Aumovio, die börsennotierte Elektroniksparte von Continental, meldet einen ungewöhnlichen Produktivitätssprung: Im Anforderungsmanagement übernimmt künstliche Intelligenz einen Großteil der Arbeit. Der Schritt dient nicht dem reinen Sparen, sondern dem Versuch, mit dem Entwicklungstempo chinesischer Zulieferer mitzuhalten. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet mit über Tausende Jobs in Deutschland.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Autozulieferer Aumovio steht unter doppeltem Druck. Chinas Hersteller bringen neue Fahrzeugfunktionen in Monaten auf die Straße, wofür europäische Zulieferer oft Jahre brauchen. Als Antwort setzt der Continental-Spin-off jetzt konsequent auf KI in der eigenen Entwicklung, und Technikvorstand Nino Romano beziffert den Effekt im Anforderungsmanagement auf bis zu 80 Prozent weniger Aufwand.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Aumovio senkt den Aufwand im Anforderungsmanagement mit KI um bis zu 80 Prozent.
- Der Hebel liegt nicht auf den Kosten, sondern auf kürzeren Entwicklungszyklen gegen chinesische Zulieferer.
- Über 50 Entwicklungsstandorte arbeiten nach dem Prinzip „In der Region für die Region“.
- Für KI im Fahrzeug gilt der EU AI Act, für KI im reinen Entwicklungsprozess dagegen kaum.
Warum spart Aumovio ausgerechnet im Anforderungsmanagement?

Anforderungsmanagement klingt nach Bürokratie, ist aber die teuerste Vorstufe jeder Fahrzeugsoftware, und genau dort greift Aumovios KI am stärksten. Tausende Spezifikationen müssen erfasst, verknüpft und gegen Normen geprüft werden, bevor die erste Zeile Code entsteht.
KI-Modelle erledigen diese Vorarbeit inzwischen zu großen Teilen selbst. So schrumpft die langsamste Phase der Entwicklung, noch bevor programmiert wird. Der Gewinn entsteht damit nicht am Fließband, sondern im Büro der Systemingenieure.
Was bedeutet „China Speed“ für europäische Zulieferer?
„China Speed“ meint den Vorsprung, mit dem chinesische Anbieter neue Funktionen für das software-definierte Fahrzeug in Monaten zur Serie bringen, während etablierte Zulieferer in Jahren rechnen.
Technikvorstand Nino Romano nennt „neue Wettbewerber insbesondere aus China“ und „immer schnellere Entwicklungszyklen“ als Grund für den Umbau.[1] Statt zentral zu entwickeln, verteilt Aumovio die Arbeit auf über 50 Standorte nach dem Prinzip „In der Region für die Region“.
Der Druck ist konkret. Erst am 21. September gingen in der Zulieferindustrie rund 175.000 Beschäftigte gegen Stellenabbau auf die Straße, und auch bei Aumovio steht das Ende der 35-Stunden-Woche zur Debatte.
KI ist für die deutschen Zulieferer kein Sparwerkzeug, sondern die letzte Chance, das Entwicklungstempo der Chinesen einzuholen. Ein Zulieferer, der nur die Kosten senkt und die Geschwindigkeit vergisst, verliert den Anschluss gleich zweimal.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie ein europäischer Zulieferer mit KI zum Tempo der chinesischen Konkurrenz aufschließen will.
Welche Regeln gelten für KI im Auto?
Für KI, die im Fahrzeug mitfährt, gilt der EU AI Act mit Pflichten zu menschlicher Aufsicht und Nachweisen; für KI im reinen Entwicklungsprozess dagegen kaum. Ein Assistenzsystem im Auto ist ein reguliertes Produkt, ein KI-Werkzeug im Büro nicht.
Diese Trennung verschiebt die eigentliche Aufgabe. Der KI-Einsatz beschleunigt die Entwicklung, doch die Ergebnisse müssen für die Typzulassung nachvollziehbar bleiben. Das lückenlose Anforderungsmanagement, das die KI hier erledigt, liefert diesen Nachweis gleich mit.
Für deutsche Zulieferer bleibt die Lehre nüchtern: KI taugt weniger als Sparhebel denn als Tempohebel. Ein Zulieferer, der die Entwicklungszeit halbiert, ohne die Rückverfolgbarkeit aufzugeben, verteidigt seinen Markt gegen China wirksamer als mit jeder Werksschließung.
Quellen
[1] IAA Mobility: „IAA Voices: Interview mit Nino Romano, CTO Continental Automotive (künftig Aumovio)“
[2] Automobil Industrie: „Aumovio-CTO Nino Romano über Pläne und Strategie“
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