscheiden, ob sie bleibt.
  • Das Design-System bereinigen, bevor Claude Design, die KI-Funktionen von Figma oder v0 darauf zugreifen.
  • Navigation, Formularverhalten und Bedienmuster beibehalten, weil Nutzer diese Konventionen erwarten und die WCAG sie verlangen.
  • Vor dem ersten Prompt eine eigene Skizze anfertigen und den KI-Entwurf daneben legen, statt den ersten Vorschlag nur zu verfeinern.

Quellen

[1] hipuku.dev: „The Default Is Not a Design Decision“

[2] Sam Goree, Bardia Doosti, David J. Crandall, Norman Makoto Su (CHI 2021): „Investigating the Homogenization of Web Design: A Mixed-Methods Approach“

[3] Jakob Nielsen: „End of Monoculture UI“

[4] Anthropic: „Introducing Claude Design by Anthropic Labs“

[5] Figma: „An Update on our Make Designs Feature“

[6] W3C: „Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1“

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