Dieter Petereit 8. März 2018

Diese 5 Prinzipien der Designpsychologie solltest du nicht missachten

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Egal, was du tust. An Psychologie solltest du dich nicht vorbei mogeln. Denn damit erklärt sich so ziemlich jede unserer Handlungen. Für das Webdesign kannst du dir einige Funktionsweisen der menschlichen Psyche sogar nutzbar machen.

Psychologie für Designer: Ein Aspekt, der nicht unbeachtet bleiben darf

Einer der bekanntesten Evangelisten der „Psychologie für Designer” dürfte wohl Joe Leech, besser bekannt als Mr. Joe, sein. Leech zählt Disney, eBay, das Museum of Modern Arts und die Marriott-Gruppe zu seinen Kunden. Vor einigen Jahren schrieb er das in der Branche vielbeachtete Buch „Psychology for Designers”, das er seither regelmäßig überarbeitet. Zudem bereist er die Welt und hält Workshops zum Thema. Leech hat eine klare Meinung.

Für Leech ist ein Designer, der keine Ahnung von der menschlichen Psyche hat, vergleichbar mit einem Architekten, der keine Ahnung von Bauphysik und Statik hat. Die Gebäude des letzteren sind stark einsturzgefährdet, die Websites des ersteren stark misserfolgsgefährdet. Dabei ist Psychologie laut Leech nicht etwa von Design getrennt zu sehen, sondern gehört untrennbar dazu. Ohne Grundkenntnisse in Psychologie wären keine großen Erfolge im Design zu erzielen.

Leech ist allerdings reichlich bodenständig und macht keine Wissenschaft aus dem Thema. Vielmehr versucht er, die erforderlichen Kenntnisse unkompliziert und geradlinig zu ermitteln. Im Grunde müsse man als Designer nur wissen, dass das menschliche Gehirn tendenziell faul ist und am liebsten innerhalb etablierter Abläufe arbeitet. Wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten, versucht es zunächst, diese Informationen auf bekannte Weise aufzunehmen. Das spart Energie und hilft, das Gefühl von Kontrolle zu behalten.

Als Designer können wir daraus verschiedene Lehren ziehen, etwa die, dass es nicht sinnvoll ist, innovative neue Abläufe für eigentlich etablierte Aufgaben zu kreieren.

Der Mensch fühlt sich nicht wohl, wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. (Foto: Pixabay)

Der psychologische Ansatz geht aber viel weiter. Schau dir nochmal unseren Beitrag zum Thema Mikrointeraktionen an. Darin habe ich gezeigt, dass es heutzutage gerade die Mikrointeraktionen sind, die eine Website oder App von anderen, gleichartigen absetzen können. Und eben bei diesen Mikrointeraktionen geht es nahezu ausschließlich um Psychologie.

Wenn sich eine App oder Website unkompliziert und bequem bedienen lässt, entspricht das den Erwartungen der menschlichen Psyche logischerweise weit eher, als wenn sie mit einer sperrigen, unerwartet reagierenden „Innovation” konfrontiert wird. In der heutigen Zeit, in der die grundlegende Funktionalität nahezu überall gewährleistet ist, sind es genau solche Details, die den Unterschied machen.

Auf seiner Website „Psychology for Designers”, die Leech ergänzend zu seinem Buch betreibt, sammelt er Details und Informationsstücke zum Thema, mit denen Designer sich beliebig tief in die Materie einarbeiten können. Dabei behandelt er dann auch Themen, wie die Psychologie des Preises oder die Auswirkungen bestimmter Bildmotive.

In den Quellen zum Weiterlesen am Ende dieses Beitrags findest du genügend Material, um dich etliche Stunden in das Thema „Designpsychologie” zu vertiefen. Da diese Zeit nicht jedem zur Verfügung steht, stelle ich folgend einige etablierte Prinzipien der Designpsychologie als Handlungsrichtlinien bereit. Nimm es als essenzielles Basiswissen für einen guten Start ins psychologisch fundierte Webdesign.

Prinzip #1: Erfinde keine neuen Herangehensweisen an etablierte Abläufe

Das menschliche Gehirn wandelt am liebsten auf bekannten Pfaden. Wenn es auf eine Website losgelassen wird, sucht es nach bekannten Mustern, um sich zu orientieren. Wenn du als Designer jetzt ganz innovativ bist und völlig neue Nutzungsmuster für die Website erschaffen hast, wird dir das Gehirn des Seitenbesuchers das nicht danken. Also: Lass es.

Cartoon: Disruptives Design

Disruptives Design ist meist nicht gut.

Prinzip #2: Erstelle keine drastischen Redesigns etablierter Seiten

Schau dir Google an: Du kannst immer noch Reminiszenzen an das erste Design des Dienstes Ende der Neunziger erkennen. Jedes zwischenzeitlich erfolgte Redesign war stets subtil und maßvoll. Gerade bei derart vielbesuchten Seiten ist es wichtig, Psychologie strategisch zu betrachten.

Generell hasst der Mensch jede Veränderung, die keine deutliche Verbesserung mit sich bringt. Dabei wird eine Verbesserung nur dann als solche akzeptiert, wenn zuvor ein Mangel empfunden wurde. Die Definition des Begriffs „Verbesserung” liegt also im Auge des Besuchers, nicht im Auge des Designers.

Designer hingegen betrachten ihre Redesigns gerne pauschal als Verbesserungen und vergessen dabei den alten Spruch: „If it ain’t broken, don’t fix it“. Wenn es nicht kaputt ist, reparier es nicht. Und nein, bloß, weil eine Website einem brandheißen, aktuellen Trend nicht folgt, ist sie nicht broken.

Prinzip #3: Nutze den positiven Effekt hochwertiger Typografie

Eine Studie des Microsoftlers Kevin Larson und der MIT-Mitarbeiterin Rosalind Picard konnte nachweisen, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Typografie einer Seite und dem Stimmungsbild ihres Lesers gibt. Die Erkenntnis war für die Forscher durchaus überraschend, hatte man ähnliche Effekte doch bislang nur bei spaßigen Videos oder kleinen Belohnungen erlebt. (Studie zum Download als PDF)

Zusätzlich zum verbesserten Stimmungsbild zeigte sich, dass Leser auf Seiten mit hochwertiger Typografie länger lesen und die Informationen besser verarbeiten können. Wenn du also Typografie psychologisch nutzen willst, dann verwende eine qualitativ hochwertige Schrift ohne allzu große Besonderheiten und setze die Schriftgröße ruhig etwas nach oben.

Prinzip #4: Nutze Belohnungen strategisch, also im Zweifel gar nicht

Bislang galt als unstrittig, dass kleine Belohnungen das Engagement der potenziellen Nutzer steigern würden. So gehört etwa der kostenlose Probemonat bei diversen Angeboten schon fast zum guten Ton. Es gibt jedoch Fälle, in denen diese Vorgehensweise nach hinten losgehen kann.

Wer Spaß hat, braucht keine zusätzliche Motivation. (Foto: Pixabay)

Bevor du mit Belohnungen arbeitest, solltest du also identifizieren, worin die primäre Motivation deiner Nutzer besteht. Warum werden deine Nutzer deine Website oder App nutzen wollen?

Kommt die Motivation deiner Besucher primär aus dem Inneren? Nutzen sie dein Produkt zum Spaß, um damit abzunehmen oder um sich damit zu unterhalten, können Belohnungen entweder gar keinen oder sogar einen negativen Effekt auf das Engagement haben.

Zu diesem Ergebnis kommt diese Studie, die noch nicht einmal brandneu ist, aber einige Misserfolge der letzten Jahre erklären könnte. Grunderkenntnis ist, dass Belohnungen das intrinsische Motivationssystem quasi untergraben und so aushebeln.

Prinzip #5: Arbeite proaktiv mit menschlichen Schwächen

Menschen machen Fehler und das menschliche Gedächtnis ist nicht sonderlich verlässlich. Diese beiden Probleme musst du in deinen Designs aktiv angehen. Es ist wichtig, alle möglichen Fehler zu erkennen, die ein potenzieller Benutzer machen könnte, um sie dann jeweils funktional abzufangen. Denn die Forschung zeigt zweierlei.

Fehler frustrieren an sich schon und sorgen für ein schnelles Ende der Nutzung. Beschleunigend wirkt sich aber noch der Effekt aus, dass Menschen dazu tendieren, sich selbst die Schuld am Versagen zu geben. An diesem Punkt setzt eine Fluchtreaktion ein, die sich in dem Falle auf deine Website bezieht.

Ein weiterer Faktor, den sicherlich jeder schon mal gehört hat, ergibt sich aus der Aussage: „Von Computern habe ich keine Ahnung“. Vielfach wird der Satz sogar mit einem gewissen Stolz vorgetragen, als könne man sich durch das dokumentierte Unvermögen positiv von anderen abgrenzen. Diese Form erlernter Hilflosigkeit ist schwer zu bekämpfen, aber wichtig zu kennen. Immerhin ist der Designer selbst auch nur ein Mensch.

Begleitende Unterstützungssysteme, die sich allerdings auch nicht aufdrängen dürfen, können nützlich sein. Moderne Apps setzen diesen Aspekt häufig sehr gut um, indem sie Support anbieten, der vielfach als „Tour” durch die App bezeichnet ist. Tatsächlich handelt es sich um Bedienungsanleitungen, die sich allerdings nicht wie solche anfühlen. Schließlich gilt psychologisch betrachtet immer noch der Spruch „Wer das Handbuch liest, ist feige.”

Fazit: Mach es den Nutzern so einfach wie möglich, aber nicht einfacher

Jetzt kommt er auch noch mit dem alten Einstein, denkst du jetzt vielleicht. Tatsächlich handelt es sich um den besten Rat, der Designern gegeben werden kann. Alle genannten Prinzipien kannst du unter dem Oberbegriff „Bedienkomfort” zusammenfassen. Mach deinen Besuchern die Verwendung deiner Website oder die deiner Kunden so einfach wie möglich. Bei der Umsetzung spickst du immer mal wieder in die oben ausgeführten fünf Prinzipien.

Quellen zum Weiterlesen:

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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