Tencent unterschrieb laut Financial Times den größten Mietvertrag seiner Geschichte außerhalb Chinas: Rund 100.000 KI-Chips stehen dem Konzern fünf Jahre lang in mehreren Rechenzentren von Oracle in Südostasien zur Verfügung. Der Vertrag soll umgerechnet rund 6,2 Milliarden Euro wert sein. Kaufen darf Tencent diese Chips wegen der US-Exportkontrollen nicht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAuf die Laufzeit umgelegt zahlt Tencent pro KI-Chip rund 12.300 Euro im Jahr, also etwa 1,40 Euro pro Stunde. Rund 30 Prozent der Summe überweist der Konzern laut FT vorab; eine Anfrage von Reuters ließen Tencent und Oracle zunächst unbeantwortet.
Das Wichtigste in Kürze
- Die US-Exportkontrollen verbieten den Verkauf solcher Chips nach China, die Miete von Rechenleistung im Ausland bleibt bisher erlaubt.
- Vorauszahlungen für Rechenleistung drückten Tencents freien Barmittelfluss im zweiten Quartal auf rund minus 1,8 Milliarden Euro.
- Das US-Repräsentantenhaus beschloss im Januar einen Gesetzentwurf gegen diese Lücke, der Senat hat noch nicht abgestimmt.
Warum mietet Tencent die Chips, statt sie zu kaufen?

Das US-Exportrecht regelt, wohin ein Chip geliefert wird, nicht aber, wer ihn aus der Ferne nutzt. Ein Rechenzentrum in einem Drittland darf exportbeschränkte Chips betreiben und die Rechenzeit an chinesische Kunden vermieten.
Auch Peking drängt in diese Richtung. ByteDance und Tencent erhielten zuletzt je rund 10.000 H200 von Nvidia, doch die Regierung will den Großteil dieser Chips in Hongkong halten, um heimische Anbieter wie Huawei und Cambricon zu schützen. Die Miete im Ausland passt zur Linie beider Regierungen: Kein Chip gelangt nach China, und Peking muss keine ausländischen Beschleuniger auf dem Festland zulassen.
Was kostet Tencent der Wettlauf um Rechenleistung?
Vorauszahlungen drückten Tencents freien Barmittelfluss im zweiten Quartal 2026 auf minus 13,8 Milliarden Yuan, zum EZB-Kurs vom 30. September umgerechnet rund 1,8 Milliarden Euro.[1] Ohne diese Zahlungen für Rechenkapazität hätte der Wert nach Tencents Angaben bei plus 37,6 Milliarden Yuan gelegen, rund 4,9 Milliarden Euro. Knapp 6,8 Milliarden Euro flossen also in einem Quartal in vorab bezahlte Infrastruktur, etwa in Speicherchips für den KI-Ausbau. Laut FT belastete der Oracle-Vertrag diese Zahlen bereits.
Oracle profitiert als Vermieter ohne eigenes Sprachmodell. Der Konzern vermietet Rechenleistung an OpenAI ebenso wie an Tencent; der Auftragsbestand wuchs zuletzt auf 578 Milliarden Euro. Tencents Hy-Modelle holen laut FT gegenüber DeepSeek und Alibaba auf. Chinesische Alternativen wie die GPUs von Biren wachsen schnell, decken Tencents Bedarf an Rechenzeit aber offenkundig nicht.
Tencent bucht Rechenzeit in Südostasien, weil Washington Lieferungen kontrolliert, aber keine Glasfaserleitungen. Mit dem Remote Access Security Act würde aus dieser Mietlösung über Nacht ein Genehmigungsfall.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was ändert sich, falls Washington die Lücke schließt?
Einen Präzedenzfall lieferte Tencent selbst: Im Dezember 2025 berichtete die FT, der Konzern habe über einen Partner rund 15.000 Blackwell-GPUs beim japanischen Anbieter Datasection gemietet, für umgerechnet über 1 Milliarde Euro. Das US-Repräsentantenhaus beschloss im Januar 2026 mit 369 zu 22 Stimmen den Remote Access Security Act. Der Entwurf würde den Fernzugriff auf exportkontrollierte Chips genehmigungspflichtig machen und liegt seit dem 13. Januar im Bankenausschuss des Senats.[2]
Auch europäische Rechenzentren könnte eine solche Regel treffen, denn US-Exportvorschriften knüpfen an die Herkunft eines Chips an, nicht an den Standort des Servers. Ein Frankfurter Betreiber, der Nvidia-Kapazität an chinesische Kunden vermietet, bräuchte dann womöglich eine US-Genehmigung.
Zwei Prüfpunkte ergeben sich für IT-Verantwortliche in der DACH-Region. Vergleichen Sie bei eigenen GPU-Verträgen den Preis einer mehrjährigen Bindung mit der stündlichen Abrechnung; Tencents rund 1,40 Euro je Chip und Stunde markieren die Konditionen eines Großkunden mit Vorkasse. Klären Sie außerdem gerne, in welchem Land Ihr Cloud-Anbieter die gebuchte Rechenleistung betreibt, denn außerhalb der EU gelten für personenbezogene Daten die DSGVO-Regeln zum Drittlandtransfer. Inländische Alternativen listet unsere Übersicht der zehn größten Rechenzentren Deutschlands.
Quellen
[1] Tencent: „Tencent Announces 2026 Second Quarter Results“
[2] Congress.gov: „H.R.2683 Remote Access Security Act“
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