Dieter Petereit 28. März 2018

Minimal Webdesign macht glücklich

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Wenn wir uns mit Minimal Webdesign befassen, so ist das bloß eine Facette eines größeren Themas. Denn das Konzept kommt nicht aus dem Design und ist auch nicht darauf limitiert. In diesem Wissen schauen wir genauer hin.

Minimalistisches Design ist in. Sämtliche Flat-Design-Ansätze, Material Design und wie sie nicht alle heißen, bewegen sich in Richtung Minimalismus. Allerdings geht es dabei im Wesentlichen um den Minimalismus in der Darstellung. Icons werden optisch vereinfacht, Farben werden stark reduziert, Seiten erhalten viel Whitespace.

So wirken moderne Websites ausgeglichener, ruhiger und überschaubarer. Das ist gut. Aber eigentlich spiegelt es nur einen Teilaspekt dessen wider, was sein könnte.

Minimalismus als Lebensphilosophie

Minimalismus oder Simplizität oder Essenzialismus – drei Worte für den gleichen Ansatz – beschreiben die bewusste Reduktion des Vorhandenen auf das absolut notwendige Minimum. Wobei sich Minimum hier als das erstrebenswerte Maß definiert, nicht etwa als gerade noch akzeptable Untergrenze.

Wieviel brauchst du wirklich? (Bildquelle: Pixabay)

Bezogen auf das Leben an sich, beschreibt Minimalismus den weitgehenden Verzicht auf überflüssigen Konsum, das Wertschätzen der verbleibenden Besitztümer und das achtsame Wahrnehmen seines Umfelds.

Die Wohnung eines Essenzialisten glänzt quasi durch viel Whitespace. Die wenigen Möbel sind sorgfältig ausgesucht. Eine vollgestopfte Bücherwand gibt es ebenso wenig wie andere Sammlungen von Gegenständen, die nur Platz wegnehmen. Im Keller lagern nicht die Klamotten der letzten dreißig Jahre und es gibt auch keine Bestände an Dingen, die eventuell nochmal irgendwann gebraucht werden könnten. Stell dir vor, was du allein an Zeit gewinnen könntest, wenn du nicht mehr aufräumen müsstest, weil gar nicht genug da ist, um eine Unordnung zu erzeugen.

Minimalismus spiegelt sich im Lebensumfeld wider. (Bildquelle: Pixabay)

Der Minimalist braucht keine 600 Facebook-Freunde und legt keinen Wert darauf, ob ihm bei Twitter auch nur eine Person folgt. Wenn er überhaupt einen zweiten Social-Media-Account unterhält, oder überhaupt irgendeinen. Auch in Beziehungsfragen im weiteren Sinne gilt, weniger ist mehr. Wenn du dich nicht mehr für jeden zum billigen Umzugshelfer machst, bleiben nur echte Freunde übrig. Dadurch hast du für jene verbliebenen mehr Zeit und zum anderen viel Oberflächlichkeit aus deinem Leben entfernt.

Meine Lieblingsgeschichte ist die der jungen Familie, die sich ein großes Haus auf dem Land gekauft hatte. Schnell stellten sie fest, dass es einen ganzen Haufen Arbeit bedeutet, dieses Haus zu bewirtschaften. Die wenigsten dieser Tätigkeiten hätten eine Vergnügungssteuerpflicht ausgelöst. Nach langem Hin und Her und mit einem schlechten Gewissen (Hey, so ein Haus. Da träumt doch jeder von, sagt die Immobilienindustrie) beschlossen sie, das große Haus wieder zu verkaufen und sich eine Wohnung zu nehmen. Am ersten Wochenende in der neuen Wohnung wussten sie erst nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Es gab keinen Zaun zu reparieren, kein Fenster zu streichen. Deshalb machten sie einen Ausflug an den Strand und gingen schwimmen.

Menschen, die den Minimalismus für sich entdeckt haben, fühlen sich häufig glücklicher, weil sie ihr Leben überschauen können, sich nicht getrieben fühlen und achtsam im Umgang mit sich selbst sind. Von dieser Sorte Menschen gibt es leider viel zu wenige, da dieser Lebensentwurf völlig konträr zu dem läuft, was uns die Werbeindustrie mit brachialer Gewalt täglich um die Ohren haut. Dabei hast du sicherlich selbst schon bemerkt, dass Konsum allein nicht glücklich macht.

Mit Sicherheit kann ich eines sagen: Minimalismus funktioniert, wenn du ihn konsequent umsetzt.

Minimalismus als Designphilosophie

Im Produktdesign der letzten Jahrzehnte hat sich ebenfalls gezeigt, dass minimalistische Ansätze sehr erfolgreich sind. Der berühmte Produktdesigner Dieter Rams versuchte seine Produkte stets so minimalistisch zu gestalten, dass sie praktisch keine Benutzeroberfläche mehr hatten, die hätte erklärt werden müssen. Apple orientiert sich bis zum heutigen Tage an den Ansätzen des Herrn Rams und ist damit ebenfalls sehr erfolgreich.

An einem minimalistisch ausgestatteten Arbeitsplatz arbeitet es sich konzentrierter. (Bildquelle: Pixabay)

Es ist nur logisch: Je einfacher das Design eines Produkts ist, desto einfacher ist dessen Bedienung, desto geringer ist die Schwelle für den potenziellen Bediener, sich mit dem Produkt auseinanderzusetzen.

Niemand liest gerne Handbücher. Deshalb ist es nicht nur wichtig, ein gutes Handbuch zu schreiben, sondern vor allem im Vorfeld darauf zu achten, dass es so wenige erklärungsbedürftige Elemente wie möglich gibt. Entsprechend dünn wird dann das Handbuch ausfallen.

Minimalismus im Webdesign: Wenn das Web ganz klein wird

Du hast sicherlich inzwischen erkannt, worauf ich hinaus will. Minimalismus existiert auf allen Ebenen. Stets ist es möglich, etwas weiter zu vereinfachen. Dabei musst du natürlich den bekannten Spruch Albert Einsteins im Kopf behalten, der da lautet:

Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.

Im Webdesign bist du sehr trendy unterwegs, wenn du dich an einen der modernen Designansätze hältst und somit ein Minimal Webdesign ablieferst. Allerdings ist diese eher oberflächliche Betrachtung des Layouts, der reinen Optik, nicht ausreichend, um von einem wahren minimalistischen Webdesign sprechen zu können. Dazu bedarf es weiterer Elemente.

Zieldefinition: Was soll die Website erreichen?

Gerade im Webdesign wird häufig, gerne auch kundeninduziert, der Fehler gemacht, Webseiten mit jeglichem vorhandenen Content zu füllen. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass man ja schließlich im Netz eine unbegrenzte Menge an Fläche hat. Warum sollte man also nicht auch noch den Geschäftsbericht von 2009 zeigen? Frisst doch kein Brot.

Unter dem Gedanken des Minimalismus solltest du indes genau umgekehrt vorgehen und so tun, als wäre der Platz tatsächlich knapp. Die hilfreichste Überlegung, um hier auf die richtige Spur zu gelangen, ist, die Frage zu stellen, was das Ziel der geplanten Website ist. Soll sie verkaufen? Wenn ja, was? Soll sie informieren? Wenn ja, worüber? Je nach Projekt stellen sich weitere Fragen.

Bei der Beantwortung ist es wieder wichtig, minimalistisch vorzugehen, also die Dinge klar auf den Punkt zu bringen. Soll die Website ein Produkt verkaufen, gilt es, die Gestaltung vollständig darauf auszurichten. Kommen mehrere Produkte in Betracht, kann das Paretoprinzip helfen.

Minimales Design mit Hilfe des Paretoprinzips

Das Paretoprinzip beschreibt ein statistisches Phänomen, dass darin besteht, dass eine kleine Anzahl von hohen Werten einer Wertemenge mehr zu deren Gesamtwert beiträgt als die hohe Anzahl der kleinen Werte derselben Menge.

Minimal Webdesign funktioniert auch im E-Commerce. (Screenshot: Dr. Web)

Landläufig ist der Effekt bekannt durch die Aussage, dass man mit 20 Prozent des Einsatzes 80 Prozent des Ergebnisses erreichen kann, während man für die verbleibenden 20 Ergebnisprozent 80 Prozent des Einsatzes bringen müsste. Die Erkenntnis, die sich daraus ergibt, ist an sich eindeutig. Wenn man einmal identifiziert hat, welche konkreten Tätigkeiten es sind, die einem 80 Prozent des Ergebnisses bringen, kann man sich voll darauf fokussieren. Auf die restlichen 20 Prozent Ergebnis, auf die wir 80 Prozent unseres Aufwands verwenden müssten, verzichten wir einfach.

Im Falle unseres Beispiels mit der E-Commerce-Website würden wir also mit unserem Kunden versuchen, zu ermitteln, welche 20 Prozent der Produktpalette 80 Prozent des Umsatzes generieren. Auf diese 20 Prozent würden wir dann die Website optimieren.

Zielerreichung ist das alleinige Kriterium für die Aufnahme von Inhalten

Generell sollten Inhalte nur dann auf eine Website gelangen, wenn sie dem zuvor definierten Ziel dienen und zu dessen Erreichung beitragen können. Schließlich ist zu beachten, dass wir für bestmögliche Ergebnisse die höchstmögliche Aufmerksamkeit des Website-Besuchers benötigen. Wenn wir ihn nun durch irrelevante, weil nicht zielführende Inhalte ablenken, tun wir niemandem einen Gefallen.

Übertrage diese Überlegung einfach auf alle Elemente der Website und du wirst zu einer schlanken, schnellen, effizienten Präsenz gelangen, die unter allen denkbaren Aspekten erfolgversprechend ist.

Minimal Webdesign: Das machst du alles nicht

Du brauchst nicht viele Bilder. Bilder verzögern den Seitenaufbau. Die Bilder, die du verwendest, schickst du vorher durch einen Minimalisierer wie TinyPNG oder JPEGmini. Unter dem Gesichtspunkt der Performancesteigerung solltest du ebenso diesen Beitrag noch einmal aufmerksam lesen und umsetzen. Darin geht es um eine Möglichkeit, das neue platzsparende Bildformat WebP sinnvoll einzusetzen.

Du brauchst auch nicht viele Farben. Weniger ist mehr. Achte bei den Farben darauf, dass die Elemente, die du zum Auslöser einer Aktion (CTA) erklären willst, eine dominante Farbe haben, die keines der anderen Elemente hat. Zugleich sollte keines der anderen Elemente farblich ähnlich dominant gekennzeichnet sein.

Ein einziges Bild als Aufmacher. Radikal, oder? (Screenshot: Dr. Web)

Wenn du Dateien auf der Website anbieten musst, dann stelle sicher, dass du wirklich nur relevante, aktuelle und wirklich erforderliche online lässt. Der weiter oben genannten Geschäftsbericht von 2009 erfüllt die letztgenannten Kriterien sicherlich nicht. Am besten ist es indes, wenn du keine Dateien auf der Website vorhältst.

Wenn möglich, solltest du keine Dropdown-Menüs verwenden. Wenn du es aber doch tun musst, dann nimm bitte nicht solche, die innerhalb der zweiten Ebene, also dem eigentlichen Drop-Down, noch weitere Flyouts bieten. Das ist nicht im Sinne der Klarheit und Übersichtlichkeit und bietet dem Besucher viel zu viele Alternativen, als dass er sich auf eine Aktion konzentrieren könnte.

Bei der Gelegenheit entscheidest du dich richtigerweise dafür, keine Sidebar anzulegen.

Am Ende dieses radikal minimalen Prozesses hast du eine ziemlich kleine Website, sowohl vom Gesamtumfang als auch vom Dateigewicht her. Das ist gut unter SEO-Aspekten, aber ebenso unter Konversions-Gesichtspunkten. Stell dir vor, du hättest ein Labyrinth oder eine gerade Linie zur Kasse zu bewältigen. Auf welchem Weg würdest du nicht nur leichter zum Ziel finden, sondern auch lieber gehen?

Benötigst du Inspiration für dein nächstes minimalistisches Projekt? Dann schau dir einfach mal die Nominierten-Liste der Awwwards-Website an. Du findest dort aktuell kaum noch andere Vorschläge als minimalistische.

Sei aber vorsichtig, an wem du dir ein Beispiel nimmst. Eine rein minimalistische Optik bedeutet kein minimalistisches Webdesign. Ich kenne Designs, die zwar sehr reduziert rüberkommen, aber denen dann auch wesentliche Elemente fehlen. Es geht nicht darum, maximal wenig zu präsentieren, sondern darum, nicht mehr als absolut erforderlich ist, zu zeigen. Das absolut Erforderliche muss schon da sein, sonst ist es kein Minimal Webdesign, sondern einfach eine schlechte Website.

Umgekehrt findest du auch einige „Inspirationen”, die auf der Startseite minimalistisch aussehen, dich dann aber auf den Folgeseiten mit all ihrer Monstranz erschlagen. Ich schiele mal rüber zu Zino Davidoff

Awwwards März 2018: Kaum ein Design, das nicht minimalistisch ist. (Screenshot: Dr. Web)

Wie, keine Riesen-Website?

Am Ende mag es dir irgendwie seltsam vorkommen, dass du keinen Boliden erschaffen hast. Das ist verständlich und sollte dich nicht beunruhigen. Immerhin stehst du seit Jahrzehnten unter dem Bombardement der Werbeindustrie, die dir tagtäglich entgegenschreit, dass du nichts bist, wenn du nicht X, Y oder Z und noch viel mehr hast. Inzwischen sollst du ja sogar im Halbjahres-Rhythmus immer teurer werdende Smartphones kaufen, die sich immer weniger von ihren Vorgängern unterscheiden. Wenn du es schaffst, dieses Rufen zu ignorieren, merkst du sogar, dass du selber ruhiger wirst. Besitz macht nicht glücklich, sondern unruhig, weil du nie genug hast.

Aus den gleichen Gründen ist es gut möglich, dass auch dein Kunde zunächst irritiert ist. Ihm geht es schließlich genauso. Erklär ihm das Konzept des Minimalismus. Er wird es dir danken.

Zum Schluss lass mich noch einräumen, dass der Titel des Beitrags natürlich nur sehr eingeschränkt, wenn überhaupt, stimmt. Minimal Webdesign macht sicherlich nicht glücklich, aber als Teil deiner neuen Lebensphilosophie trägt es vielleicht ein kleines bisschen dazu bei! Und schön wäre es auf jeden Fall, wenn es das täte.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
Dr. Webs exklusiver Newsletter
Hinweise zum Datenschutz, also dem Einsatz von Double-Opt-In, der Protokollierung der Anmeldung, der Erfolgsmessung, dem Einsatz von MailChimp als Versanddienstleister und deinen Widerrufsrechten findest du in unseren Datenschutzhinweisen.

5 Kommentare

  1. Ein unglaublich schöner Artikel. Und freudig schaue ich mich dabei in meiner reduzierten Wohnung um die mich atmen lässt.

  2. Top Artikel und sehr inspirierend!

  3. Super Artikel wieder mal, vielen Dank!

  4. Schöner und weiser Artikel Herr Petereit.

  5. Hallo Dieter,

    sehr interessanter Artikel – vielen Dank!

Tut uns leid, aber die Kommentare sind geschlossen...

Kennst du schon unseren Newsletter?

Hinweise zum Datenschutz, also dem Einsatz von Double-Opt-In, der Protokollierung der Anmeldung, der Erfolgsmessung, dem Einsatz von MailChimp als Versanddienstleister und deinen Widerrufsrechten findest du in unseren Datenschutzhinweisen.

Cookies

Weitere Informationen zu den Auswahlmöglichkeiten findest du hier. Dazu musst du zunächst keine Auswahl treffen!

Um Dr. Web zu besuchen, musst du eine Auswahl treffen.

Deine Auswahl wurde gespeichert!

Informationen zu den Auswahlmöglichkeiten

Was du erlaubst!

Um fortfahren zu können, musst du eine Auswahl treffen. Nachfolgend erhältst du eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Ich stimme zu:
    Du erlaubst uns das Setzen aller Cookies, die wir in unseren Datenschutzhinweisen genannt haben. Dazu gehören Tracking- und Statistik-Cookies. Aus dem Tracking per Google Analytics bieten wir auf der Seite Datenschutz ein Opt-Out, also die Möglichkeit der Abmeldung, an.
  • Ich stimme nicht zu:
    Wir verzichten bei dieser Option auf den Einsatz von Google Analytics. Die für den Betrieb von Dr. Web notwendigen Cookies werden aber dennoch gesetzt. Einzelheiten entnimmst du bitte den Datenschutzhinweisen

Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit hier ändern: Datenschutz. Impressum

Zurück