UX-Design ist älter als sein Name: Die ersten Regeln entstanden in den Bell Labs der 1940er Jahre, lange vor Don Normans Jobtitel bei Apple. Der Designer Patrick Neeman zerlegt sechzig Jahre Disziplin in fünf Epochen und zeigt, dass die KI-Ära ausgerechnet die ältesten Prinzipien belohnt. Für Entscheider hängt daran, wofür ihre Design-Teams künftig bezahlt werden.

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UX-Design durchläuft 2026 den stärksten Stellenabbau seiner Geschichte, schlimmer als das Tief nach der Finanzkrise 2009, so der UXPA-Gehaltsreport. Zugleich sinkt der Preis, Designarbeit zu produzieren, Richtung null. Neeman führt den Umbruch auf ein Muster zurück, das sich seit den Bell Labs wiederholt: Die Disziplin behält in jeder Epoche die bequeme Gewohnheit und vergisst die eigentliche Lektion.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Der UX-Fachautor Patrick Neeman teilt sechzig Jahre UX-Design in fünf Epochen: Human Factors, Web, Mobile, Design-Systeme und KI.
  • Jede Epoche hinterlässt eine dauerhafte Lektion und eine Gewohnheit zum Ablegen; die KI-Ära belohnt die zwei ältesten Einsichten.
  • Sinkende Produktionskosten ließen Design bisher stets wachsen, doch der Hebel verschiebt sich von der Oberfläche zu Regeln, Struktur und Daten.
  • Für DACH-Teams zählen Informationsarchitektur und die semantische Ebene des Design-Systems bald mehr als die Zahl gelieferter Entwürfe.

Warum wiederholt UX-Design in jeder Epoche denselben Fehler?

Fünf gestapelte, quadratische Acrylblöcke mit Inschrift „GEGRÜNDET 1940“ auf der Basis
UX-Design wiederholt historisches Muster: Es nutzt Vorteile neuer Technologien, ignoriert aber deren langfristige Lektionen. Das Jevons-Paradoxon zeigt: Billigere Ressourcen führen zu höherem Verbrauch, nicht zu Einsparungen

In jeder Epoche behält UX-Design die bequeme Gewohnheit der neuen Technik und verwirft die dauerhafte Lektion, die mit ihr kam. Genau dieses Muster macht die KI-Ära gefährlich und zugleich lehrreich.

Neeman stützt seine Diagnose auf das Jevons-Paradox: Sobald eine Ressource billiger wird, sinkt der Verbrauch nicht, er steigt. Der Personal Computer, der Browser, das Smartphone und das Design-System machten Gestaltung jeweils günstiger, und jedes Mal wuchs die Branche, statt zu schrumpfen. Steve Jobs brachte die durchgehende Lektion 2003 auf den Punkt: Gutes Design zeige sich daran, wie ein Produkt funktioniert, nicht an seinem Aussehen.

Welche fünf Epochen prägten das UX-Design?

Von den Bell Labs bis zur generativen KI durchlief UX-Design fünf Epochen: Human Factors (1940–1988), Web (1994–2007), Mobile (2007–2014), Design-Systeme (2014–2022) und die KI-Ära seit 2022.

Die Human-Factors-Epoche begriff Erfahrung als das ganze System, das ein Mensch berührt, nicht nur die Oberfläche. Die Web-Epoche machte Informationsarchitektur zum Kern, weil die Struktur über Bedienbarkeit entscheidet, bevor die erste Gestaltungsfrage fällt. Die Mobile-Epoche zeigte, dass Beschränkung Fokus erzwingt.

Die Design-Systeme-Epoche industrialisierte das Wiederholbare mit Figma, Tokens und Komponenten, doch aus der Effizienz wurde ein Ritual aus Abstimmungen. Die KI-Ära verschiebt den Hebel nach oben, hin zu den Regeln und der Struktur, gegen die das Modell arbeitet. Wie stark das die Rollen verschiebt, zeigt der Streit um agentische Design-Tools von Miro und Figma.

Fünf Epochen des UX-Designs: Lektion und Gewohnheit
Was jede Ära lehrte und was sie zur Last werden ließ.
Human Factors1940–1988
BleibtErfahrung ist das ganze System, das ein Mensch berührt, nicht nur die Oberfläche.
Wegdie Einengung des Fachs auf Pixel und Abläufe.
Web1994–2007
BleibtStruktur entscheidet über Bedienbarkeit, bevor die erste Gestaltungsfrage fällt.
WegInformationsarchitektur zur einmaligen Projektphase degradieren.
Mobile2007–2014
BleibtBeschränkung erzwingt Fokus: eine Hauptaktion pro Bildschirm.
Wegauf das Gerät warten, statt selbst zu fokussieren.
Design-Systeme2014–2022
Bleibtdas Wiederholbare systematisieren, mit Figma, Tokens und Komponenten.
Wegdas Ritual aus Abstimmungen als Selbstzweck pflegen.
KI-Äraseit 2022
Bleibtder Hebel liegt oben, in den Regeln und der Struktur, gegen die das Modell arbeitet.
Wegden eigenen Wert an der Zahl gelieferter Entwürfe messen.

Die KI-Ära bezahlt nicht mehr die schönste Oberfläche, sondern die klarste Struktur darunter. Design-Teams, die weiter Entwürfe zählen statt Architektur zu bauen, optimieren genau den Teil, den die Maschine übernimmt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was heißt das für Design-Teams im DACH-Raum?

Für DACH-Unternehmen zählt künftig die maschinenlesbare Grundlage: Informationsarchitektur und die semantische Ebene des Design-Systems entscheiden mehr über den Wert eines Teams als die Zahl gelieferter Entwürfe.

Der Rückbau trifft auch hier: Laut der US-Handelsbehörde nutzt gut ein Drittel der Firmen ab 250 Beschäftigten KI, quer über alle Betriebe rund ein Fünftel.[2] Teams, die die über ein Jahrzehnt gelöschte Struktur jetzt unter Zeitdruck neu aufbauen, zahlen doppelt. Genau darum lohnt der Blick auf die semantische Ebene des Design-Systems und auf datengetriebene Design-Systeme.

Die Handlungsempfehlung bleibt unbequem schlicht: Statt gelieferte Entwürfe zu zählen, messen Sie die Klarheit der Strukturen, gegen die Ihre Werkzeuge arbeiten. Pflegen Sie Informationsarchitektur und Design-Tokens als Anlage, nicht als abgehakte Projektphase. Neemans Fazit gilt gerade für den Mittelstand: Zum ersten Mal weist die älteste Lektion der Disziplin den Weg nach vorn.

Quellen

[1] Patrick Neeman: „Five eras of UX design and the lessons to keep in the AI era“ (UX Collective)

[2] US Census Bureau: Business Trends and Outlook Survey, KI-Nutzung der Unternehmen

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