Leder an den Winterstiefeln, die Sie gerade aus dem Keller geholt haben, stammt meist von einem Rind, das wegen seines Fleisches geschlachtet wurde. Die Haut fiel nebenbei ab. Seit dem 18. September 2026 nimmt die EU Rinderhäute und Leder von der Pflicht aus, eine entwaldungsfreie Herkunft nachzuweisen, das Rindfleisch vom selben Tier bleibt nachweispflichtig.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Gerber haben diese Ausnahme jahrelang in Brüssel verlangt, mit einem Argument, das ihre eigene Branche kleinmacht: Eine Haut sei zu wenig wert, um damit Druck auf Rinderzüchter in Brasilien auszuüben. Diese Stoffgeschichte folgt dem Leder vom 5.500 Jahre alten Schuh aus einer armenischen Höhle über die Gerberviertel Europas bis zu den Werkstätten von Hermès und erklärt, warum ausgerechnet einer der ältesten Werkstoffe der Menschheit an Wert verliert.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Die Delegierte Verordnung (EU) 2026/2102 strich rohe Rinderhäute, gegerbte Häute und fertiges Rindleder aus der Entwaldungsverordnung. Für Rindfleisch greift die Nachweispflicht wie geplant ab dem 30. Dezember 2026.
- Der Preisverfall: Der Häutepreis des Internationalen Währungsfonds lag im Juli 2026 bei umgerechnet 1,12 Euro je Kilo, halb so hoch wie im Oktober 2014. Branchenverbände schätzen, dass rund 40 Prozent der Rinderhäute weltweit verloren gehen.
- Die Machtverteilung: Die USA liefern ein Viertel der gehandelten Rohhäute, China kauft fast die Hälfte, Italien bestreitet knapp ein Drittel der weltweiten Exporte von fertigem Rindleder.
- Die deutsche Lage: Deutschland exportiert mehr Rohhäute, als das Land importiert, kauft aber Lederschuhe für 5,4 Milliarden Euro im Jahr im Ausland. Hiesige Gerbereien wie Bader in Ichenhausen beliefern vor allem die Autoindustrie und Nischen wie Orthopädie und Reitsport.
Bluff oder Wissen? Der Leder-Check
1 Wie alt ist der älteste bekannte Lederschuh Eurasiens? Aufklappen ↓
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2 Welches Teil eines US-Schlachtochsen war am 9. Oktober 2026 je 100 Pfund Lebendgewicht etwas mehr wert als die Haut? Aufklappen ↓
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3 Wie viel Prozent des Leders weltweit sind nach dem Referenzdokument der EU-Kommission mit Chromsalzen gegerbt? Aufklappen ↓
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4 Welches Land exportierte 2024 am meisten fertiges Rindleder? Aufklappen ↓
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5 Seit wann fällt Leder nicht mehr unter die EU-Entwaldungsverordnung? Aufklappen ↓
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Was ist Leder und wie entsteht der Werkstoff aus der Haut?
Leder ist gegerbte Tierhaut, ein Geflecht aus dem Eiweiß Kollagen, das Gerbstoffe chemisch vernetzen. Nach der Gerbung fault die Haut nicht mehr, hält Hitze aus und bleibt biegsam. Rund 69 Prozent des Leders weltweit stammen vom Rind, der Rest von Schaf, Ziege und Schwein.
Eine Lagerstätte im Sinne von Erz oder Erdöl hat Leder nicht.
Der Rohstoff kommt aus dem Schlachthof. Weltweit leben nach dem US-Branchenverband Leather and Hide Council of America (LHCA) mehr als 1,5 Milliarden Rinder, aus deren Schlachtung jedes Jahr rund 334 Millionen verarbeitbare Häute anfallen könnten. Wie viele davon tatsächlich zu Leder werden, entscheidet nicht der Bauer, sondern die Nachfrage der Gerbereien.
Für Leder zählen zwei Schichten der Haut. Oben liegt der Narben, ein dicht verwobenes Gewebe aus Kollagenfasern, das später die sichtbare Oberfläche bildet. Darunter folgt die dicke Lederhaut, das Corium, mit gröberen, kräftig verflochtenen Fasern. Der Winkel, in dem diese Fasern sich kreuzen, entscheidet nach der Leather Working Group über Härte und Dehnung des fertigen Leders. Zu Beginn lösen die Gerber Haare und Oberhaut chemisch ab. Was bleibt, ist reines Kollagen, und genau dieses Eiweiß würde ohne Behandlung verrotten.
Die Gerbung verhindert das. Nach dem Referenzdokument der EU-Kommission für Gerbereien stabilisieren die Gerbstoffe die Kollagenfasern, indem sie die Eiweißketten miteinander vernetzen. Die Haut wird danach formstabil, reißfest und hitzebeständig. Das häufigste Gerbmittel ist basisches Chromsulfat, ein Salz des dreiwertigen Chroms. Das giftige sechswertige Chrom setzen Gerbereien zum Gerben nicht ein.
Zwischen 80 und 90 Prozent des heute erzeugten Leders sind nach dem EU-Referenzdokument mit Chromsalzen gegerbt. Der Branchenverbund Leather Naturally nennt rund 75 Prozent.
Der Grund für die Dominanz ist Tempo: Vom Entkälken bis zum Ende der Chromgerbung vergehen rund 15 Stunden.
Die pflanzliche Gerbung mit Rinden- und Holzextrakten dauert im Fass ein bis drei Tage, in der klassischen Grube einige Wochen bis über ein Jahr. Sohlenleder aus der Altgrube mit Eichenlohe braucht nach dem Verband der Deutschen Lederindustrie (VDL) zwölf Monate und mehr. Dafür entsteht ein festes, warmtoniges Naturleder, das Sattler und Schuhmacher schätzen.
Aus einer Tonne gesalzener Rinderhaut werden nur 200 bis 250 Kilo Leder. Den Rest bilden Wasser, Fett, Haare und Abschnitte. Bis zum fertigen Leder verbraucht die Verarbeitung je Tonne Rohhaut 34 bis 40 Kubikmeter Wasser.
Die Qualität hängt davon ab, welche Schicht übrig bleibt. Vollnarbiges Leder behält die gewachsene Oberfläche vollständig. Beim Spalten trennen Maschinen die Haut in einen oberen Narbenspalt und einen unteren Spalt ohne Narben, das Spaltleder. Nubuk ist auf der Narbenseite samtig angeschliffen, Velours auf der Fleischseite.
Hat ein Leder eine Deckschicht von mehr als 0,15 Millimetern, gilt das Material nach VDL als beschichtetes Leder.
Förderkosten im eigentlichen Sinn fallen nicht an. Die Haut entsteht kostenlos mit dem Rind, das für Fleisch und Milch gehalten wird. Nach einem Factsheet von Leather Naturally machen Häute nur 3 bis 4 Prozent dessen aus, was ein Landwirt für sein Tier erlöst. Der europäische Gerberverband Cotance setzt den Rohhautwert am Schlachthof sogar mit nur 1,5 Prozent des Tierwerts an. Wie das Rind selbst zum Weltmarktgut wurde, erzählt die Stoffgeschichte über Rindfleisch.
Der Rohstoff des Leders kommt nicht aus einer Mine, sondern aus dem Schlachthof, als Nebenprodukt von Fleisch und Milch. Den Wert schafft erst die Gerbung, und vier von fünf Häuten gerbt heute Chrom in wenigen Stunden.
Wer entdeckte Leder und wie begann der Handel mit Häuten?

Leder hat keinen Entdecker, Menschen verarbeiten Tierhäute seit der Steinzeit. Der älteste bekannte Lederschuh Eurasiens stammt aus der Höhle Areni-1 in Armenien und ist rund 5.500 Jahre alt. Erst die Chromgerbung am Ende des 19. Jahrhunderts machte Leder zum Massengut.
Archäologen um Ron Pinhasi fanden den Schuh in einer Höhle im Süden Armeniens und datierten ihn auf 3627 bis 3377 vor Christus. Er besteht aus einem einzigen Stück Rindsleder, ist 24,5 Zentimeter lang, entspricht heute Größe 37 und war mit Gras ausgestopft. Die Studie erschien 2010 in der Fachzeitschrift PLoS ONE.
Ötzi, der Mann aus dem Eis, trug wenige Jahrhunderte später eine ganze Garderobe aus Häuten. Eine Genanalyse von 2016 ordnete den Mantel mindestens vier Schafen und zwei Ziegen zu, die Leggings einer Ziege, die Mütze einem Braunbären und die Schnürsenkel einem Hausrind.
Im Mittelalter wurde das Gerben zum städtischen Handwerk mit eigener Geografie. Gerbereien brauchten fließendes Wasser und stanken nach Fäulnis, Kalk und Lohe. Bern siedelte seine Gerber 1314 deshalb an den Stadtrand um, wie das Historische Lexikon der Schweiz verzeichnet. Rotgerber arbeiteten mit pflanzlicher Lohe für festes Leder, Weißgerber mit Alaun für weiches Handschuh- und Beutelleder.
Arm waren die Gerber deswegen nicht. Das Lexikon beschreibt die Gerber des Spätmittelalters als wohlhabend und angesehen.
Ab 1893 setzte sich die Gerbung mit Chromsalzen durch, und aus einem Verfahren, das Monate dauerte, wurde ein Prozess von Stunden. Leder wurde zum Industriegut für Treibriemen in Fabriken, Stiefel für Armeen und Schuhe für eine wachsende Stadtbevölkerung.
1849 übernahmen Carl Johann Freudenberg und sein Partner Heintze eine Gerberei in Weinheim an der Bergstraße und spezialisierten sich auf feine Kalb- und Lackleder. Bei Freudenbergs Tod 1898 zählte das Unternehmen nach der Firmenarchivarin Sibylla Schuster zu den größten Gerbereien Europas.
Aus der Lederfabrik ging später der heutige Technologiekonzern Freudenberg hervor.
Offenbach am Main wurde zur deutschen Hauptstadt der Lederwaren. 1776 entstand dort die erste Etui-Manufaktur, bald folgten Taschen, Brieftaschen und Reiseartikel. 1917 gründete Hugo Eberhardt das Deutsche Ledermuseum, ursprünglich als Vorbildsammlung für die Technischen Lehranstalten der Stadt.
Pirmasens in der Pfalz wurde zur Stadt der Schuhe. Die Schuhfabrik Neuffer beschäftigte in den 1920er-Jahren rund 1.200 Menschen und fertigte mehr als 26.000 Paar pro Woche.
Ein früher Weltmarkt für Häute entstand in Südamerika. Am Río de la Plata schlachteten Viehzüchter seit dem 18. Jahrhundert die Rinder der Pampa vor allem wegen Haut und Talg. Ab den 1780er-Jahren verarbeiteten die Saladeros, große Pökelbetriebe, die Tiere zu Salzfleisch, Häuten und Talg für Großbritannien und Kuba. Aus Buenos Aires und Montevideo verschifften Händler die Häute über den Atlantik.
Ein Förderkartell wie die Opec beim Erdöl entstand am Ledermarkt nie, weil jedes Land mit Rindern auch Häute erzeugt.
Leder begleitet den Menschen seit mindestens 5.500 Jahren, erst die Chromgerbung machte daraus ab 1893 ein Industriegut. Deutschland hatte mit Weinheim, Offenbach und Pirmasens damals ganze Lederstädte.
Wie hat Leder die Weltkarte verändert?

Leder zog keine Grenzen, verschob aber Arbeit und Umweltschäden über Kontinente. Häute gingen aus den Kolonien nach Europa, später wanderten die giftigsten Gerbschritte nach Asien. Heute verläuft die Front in Brüssel, wo die EU Leder gerade aus ihrem Waldschutzgesetz genommen hat.
Am Río de la Plata wuchs der Häuteexport nach Forschungen der Wirtschaftshistoriker Moraes und Stalla schon vor der Unabhängigkeit 1810 rasch. Nach dem Ende der spanischen Herrschaft lagen die Mengen noch höher, nur die Preise fielen bis etwa 1850.
Britisch-Indien band das Leder an die Armee. In Cawnpore, dem heutigen Kanpur, lagen schon Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Garnison und Werkstätten für Sattel- und Zaumzeug. 1881 entstand dort die Firma Cooper Allen, die als größte Militärstiefelfabrik der Welt galt. Kanpur ist bis heute ein Zentrum der indischen Gerberei. Mit den Gerbereien kam das giftige Abwasser. Im Stadtteil Jajmau verhandelt das indische Umweltgericht seit 2019 über Chrom-Altlasten, die seit 1976 im Boden liegen.
Im Dhakaer Viertel Hazaribagh standen nach Human Rights Watch 2012 rund 150 Gerbereien, 90 bis 95 Prozent aller Gerbereien des Landes. Laut Regierung flossen von dort täglich 21.600 Kubikmeter ungeklärtes Abwasser in den Fluss Buriganga, dazu kamen rund 75 Tonnen fester Abfall.
Der Staat verlegte die Branche nach Savar und baute eine zentrale Kläranlage. Fertig wurde das Projekt erst im Juni 2021, zum knapp Sechsfachen der geplanten Kosten.
Ein Prüfbericht des Planungsministeriums vom Juli 2026 beschreibt den Fluss Dhaleshwari als schwarz und nennt für den Auslauf der Anlage einen biochemischen Sauerstoffbedarf von 299 Milligramm je Liter, fast das Zehnfache des Grenzwerts von 30 Milligramm.
Indien erhebt seit Juli 2024 einen Exportzoll von 40 Prozent auf rohe Häute und 20 Prozent auf gegerbte Ware, damit die Wertschöpfung im Land bleibt.
Argentinien ging den umgekehrten Weg und strich im Juni 2025 seinen Exportzoll von 15 Prozent auf bestimmte Häute.
Die Rinderhaltung verursacht nach einem Greenpeace-Bericht von 2009 rund 80 Prozent der Entwaldung im Amazonasgebiet. Die Umweltschützer verfolgten damals Häute aus brasilianischen Schlachthöfen bis zu Schuh- und Modemarken in Europa und den USA. Dieselbe Region gerät auch durch den Sojaanbau für europäische Futtertröge unter Druck, wie die Stoffgeschichte über Soja zeigt.
Die EU-Entwaldungsverordnung verlangt von Importeuren den Nachweis, dass Rinder, Soja, Kakao, Kaffee, Palmöl, Kautschuk und Holz nicht von gerodeten Flächen stammen. Leder stand ursprünglich mit auf der Liste.
Am 13. Juli 2026 strich die Kommission rohe Rinderhäute, gegerbte Häute und fertiges Rindleder per Delegierter Verordnung aus dem Anhang. Die Begründung im Erwägungsgrund: Häute hätten im Vergleich zu Fleisch einen geringen Wert, europäische Käufer deshalb kaum Einfluss auf die Lieferanten. Parlament und Rat erhoben bis zum 14. September keinen Einwand, am 18. September 2026 trat die Änderung in Kraft.
Die Kommission selbst hatte zuvor geschätzt, dass Leder bis zu 17 Prozent des Entwaldungsrisikos aller erfassten Importe ausmacht. Ab dem 30. Dezember 2026 müssen große Importeure also für das Steak eines brasilianischen Rinds die Herkunft belegen, für die Haut desselben Tiers nicht. 2030 will die Kommission die Ausnahme überprüfen.
Warum ist Leder für die Weltwirtschaft so wichtig?

Leder ist das Bindeglied zwischen Schlachthof und Luxusmarke. Fertiges Rindleder im Wert von 6,3 Milliarden Euro ging 2024 über die Grenzen, Schuhe mit Lederoberteil für 42 Milliarden Euro. Das meiste Geld verdienen nicht die Lieferanten der Haut, sondern die Verarbeiter.
Pro Jahr verwerten Gerbereien nach Leather Naturally rund 7,3 Millionen Tonnen Rinderhäute, mit Schaf, Ziege und Schwein kommen etwa 10 Millionen Tonnen zusammen. Weil Schlachtung, Gerbung und Verarbeitung oft in verschiedenen Ländern stattfinden, wandern Häute in mehreren Stufen um den Globus: roh und gesalzen, als chromgegerbtes Wet Blue, als getrockneter Crust und schließlich als fertiges Leder.
Die USA exportierten 2024 nach der UN-Handelsstatistik Comtrade rohe Rinderhäute für 574 Millionen Euro, gut ein Viertel aller gemeldeten Ausfuhren. China kaufte 43,5 Prozent der gemeldeten Rohhaut-Importe, Italien 21,3 Prozent.
Bei der Halbware führt Brasilien. Das Land exportierte 2024 gegerbte Häute und Crust für 576 Millionen Euro, ein knappes Viertel des Welthandels. Abnehmer sind wieder China mit einem Drittel und Italien mit einem Sechstel der Importe. Am Ende der Kette steht Italien. Das Land lieferte 2024 fertiges Rindleder für 1,97 Milliarden Euro, das sind 31,5 Prozent der gemeldeten Exporte. China folgt mit 10,5 Prozent, Brasilien mit 8,0 Prozent. Nach dem italienischen Gerberverband UNIC entfallen auf Italien 65 Prozent des Werts der europäischen Lederproduktion und 27 Prozent des Weltproduktionswerts.
| Stufe | Größter Exporteur 2024 | Größter Importeur 2024 | Gemeldeter Welthandel |
|---|---|---|---|
| Rohe Rinderhäute | USA, 26,3 Prozent | China, 43,5 Prozent | 2,19 Mrd. Euro |
| Wet Blue und Crust | Brasilien, 24,0 Prozent | China, 33,2 Prozent | 2,40 Mrd. Euro |
| Fertiges Rindleder | Italien, 31,5 Prozent | keine Angabe | 6,27 Mrd. Euro |
| Schuhe mit Lederoberteil | Italien, 17,3 Prozent | keine Angabe | 42,12 Mrd. Euro |
Eine Börse für Häute existiert nicht. Gehandelt wird direkt zwischen Schlachthöfen, Händlern und Gerbereien, meist in US-Dollar, je Stück oder je Pfund. Als Richtwert dienen der monatliche Häutepreis des Internationalen Währungsfonds und die Tagesberichte des US-Landwirtschaftsministeriums. Am 9. Oktober 2026 bewertete das Ministerium die Haut eines Schlachtochsen mit Brandzeichen mit 24,50 Dollar, umgerechnet 21,86 Euro.
Der Wert des Handels schrumpft seit Jahren. Die gemeldeten Rohhautexporte sanken von 4,84 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 2,19 Milliarden Euro 2024, sie haben sich mehr als halbiert.
Die EU importierte 2025 nach Comtrade-Daten, die das Umweltportal Mongabay ausgewertet hat, Rohhäute und Leder für 1,54 Milliarden Euro, fast 60 Prozent weniger als 2015. Im selben Zeitraum stiegen die Importe von beschichteten Textilien, also von Kunstleder, um fast 80 Prozent.
Die Abhängigkeit verläuft deshalb anders als bei Metallen. Fällt Leder aus, springen Kunstleder, Textil und Kunststoff fast überall ein. Abhängig sind dagegen die Gerbereien von den Schlachthöfen: Die Betriebe können nur so viele Häute verarbeiten, wie Rinder für Fleisch geschlachtet werden.
Deutschland ist bei Rohhäuten Nettoexporteur. 2025 führte das Land rohe Rinderhäute für 97,7 Millionen Euro aus und für 75,9 Millionen Euro ein. Beim fertigen Leder kehrt sich das Bild um: Einfuhren von 262,7 Millionen Euro standen Ausfuhren von 197,7 Millionen Euro gegenüber.
Lederschuhe importierte Deutschland 2025 für 5,40 Milliarden Euro.
Die Lederkette verläuft von den USA und Brasilien über China nach Italien. Der Welthandel mit Rohhäuten hat sich seit 2015 mehr als halbiert, Kunstleder gewinnt dagegen Marktanteile.
In welchen Produkten steckt Leder und was verschwindet ohne Leder?

Leder steckt vor allem in Schuhen, Taschen, Autositzen und Polstermöbeln. Hinzu kommt Haut in Produkten, die niemand mit Leder verbindet: in Gelatine, Arzneikapseln und Wursthüllen. Ohne Leder verschwände kaum ein Produkt ganz, wohl aber bestimmte Eigenschaften.
Die genaueste Aufteilung liefert Italien, das größte Lederland Europas. Nach dem Gerberverband UNIC gehen 33 Prozent der italienischen Produktion in Schuhe, 30 Prozent in Taschen und andere Lederwaren, 16 Prozent in Autositze und Innenausstattung und 15 Prozent in Möbel. Bekleidung kommt auf nur 3 Prozent, der Rest geht etwa an Buchbinder.
Die Schuhproduktion hat sich seit dem Jahr 2000 von 12 Milliarden Paar verdoppelt, sagte Luca Boltri vom Verband UNIC im September auf dem Sustainable Leather Forum in Paris. Die Lederproduktion für Schuhe sei im selben Zeitraum nicht entsprechend gewachsen. Den Zuwachs haben nach Boltris Worten andere Materialien abgedeckt, Leder hat Marktanteile verloren.
Der europäische Gelatineverband GME führt Rinderhaut unter seinen vier Hauptrohstoffen, ausdrücklich als Nebenprodukt der Lederindustrie. Aus Hautkollagen entstehen Gelatine für Süßwaren und Arzneikapseln sowie Kollagenhüllen für Würstchen.
Die Mitgliederliste des Verbands der Deutschen Lederindustrie zeigt, wie speziell die Nischen sind: Leder für Reitsport, Buchbinderei, Turngeräte, orthopädische Einlagen, Flugzeugsitze und Schutzhandschuhe.
In diesen Märkten zählt, was Leder anders macht als Kunststoff.
| Produktgruppe | Alltagsbeispiel | Lederbasis | Gängiger Ersatz |
|---|---|---|---|
| Schuhe | Stiefel, Halbschuh, Sicherheitsschuh | Rind, Kalb, Ziege | Textil, Polyurethan |
| Lederwaren | Handtasche, Gürtel, Geldbörse | Rind, Kalb | beschichtetes Gewebe |
| Auto | Sitzbezug, Lenkrad | Rind, oft chromfrei gegerbt | Kunstleder, Mikrofaser |
| Möbel | Sofa, Sessel | Rind | Stoff, Kunstleder |
| Arbeit und Sport | Schutzhandschuh, Sattel, Turnpferd | Rind, Ziege | Kunststoff, Synthetikgewebe |
| Lebensmittel und Pharma | Gummibärchen, Kapsel, Wursthülle | Kollagen aus Rinderhaut | Schweineschwarte, Pflanzenstoffe |
Fällt Leder aus, verschwindet auf einen Schlag erstaunlich wenig. Für fast jedes Lederprodukt existiert ein billigerer Ersatz aus Kunststoff oder Textil, und der Markt nutzt ihn längst.
Schwieriger wird der Ersatz dort, wo Leder eine Eigenschaft liefert, die Kunststoff nicht kopiert. Leder nimmt Feuchtigkeit auf, gibt sie wieder ab und passt sich dem Fuß an. Vollnarbiges Leder lässt sich nähen, flicken und neu färben. Ein Sattel, ein rahmengenähter Schuh oder ein Schweißerhandschuh aus Kunststoff hält nicht dasselbe aus.
Bricht die Nachfrage nach Leder weg, verschwindet nicht der Schuh, sondern die Haut, die dann auf der Deponie oder im Verbrennungsofen landet.
Wie setzt sich der Preis eines Markenschuhs zusammen?

Von 120 Euro für einen Markenschuh gehen nach einer Modellrechnung der Kampagne Change Your Shoes nur 10 Euro an Rohstoffe und 2,50 Euro an die Löhne in der Fabrik. Den größten Anteil behalten Einzelhandel, Markenkonzern und Staat. Der Preis der Haut spielt im Ladenpreis kaum eine Rolle.
Die Rechnung stammt aus einer Masterarbeit an der Universität Hohenheim, die Clean Clothes Kampagne veröffentlichte sie 2015. Untersucht wurde ein in Indonesien gefertigter Laufschuh. Eine ebenso offene Kalkulation für einen Lederschuh hat bisher kein Hersteller veröffentlicht. Die Modellrechnung zeigt deshalb die Logik der Wertschöpfung, keine Lederpreise.
Im Einzelnen kostet die Herstellung 20 Euro: 10 Euro Material, 2,50 Euro Lohn, 3,50 Euro sonstige Produktionskosten und 4 Euro Gewinn der Fabrik. Der Markenkonzern schlägt 26 Euro für Entwicklung, Werbung und Gewinn auf. Transport, Zoll und Großhändler kosten zusammen 9 Euro.
Der Einzelhandel behält 45 Euro, die Mehrwertsteuer macht 20 Euro aus. Ob und wie viel Leder in den 10 Euro Material steckt, weist die Rechnung nicht aus.
Angenommen, ein Gerber kaufte eine ganze Haut eines US-Schlachtochsen zum Preis vom 9. Oktober 2026, also für 21,86 Euro. Selbst wenn aus dieser Haut nur ein einziges Paar Schuhe entstünde, läge ihr Preis bei 18 Prozent des Ladenpreises. Tatsächlich schneiden Schuhfabriken aus einer Rinderhaut die Oberteile mehrerer Paare, der Hautanteil je Paar schrumpft entsprechend.
Den Wert des Leders schaffen Arbeit, Chemie, Energie und Abwasserreinigung in der Gerberei. Italien kaufte 2024 nach Comtrade rohe und vorgegerbte Rinderhäute für rund 926 Millionen Euro und verkaufte fertiges Rindleder für 1,97 Milliarden Euro.
Der Häutepreis des Internationalen Währungsfonds fiel vom Höchststand im Oktober 2014 mit umgerechnet 2,18 Euro je Kilo auf 1,12 Euro im Juli 2026. Selbst ein halbierter Häutepreis verändert den Ladenpreis eines Schuhs rechnerisch kaum, weil der Rohstoffanteil zu klein ist.
Der Dollar wirkt in beide Richtungen. Häute werden in US-Dollar gehandelt. Steigt der Euro, werden Rohhäute für italienische und deutsche Gerbereien billiger, zugleich werden europäische Lederwaren auf dem US-Markt teurer.
Wer verdient an Leder und wer zahlt drauf?

An Leder verdienen vor allem die Luxusmarken: Hermès setzte 2025 mit Leder- und Sattlerwaren 7,07 Milliarden Euro um. Drauf zahlen die Gerbereiarbeiter in Südasien mit ihrer Gesundheit und die Viehhalter, deren Häute kaum noch etwas einbringen.
Bei Hermès stehen Taschen, Gürtel und Sättel für rund 44 Prozent des Konzernumsatzes von 16 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis des gesamten Konzerns lag 2025 bei 41 Prozent des Umsatzes. Eine eigene Marge für die Ledersparte weist Hermès nicht aus. Im September 2025 eröffnete das Unternehmen in L’Isle-d’Espagnac seine 24. Lederwerkstatt in Frankreich.
LVMH meldete für seine Sparte Mode und Lederwaren 2025 einen Umsatz von 37,77 Milliarden Euro und ein wiederkehrendes operatives Ergebnis von 13,21 Milliarden Euro. Die Marge lag damit bei rund 35 Prozent, obwohl der Umsatz gegenüber 2024 um gut 3 Milliarden Euro sank.
Am anderen Ende der Kette steht der Schlachthof. Nach Berechnungen der brasilianischen Gerberei DurliCouros, über die Reuters 2025 berichtete, brachte eine Haut 2014 noch umgerechnet rund 53 Euro und zuletzt etwa 4,50 Euro. JBS Couros, die Ledersparte des weltgrößten Fleischkonzerns, beziffert den Wertverlust der Rinderhäute in 15 Jahren auf 88 Prozent.
Gewinner auf der Rohstoffseite sind große Verarbeiter, die Masse bündeln. JBS kündigte Ende 2025 an, seine Ledersparte mit dem Konkurrenten Viva zusammenzulegen. Das neue Unternehmen JBS Viva kommt auf 31 Werke in sechs Ländern und mehr als 20 Millionen Häute im Jahr.
Brüssel hält die Rinderhaut für zu billig, um ihre Herkunft zu prüfen, Hermès setzt mit Leder 7 Milliarden Euro um.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Den höchsten Preis zahlen die Menschen in den Gerbereien. In Hazaribagh fand Human Rights Watch 2012 Kinder ab elf Jahren unter den Beschäftigten. Bangladesch exportierte im Geschäftsjahr 2011/12 Leder und Lederwaren für rund 592 Millionen Euro.
Eine Studie des indischen Instituts für Toxikologie von 2008 fand bei Gerbereiarbeitern in Kanpur eine Krankheitsrate von 40,1 Prozent, in der Vergleichsgruppe 19,6 Prozent.
Im Januar 2015 brach in Tamil Nadu die Wand einer Kläranlage neben einer Gerberei. Neun Arbeiter und ein Wachmann ertranken im Schlamm, der unter anderem Chromsulfate enthielt.
Einen Ressourcenfluch wie beim Erdöl löst Leder nicht aus, dafür ist die Haut zu wenig wert. Der Mechanismus der holländischen Krankheit, bei der ein Rohstoffboom die Währung aufwertet und andere Branchen verdrängt, greift hier nicht. Leder zeigt die Umkehrung: Der Rohstoff bleibt billig, der Wert entsteht erst in Gerberei, Marke und Handel.
| Akteur | Lage 2025/2026 | Bilanz |
|---|---|---|
| Hermès | Leder- und Sattlerwaren 7,07 Mrd. Euro Umsatz, Konzernmarge 41 Prozent | gewinnt |
| LVMH, Mode und Lederwaren | 13,21 Mrd. Euro operatives Ergebnis, rund 35 Prozent Marge | gewinnt |
| Italienische Gerbereien | Produktionswert 2025 minus 5,8 Prozent gegenüber 2024, Weltmarktführer bei Fertigleder | unter Druck |
| Viehhalter | Häute 88 Prozent weniger wert als vor 15 Jahren | verlieren |
| Gerbereiarbeiter in Bangladesch und Indien | Chrom, Säuren, ungeklärtes Abwasser, Kinderarbeit | verlieren |
| Käufer von Lederschuhen | Rohstoffanteil im Ladenpreis klein | kaum betroffen |
Der Wert des Leders sammelt sich bei Gerbern, Marken und Handel, nicht beim Rohstoff. Häutelieferanten verdienen immer weniger, Gerbereiarbeiter in Südasien zahlen oft mit ihrer Gesundheit.
Wie mächtig ist die Leder-Lobby?

Die Leder-Lobby ist klein, aber erfolgreich: Mit Lobbyausgaben im sechsstelligen Bereich warb der europäische Gerberverband Cotance dafür, Leder aus der Entwaldungsverordnung zu streichen. Das stärkste Argument der Branche ist die eigene Wertlosigkeit, die Haut gilt als Nebenprodukt des Fleischs.
Cotance meldet im EU-Transparenzregister für 2025 Lobbykosten zwischen 100.000 und 199.999 Euro und 1,75 Vollzeitstellen. In den Jahren 2023 und 2024 gab der Verband jeweils rund 400.000 Euro an. Das Umweltportal Mongabay zählte seit 2021 mindestens 22 Treffen von Branchenvertretern mit der Kommission zum Thema Entwaldung. In Deutschland ist der Aufwand noch kleiner. Der Verband der Deutschen Lederindustrie meldet im Lobbyregister des Bundestags für 2025 Ausgaben von 20.001 bis 30.000 Euro, 63 Mitglieder und 0,19 Vollzeitstellen für Interessenvertretung.
An Fördergeld weist das Transparenzregister für Cotance EU-Mittel aus Erasmus und dem Binnenmarktprogramm von zusammen 200.000 Euro aus.
Das Framing der Branche ruht auf drei Begriffen. Leder sei ein Nebenprodukt, weil kein Rind wegen seiner Haut geschlachtet werde. Leder sei Teil der Kreislaufwirtschaft, weil die Gerbung einen Abfall verwertet. Und Leder sei langlebig und reparierbar, anders als Kunststoff. Cotance verwies bei der Streichung aus der Verordnung darauf, dass Rohhäute nur 1,5 Prozent des Werts eines Rinds am Schlachthof ausmachen.
Die Umweltorganisation Earthsight nennt dieses Argument irreführend. Die Kommission selbst bezifferte den Umweltnutzen einer Nachweispflicht für Leder auf 979 Millionen bis 1,96 Milliarden Euro im Jahr, die Kosten für die Unternehmen auf rund 16,7 Millionen Euro. Die Brüsseler Organisation Fern nannte die Streichung „absurd“ und das Ergebnis von massivem Industrielobbying.
Ein zweites Schlachtfeld ist das Wort selbst. Der VDL stellt auf seiner Website klar, veganes Leder sei kein Leder. Rechtlich hat die Branche dafür eine Grundlage: Nach der deutschen Bedarfsgegenständeverordnung gilt bei Schuhen nur Material als Leder, dessen Faserstruktur im Wesentlichen erhalten bleibt. Aus zerfasertem Leder gepresstes Material zählt nicht.
Italien ging 2020 weiter. Ein Gesetzesdekret verbietet seither die Wörter „cuoio“, „pelle“ und „pelliccia“ in jeder Sprache für Material, das kein Leder ist, und droht Bußgelder bis 20.000 Euro an.
Im September 2026 gründeten Verbände auf der Messe Lineapelle in Mailand eine Global Leather Alliance. Die Branche nutzt die Zeit bis zur Überprüfung 2030, um mit Studien und einer eigenen Norm zur Rückverfolgbarkeit, der EN 18199, ihren Ruf zu verbessern.
Mit wenigen hunderttausend Euro im Jahr hat die Lederbranche in Brüssel mehr erreicht als manche große Lobby. Ihr Argument ist zugleich ihr Problem: Wer die eigene Haut für wertlos erklärt, hat gegen den Preisverfall kein Argument mehr.
Wie kommen wir von Leder los?

Vom Leder löst sich der Markt längst, nur anders als erhofft: Kunstleder auf Erdölbasis ersetzt das Naturmaterial schneller als jede Pflanzenalternative. Die Umweltlast wandert dadurch von der Gerberei zum Erdöl, und ungenutzte Häute landen auf der Deponie.
Am weitesten ist die Autoindustrie. BMW bietet seit 2023 Modelle mit nahezu veganem Innenraum an, der Anteil von Bauteilen mit tierischen Spuren liegt dort unter einem Prozent. Ein neues Material für das Lenkrad verursacht nach BMW rund 85 Prozent weniger Treibhausgase als Leder.
Etwa 80 Prozent der Emissionen von Leder stammen nach der Rechnung des Konzerns aus dem Methan der Rinderhaltung. Tesla meldete schon 2019 einen komplett lederfreien Innenraum für das Model 3.
Schuhe und Taschen folgen langsamer, weil dort Optik, Haltbarkeit und Preis gleichzeitig stimmen müssen. Der größte Teil des Ersatzes besteht aus beschichteten Textilien mit Polyurethan oder PVC, also aus Kunststoffen, die aus Erdöl hergestellt werden. Genau diese Kunstlederimporte wachsen in der EU seit Jahren.
Die pflanzlichen Alternativen bleiben Nischen. Piñatex des Herstellers Ananas Anam besteht im Träger zu 80 Prozent aus Ananasblattfasern und zu 20 Prozent aus dem Biokunststoff PLA. Hinzu kommt je nach Variante ein Polyurethan-Anteil von 10 oder 42 Prozent.
Biologisch abbaubar ist nur der Träger, und auch der nur unter industriellen Bedingungen.
Das Pilzleder Mylo des US-Unternehmens Bolt Threads galt als Hoffnung der Modebranche. 2023 stoppte Bolt Threads die Produktion, weil das Geld für den Ausbau fehlte. Firmenchef Dan Widmaier sagte damals, das Unternehmen sei dem Ziel quälend nah gekommen.
Ein echter Ausstieg aus dem Leder hätte eine paradoxe Folge. Solange Menschen Rindfleisch essen, fallen Häute an, ob jemand sie gerbt oder nicht. Nach dem Leather and Hide Council of America gehen weltweit schon heute rund 134 Millionen Häute im Jahr verloren, was mehr als 40 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursacht.
In den USA stieg der Anteil verschwendeter Häute von 7 Prozent 2023 auf 15 Prozent 2024, in Indien landen nach dem Verband rund 30 Prozent auf der Deponie.
Recycling hilft nur begrenzt. Aus Lederabschnitten pressen Hersteller Lederfaserstoff, der nach deutscher Bedarfsgegenständeverordnung aber nicht mehr als Leder gilt. Das in der Gerbung verwendete Chrom lässt sich aus Abwasser und Schlamm teilweise zurückgewinnen.
Sinnvoll wäre deshalb weniger ein Ausstieg als eine bessere Nutzung. Eine zu langlebigem Leder gegerbte Haut ersetzt Kunststoff aus Erdöl, eine verbrannte Haut ersetzt nichts.
Der Ausstieg aus dem Leder läuft bereits, getrieben von Kunststoff, nicht von Pflanzenfasern. Weil Häute mit jedem Steak anfallen, vergrößert ein Rückgang beim Leder vor allem den Abfallberg.
Was bedeutet die Leder-Ausnahme im Entwaldungsgesetz für Deutschland?

Für deutsche Importeure von Rohhäuten und Rindleder entfällt der Herkunftsnachweis, den die Entwaldungsverordnung ab dem 30. Dezember 2026 verlangt hätte und für Rindfleisch weiter verlangt. Der Wegfall spart Bürokratie, verlagert das Risiko aber auf den Ruf der Händler, sobald Rodungen in ihrer Lieferkette bekannt werden.
Ein Fleischimporteur muss ab Jahresende für jede Sendung aus Südamerika Geodaten der Herkunftsflächen vorlegen. Ein Lederhändler, der gegerbte Häute aus Brasilien für eine deutsche Werkstatt einkauft, muss das nicht, obwohl die Haut vom selben Tier stammen kann. Seit dem 18. September 2026 ist diese Trennung geltendes Recht.
Am Ladenpreis für Verbraucher dürfte sich dadurch kaum etwas ändern.
Die deutsche Schuhindustrie setzte 2025 nach dem Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie HDS/L 2,33 Milliarden Euro um und beschäftigt rund 15.500 Menschen.
Schuhe standen nie auf der Liste der Verordnung, nur Häute und Leder selbst. Die Lücke entsteht deshalb beim Vormaterial: Deutschland führte 2025 fertiges Leder für 262,7 Millionen Euro ein, dessen Herkunft künftig kein Importeur belegen muss.
Die heimischen Gerbereien sitzen in Nischen. Bader in Ichenhausen fertigt Leder für Autositze, Heinen in Wegberg besteht seit 1891, Perlinger in Furth im Wald und Kilger, dessen Name seit 1856 für Leder steht, versorgen Spezialmärkte.
Für diese Betriebe zählt weniger die EU-Pflicht als die Nachfrage der Autoindustrie, und dort setzen Hersteller wie BMW zunehmend auf vegane Innenräume. Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach mit mehr als 30.000 Objekten schließt im Frühjahr 2027 für eine Sanierung.
Politisch ist die Frage bis 2030 entschieden, erst dann will die Kommission die Ausnahme neu bewerten.
Unsere Einschätzung: In Brüssel sind die Gerber mit heiler Haut davongekommen, doch die Ausnahme ist ein schwacher Trost für eine Branche, deren eigentliches Problem der Preisverfall ist. Eine Nachweispflicht hätte europäisches Leder als geprüfte Ware von der Konkurrenz abheben können, jetzt konkurriert dieses Leder ohne den Vorteil mit jeder Haut aus jedem Land.
Drei Szenarien für die kommenden Monate
- Optimistisch: Die Branche führt die Rückverfolgbarkeitsnorm EN 18199 freiwillig ein, große Marken verlangen geprüfte Häute, und europäisches Leder gewinnt als nachweisbar entwaldungsfreie Ware Marktanteile zurück.
- Realistisch: Der Häutepreis bleibt auf dem Niveau von rund 1,10 Euro je Kilo, die Autoindustrie verbaut weiter weniger Leder, und der Anteil verbrannter oder deponierter Häute steigt langsam.
- Pessimistisch: Neue Recherchen von Umweltorganisationen verknüpfen Lederwaren im deutschen Handel mit illegaler Rodung, Händler stehen ohne gesetzlichen Nachweis vor einem Reputationsproblem, und große Marken stoppen Bestellungen bei einzelnen Gerbereien.
Als Verbraucher achten Sie beim Kauf auf das Piktogramm für Leder am Schuh, das nach der Bedarfsgegenständeverordnung echtes Leder kennzeichnet. Vollnarbiges, gut gepflegtes Leder hält Jahre und lässt sich beim Schuhmacher reparieren.
Als Einkäufer oder Unternehmer fragen Sie Lieferanten gerne nach einem Nachweis der Leather Working Group oder nach der Norm EN 18199, auch ohne gesetzliche Pflicht, und behalten die Überprüfung 2030 im Blick.
Die Ausnahme spart deutschen Händlern Papierkram, löst aber nicht das Kernproblem der Gerber. Ohne Herkunftsnachweis fehlt europäischem Leder ein Unterscheidungsmerkmal, und genau das drückt den Preis weiter.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Leder

Chromgerbung
Die Chromgerbung stabilisiert Haut mit Salzen des dreiwertigen Chroms, meist basischem Chromsulfat. Das Verfahren dauert nur Stunden und ist deshalb weltweit vorherrschend: Nach dem Referenzdokument der EU-Kommission sind 80 bis 90 Prozent des Leders so gegerbt. Sechswertiges Chrom wird zum Gerben nicht eingesetzt.
Corium
Das Corium ist die dicke Lederhaut unter dem Narben. Seine kräftig verflochtenen Kollagenfasern geben dem Leder Festigkeit. Beim Spalten bleibt ein Teil des Coriums als Spaltleder übrig, das ohne natürliche Oberfläche weiterverarbeitet wird.
Crust
Crust heißt gegerbtes und getrocknetes Leder vor dem Färben und der Oberflächenbehandlung. Die Halbware ist international handelbar. Viele Gerbereien kaufen Crust zu und übernehmen nur noch die letzten Schritte, die das Aussehen des Leders bestimmen.
EN 18199
Die EN 18199 ist eine europäische Norm für die Rückverfolgbarkeit von Leder. Die Norm legt Mindestanforderungen fest, damit unterschiedliche Zertifizierungssysteme einander anerkennen können. Die Branche will mit diesem Standard bis zur Überprüfung der Entwaldungsverordnung 2030 zeigen, dass Häute auch ohne gesetzliche Pflicht nachverfolgbar sind.
Entwaldungsverordnung
Die Entwaldungsverordnung (EUDR, Verordnung (EU) 2023/1115) verpflichtet Unternehmen, für Rinder, Soja, Kakao, Kaffee, Palmöl, Kautschuk und Holz eine entwaldungsfreie Herkunft nachzuweisen. Große Unternehmen müssen das ab dem 30. Dezember 2026. Rinderhäute und Leder strich die Kommission im Juli 2026 aus dem Anhang.
Gerbung
Die Gerbung verwandelt rohe Haut in Leder, indem Gerbstoffe die Kollagenfasern vernetzen. Anschließend fault die Haut nicht mehr, wird formstabil und hält Hitze aus. Fachleute unterscheiden mineralische, pflanzliche, synthetische, Aldehyd- und Ölgerbung.
Kollagen
Kollagen ist das Strukturprotein, aus dem Haut, Sehnen und Knochen größtenteils bestehen. In der Tierhaut bildet das Eiweiß ein dichtes Fasergeflecht, das die Gerbung haltbar macht. Aus Hautkollagen stellen Hersteller außerdem Gelatine und Wursthüllen her.
Lederfaserstoff
Lederfaserstoff entsteht aus zerkleinerten Lederresten, die mit Bindemitteln zu Platten gepresst werden. Nach der deutschen Bedarfsgegenständeverordnung darf das Material bei Schuhen nicht als Leder bezeichnet werden, weil seine ursprüngliche Faserstruktur nicht mehr erhalten ist.
Narben
Der Narben ist die oberste Schicht der gegerbten Haut, ein dicht verwobenes Kollagengewebe mit dem typischen Porenbild. Bleibt er unversehrt, entsteht vollnarbiges Leder. Wird er angeschliffen oder geprägt, sprechen Gerber von korrigiertem Narben.
Nubuk
Nubuk ist Leder, dessen Narbenseite fein angeschliffen wurde, bis eine samtige Oberfläche entsteht. Anders als Velours, das auf der Fleischseite geschliffen wird, behält Nubuk die feste Struktur der oberen Hautschicht. Das Material ist empfindlich gegen Wasser und Flecken.
Spaltleder
Spaltleder stammt aus der unteren Schicht einer gespaltenen Haut und hat keinen eigenen Narben. Hersteller schleifen das Material zu Velours an oder überziehen die Oberfläche mit einer Beschichtung. Spaltleder ist günstiger als Narbenleder und weniger strapazierfähig.
Vegetabile Gerbung
Die vegetabile Gerbung nutzt Gerbstoffe aus Rinden, Hölzern und Früchten, etwa Eichenlohe. Im Fass dauert die Gerbung ein bis drei Tage, in der klassischen Grube Wochen bis über ein Jahr. Das Ergebnis ist festes, warmtoniges Leder für Sättel, Gürtel und Schuhsohlen.
Wet Blue
Wet Blue ist chromgegerbte, noch feuchte Haut mit hellblaugrüner Farbe. Das Zwischenprodukt fault nicht mehr und lässt sich deshalb über Kontinente verschiffen. Brasilien war 2024 der größte Exporteur dieser Halbware, China und Italien die größten Abnehmer.
Wet White
Wet White bezeichnet Haut, die ohne Chrom vorgegerbt wurde, meist mit Aldehyden. Das Verfahren entstand als Alternative zur Chromgerbung, vor allem für die Autoindustrie. Wet White ist hell und lässt sich später pflanzlich oder synthetisch nachgerben.
FAQ: Leder: Die Haut ist weniger wert als die Zunge

Woran erkennt man echtes Leder?
Echtes Leder erkennen Sie am Piktogramm in Form einer Tierhaut, das Schuhhersteller nach der Bedarfsgegenständeverordnung anbringen müssen. Am Material selbst zeigt vollnarbiges Leder ein unregelmäßiges Porenbild und eine faserige Schnittkante, Kunstleder dagegen ein gleichmäßiges Muster und eine Gewebeschicht auf der Rückseite.
Ist Leder ein Abfallprodukt der Fleischindustrie?
Leder ist ein Nebenprodukt der Fleisch- und Milcherzeugung, kein Rind wird wegen seiner Haut gehalten. Häute machen nach Leather Naturally nur 3 bis 4 Prozent des Erlöses eines Landwirts aus, am Schlachthof nach Cotance sogar nur 1,5 Prozent des Tierwerts. Ungegerbte Häute landen auf der Deponie oder in der Verbrennung.
Ist chromgegerbtes Leder gesundheitsschädlich?
Zum Gerben wird dreiwertiges Chrom verwendet, das im fertigen Leder als unbedenklich gilt. Problematisch ist sechswertiges Chrom, das bei falscher Verarbeitung entstehen kann. Die EU begrenzt diesen Stoff seit 2015 in Lederwaren mit Hautkontakt auf 3 Milligramm je Kilo.
Was ist der Unterschied zwischen Kunstleder und Echtleder?
Echtleder ist gegerbte Tierhaut, Kunstleder ein Textil mit einer Kunststoffschicht aus Polyurethan oder PVC. Kunstleder ist billiger und gleichmäßiger, nimmt aber kaum Feuchtigkeit auf und lässt sich schlechter reparieren. Die meisten Kunstleder werden aus Erdöl hergestellt.
Was bedeutet vegetabil gegerbt?
Vegetabil gegerbtes Leder wurde mit pflanzlichen Gerbstoffen aus Rinden, Hölzern oder Früchten behandelt statt mit Chromsalzen. Die Gerbung dauert Tage bis über ein Jahr, das Leder wird fest und dunkelt mit der Zeit nach. Typische Produkte sind Gürtel, Sättel und Schuhsohlen.
Warum ist veganes Leder kein Leder?
Leder ist rechtlich gegerbte Tierhaut mit erhaltener Faserstruktur, alles andere darf in Deutschland bei Schuhen nicht so heißen. Sogenanntes veganes Leder besteht aus Kunststoff oder aus Pflanzenfasern mit Kunststoffbeschichtung. Italien verbietet die Bezeichnung für solche Materialien seit 2020 ausdrücklich.
Quellen
54 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 12.10.2026
- Europäische KommissionDelegierte Verordnung (EU) 2026/2102 vom 13. Juli 2026 zur Änderung von Anhang I der Verordnung (EU) 2023/1115
- Europäisches Parlament und RatVerordnung (EU) 2025/2650 zur Verschiebung der Anwendung der Entwaldungsverordnung
- Europäische KommissionVerordnung (EU) Nr. 301/2014 zu Chrom(VI) in Ledererzeugnissen
- MongabayNow exempt from EU deforestation rules, leather industry moves to repair reputation
- MongabayEuropean Commission linked leather to deforestation, then ignored it
- World FootwearEuropean Commission formally removes leather from EUDR scope
- CotancePress release: Leather out of the EUDR, European Commission adopts delegated act
- FernCommission rules out re-opening EUDR but drops leather from goods covered by it
- USDA Agricultural Marketing ServiceBy-Product Drop Value (Steers) (Cattle), Bericht vom 09.10.2026
- Federal Reserve Bank of St. Louis / IWFGlobal price of Hides (PHIDEUSDM)
- Vereinte NationenUN Comtrade Database, HS 4101, 4104, 4107, 6403
- Europäische ZentralbankEuro-Referenzkurse vom 09.10.2026
- World FootwearRising carbon costs of wasted hides highlight worldwide challenge
- The Cattle SiteBrazil’s leather prices plunge 90% in a decade
- Gemeinsame Forschungsstelle der EU-KommissionBest Available Techniques Reference Document for the Tanning of Hides and Skins
- Leather Working GroupMaking Leather: An Overview of Manufacture, Teil 1 und 3
- Leather NaturallyLeather and the meat industry, Factsheet
- Leather Naturally10 FAQs Factsheet
- Verband der Deutschen LederindustrieLeder A bis Z
- Verband der Deutschen LederindustrieBezeichnungsvorschriften
- Verband der Deutschen LederindustrieVeganes Leder
- Verband der Deutschen LederindustrieMitglieder
- Verband der Deutschen LederindustrieGlobal Leather Alliance
- Deutscher BundestagLobbyregister, Eintrag R000723 Verband der Deutschen Lederindustrie
- LobbyFactsCotance, EU-Transparenzregister 077706416598-79
- NormattivaDecreto legislativo 9 giugno 2020, n. 68
- PLoS ONEPinhasi u. a.: First Direct Evidence of Chalcolithic Footwear from the Near Eastern Highlands
- Scientific ReportsO’Sullivan u. a.: A whole mitochondria analysis of the Tyrolean Iceman’s leather
- Historisches Lexikon der SchweizGerberei
- Deutsches Historisches MuseumSibylla Schuster: Feines Leder. Die Firma Carl Freudenberg zwischen Handwerk und Welthandel
- Deutsches LedermuseumGeschichte des Museums
- Deutsches LedermuseumPressemitteilung: Am Wendepunkt
- Regionalgeschichte.netWirtschaftsgeschichte Pirmasens
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- Commodities of EmpireWorking Paper 34
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- Human Rights WatchToxic Tanneries: The Health Repercussions of Bangladesh’s Hazaribagh Leather
- The Business StandardIMED-Bericht zum Gerbereipark Savar
- Indian Journal of Occupational and Environmental MedicineGesundheitsstudie bei Gerbereiarbeitern in Kanpur
- TaxguruCustoms Notification No. 37/2024, Exportzoll auf Häute und Leder
- Global Trade AlertArgentina: Revocation of export duties on hides and skins
- MongabayGreenpeace: Nike, Unilever, Burger King, IKEA may unwittingly contribute to Amazon destruction
- UNICThe Italian Tanning Industry
- La ConceriaItalian tanning closes a complex 2025
- Gelatine Manufacturers of EuropePräsentation beim ATF-Seminar
- Clean Clothes Kampagne ÖsterreichChange Your Shoes: Auswirkungen des globalen Schuhhandels
- Hermès InternationalErgebnisse des Geschäftsjahres 2025
- LVMHJahresergebnis 2025
- World FootwearJBS Couros and Viva merge to form a leather megagroup
- World FootwearGerman footwear manufacturers achieve modest sales growth in 2025
- BMW GroupOn the market from 2023: BMW and MINI models with vegan interiors
- TechCrunchTesla’s Model 3 interior is now 100% leather-free
- Ananas AnamFAQs
- FashionUnitedBolt Threads reportedly pulls plug on Stella McCartney-backed Mylo
