Fünf zusätzliche Stunden pro Woche, kein Cent mehr auf dem Konto: Mit dieser Rechnung will der Autozulieferer Aumovio die deutschen Arbeitskosten drücken. Konzernchef Philipp von Hirschheydt hat die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich ins Gespräch gebracht und trifft damit einen Nerv der ganzen Branche.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAn den Standorten Ingolstadt und Villingen-Schwenningen arbeiten die Beschäftigten bereits 38 statt 35 Stunden, ebenfalls ohne mehr Geld.[1] Ausgehandelt hat das Management diese Mehrarbeit mit der Gewerkschaft, im Tausch gegen Qualifizierungszusagen und jährliche Investitionen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Ein historisches Tarif-Tabu bekommt damit erste Risse.
Das Wichtigste in Kürze
- Aumovio-Chef Philipp von Hirschheydt fordert die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, um die Arbeitskosten in Deutschland zu senken.
- An den Werken Ingolstadt und Villingen-Schwenningen gilt bereits eine 38-Stunden-Woche, abgesichert durch Investitions- und Qualifizierungszusagen.
- Die 35-Stunden-Woche ist ein Flächentarif der IG Metall, in Westdeutschland seit den 1990er Jahren die Norm.
- Mercedes hat den Vorstoß mit den Managern Källenius und Brudermüller angestoßen, Aumovio zieht als Zulieferer nach.
Warum zielt der Zulieferer auf die Arbeitszeit?

Die Rechnung dahinter sind die Lohnstückkosten. Ein Automobilzulieferer verdient sein Geld mit Elektronik, Sensorik und Fahrassistenz, also mit personalintensiver Entwicklung und Fertigung. Steigende Löhne, die schwache Nachfrage nach Verbrennerteilen und der Preisdruck chinesischer Wettbewerber haben die Margen der Branche zusammengeschmolzen.
Mehr Stunden bei gleichem Lohn senken rechnerisch die Kosten je Stück, ohne dass ein Werk schließt. Aumovio ist 2025 aus der Zerlegung von Continental hervorgegangen, das sich parallel von ContiTech getrennt hat und heute nur noch Reifen baut. Der frisch verselbstständigte Konzern steht seither unter besonderem Druck, eigene Zahlen zu liefern.
Ist Aumovio ein Einzelfall?
Kaum eine Meldung passt so genau in ein Muster. Den ersten Anstoß hat Mercedes gegeben: Vorstandschef Ola Källenius und Aufsichtsratschef Martin Brudermüller haben die längere Arbeitszeit als Erste laut gefordert. Der Autobauer verlagert seinen Sparkurs ohnehin auf die Belegschaft.
Bei den Zulieferern läuft die Kürzung längst. ZF streicht Tausende Stellen und kappt in Friedrichshafen die Zeppelin-Zulage, Bosch baut in Reutlingen 1.100 Stellen ab. Aumovios Vorstoß verschiebt den Hebel nur von der Zahl der Köpfe auf die Zahl der Stunden.
Die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich ist kein Sparprogramm wie ein Stellenabbau, sondern eine stille Lohnsenkung um ein Achtel pro Stunde. Ohne feste Investitionszusagen im Gegenzug zahlt am Ende allein die Belegschaft.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was die Beschäftigten im Gegenzug bekommen
Was heißt das für Arbeitgeber im DACH-Raum?
Die 35-Stunden-Woche ist kein Naturgesetz, sondern ein Flächentarif der IG Metall, in Westdeutschland seit den 1990er Jahren die Norm und im Streik von 1984 erkämpft. Einseitig aufkündigen lässt sie sich nicht. Jede Verlängerung läuft über den Tarifvertrag, über Öffnungsklauseln oder über einen Haustarif wie in Ingolstadt.
Für Entscheider steckt die eigentliche Lehre im Kleingedruckten des Aumovio-Deals. Die Beschäftigten haben die Mehrarbeit nicht geschenkt, sondern gegen Standortgarantien getauscht. Die Boehringer-Entscheidung, 900 Millionen Euro einzufrieren, zeigt die Gegenrichtung: Ohne verlässliche Rahmenbedingungen wandert die Investition ab.
Prüfen Sie Arbeitszeit und Standortzusagen deshalb als Paket, nicht getrennt. Ob sich der deutsche Standort noch lohnt, bleibt die offene Frage der Deutschland AG, und die Antwort hängt selten an einzelnen Stunden allein.
Quelle
[1] WirtschaftsWoche: „Aumovio-Chef fordert Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich“
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