Ein moderner Lastwagen rollt mit mehreren Hundert Millionen Zeilen Code vom Band, verteilt auf Dutzende Steuergeräte. Genau diese Komplexität will Coretura beherrschbar machen. Das Software-Gemeinschaftsunternehmen von Daimler Truck und Volvo Group setzt dafür auf Alloy Kore von BlackBerry QNX und dem Stuttgarter Softwarehaus Vector.[1]
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür die beiden Lkw-Konzerne ist die Wahl mehr als ein Lieferantenentscheid. Alloy Kore bekommt damit seinen ersten Serienauftrag. Coretura wiederum erhält eine fertige Basis, auf der die künftige Fahrzeugsoftware von Mercedes-Benz-Lkw und Volvo aufsetzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Coretura, das 2024 vereinbarte und in Göteborg ansässige Software-Gemeinschaftsunternehmen von Daimler Truck und Volvo Group, wählt Alloy Kore als Fundament seiner künftigen Nutzfahrzeug-Plattform.
- Alloy Kore verbindet das sicherheitszertifizierte Echtzeit-Betriebssystem von QNX mit der Middleware von Vector. QNX steckt bereits in rund 275 Millionen Fahrzeugen weltweit.
- Volvo und Daimler Truck investieren nach eigenen Angaben mindestens 100 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 87 Millionen Euro (Kurs 0,87), über fünf Jahre in Coretura.
Was steckt hinter Alloy Kore?

Ein gemeinsames Fundament ersetzt den bisherigen Flickenteppich aus einzeln programmierten Steuergeräten. Moderne Fahrzeuge bündeln ihre Rechenlast auf wenigen Hochleistungsrechnern. Die Software muss sich dabei von der Hardware lösen, damit Hersteller Funktionen unabhängig entwickeln und später per Update nachreichen. Alloy Kore liefert dafür die unterste Schicht: das QNX-Echtzeitbetriebssystem samt Hypervisor, ergänzt um die Kommunikations- und Integrationsbausteine von Vector.
Zeit und Zertifizierung sind der eigentliche Gewinn. Weil QNX bereits nach den Sicherheitsnormen der Branche zugelassen ist und heute in rund 275 Millionen Fahrzeugen läuft,[3] sparen sich die Entwickler bei Coretura einen Großteil der aufwendigen Freigabe für sicherheitskritische Funktionen wie Bremse oder Lenkung. Statt Monate in die Grundlage zu stecken, arbeiten sie an den Anwendungen, die einen Lkw im Betrieb von anderen unterscheiden.
Warum ein Truck-Konsortium eine fremde Basis kauft
Selbst bauen scheiterte teuer. Volkswagen verbrannte mit der Softwaretochter Cariad Milliarden und holt sich heute die Architektur von Rivian und Xpeng ins Haus. Auch die MAN- und Scania-Mutter Traton öffnet ihr Fahrzeug-Betriebssystem ONE OS mit Red Hat für Partner, statt jede Zeile allein zu verantworten. Coretura zieht dieselbe Lehre und kauft die Basis dort zu, wo Volvo und Daimler ohnehin nicht mehr um Kunden konkurrieren.
Getrennt bleiben die Marken trotzdem. Beide Konzerne stecken zusammen mindestens 100 Millionen US-Dollar, rund 87 Millionen Euro, über fünf Jahre in das Gemeinschaftsunternehmen und wollen darauf jeweils eigene digitale Dienste bauen.[2] Den Takt der Updates gibt künftig eine offene Plattform vor, wie sie im Nutzfahrzeug auch Knorr-Bremse für die Update-Pflicht bündelt.
Die Kontrolle über die Basissoftware im Lkw entscheidet für Jahre, wie schnell neue Funktionen ins Fahrzeug kommen. Dass ein deutsch-schwedisches Konsortium ausgerechnet auf QNX und Vector setzt, zeigt den Willen der europäischen Nutzfahrzeugbauer, die Software-Hoheit zu behalten, ohne jede Zeile selbst zu schreiben.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was das für Europas Fahrzeugsoftware bedeutet
Software-Hoheit rückt damit ins Zentrum der Nutzfahrzeug-Strategie. Mit QNX aus Kanada und Vector aus Stuttgart setzt ein europäisches Konsortium bewusst auf spezialisierte Zulieferer, statt die Basis einem Plattformkonzern wie Google mit Android Automotive zu überlassen. QNX gilt als neutral, weil das Unternehmen kein eigenes Fahrzeug baut und keine Fahrdaten für ein Werbegeschäft braucht, während die Hersteller ihre Fahrzeugdaten ohnehin kaum noch verkaufen.
Regeln verschärfen den Druck. Die UNECE-Vorgaben R155 und R156 verlangen über die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs ein abgesichertes Cybersecurity- und Update-Management. Die Funktionssicherheit nach ISO 26262 bleibt zusätzlich Pflicht. Eine zertifizierte Basis wie QNX nimmt den Herstellern hier einen erheblichen Teil der Nachweislast ab.
Für Zulieferer und Flotten lohnt der Blick auf die Plattformfrage. Zulieferer von Steuergeräten, Sensorik oder Telematik an Daimler Truck oder Volvo sollten prüfen, ob die eigene Software zu Alloy Kore und dessen Schnittstellen passt. Serienfahrzeuge mit der Plattform erwartet Coretura erst gegen Ende des Jahrzehnts, die Weichen für die Lieferketten stellt der Auftrag aber schon jetzt.
FAQ: Coretura und Alloy Kore
Was ist Coretura?
Coretura ist ein Software-Gemeinschaftsunternehmen von Daimler Truck und Volvo Group mit Sitz in Göteborg. Die 2024 vereinbarte und seit 2025 aktive Firma entwickelt eine gemeinsame Software-defined-Vehicle-Plattform und Standards für Nutzfahrzeuge, auf denen beide Konzerne eigene digitale Dienste aufbauen.
Was ist Alloy Kore?
Alloy Kore ist eine gemeinsam von BlackBerry QNX und Vector entwickelte Basissoftware für Fahrzeuge. Sie verbindet das sicherheitszertifizierte Echtzeit-Betriebssystem und den Hypervisor von QNX mit der Middleware von Vector zu einem Fundament für Hochleistungsrechner im Fahrzeug.
Wer steckt hinter QNX und Vector?
QNX ist eine Division des kanadischen Konzerns BlackBerry und liefert Betriebssystem, Hypervisor und Middleware für Fahrzeuge; die Software läuft in rund 275 Millionen Autos. Vector ist ein Softwarehaus aus Stuttgart, das Werkzeuge und Middleware für die Automobilindustrie entwickelt.
Warum ist der Auftrag wichtig?
Alloy Kore erhält mit Coretura seinen ersten Serienauftrag. Für Europas Nutzfahrzeugindustrie zeigt die Wahl, dass zwei große Konzerne die Software-Basis lieber bei spezialisierten Zulieferern einkaufen, als sie selbst zu bauen oder einem Plattformriesen wie Google zu überlassen.
Quellen
[1] Coretura: „Coretura Selects Alloy Kore to Advance a Unique Software-Defined Vehicle Platform“ (2026)
[2] Volvo Group: „Volvo Group and Daimler Truck launch Coretura“ (2025)
[3] QNX (BlackBerry): „QNX Embedded Technology Now Powering More Than 275 Million Vehicles on the Road“ (2025)
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