Korbinian Ott, Geschäftsführer des Fundamentherstellers Steelwind in Nordenham, rechnet für 2028 mit mindestens einem halben Jahr Kurzarbeit. Eine Studie, die der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) am Donnerstag vorgelegt hat, beziffert das Risiko für die ganze Branche: Bleibt der Ausbau auf See schwach, fallen bis 2045 rund zwei Drittel der heutigen Vollzeitstellen weg.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSeit Mitte 2025 hat die Bundesnetzagentur keine neue Nordsee-Fläche mehr vergeben. Die Forscher von wind:research beschreiben, was folgt, falls diese Lücke bleibt: Die Zahl der Vollzeitstellen sinkt von 31.530 auf 9.000.[1] Gemeint ist ein Krisenszenario, keine Prognose, und Auftraggeber der Studie ist der Interessenverband der Branche.
Das Wichtigste in Kürze
- Bis 2045 summiert sich der Umsatzausfall im Krisenszenario der BWO-Studie auf mehr als 550 Milliarden Euro.
- Steelwind in Nordenham rechnet für 2028 mit Kurzarbeit, EEW streicht in Rostock rund 100 Stellen.
- Der Bundestag hat die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes am 8. Oktober in erster Lesung beraten.
- Je fehlendem Gigawatt stehen laut BWO rund 3,5 Milliarden Euro Auftragsvolumen auf dem Spiel.
Welche Werke spüren die Flaute schon?

Im Rostocker Überseehafen will der Monopile-Hersteller EEW bis Jahresende rund 100 seiner etwa 1.000 Stellen streichen und erwartet bis einschließlich 2028 eine geringe Auslastung. Steelwind, eine Tochter der Dillinger-Gruppe, beschäftigt in Nordenham laut ZDF rund 800 Menschen. „Jetzt sehen wir aber, dass der Ausbau stockt“, sagte Ott dem Sender.[2] Beschlossen ist die Kurzarbeit noch nicht.
Bei Siemens Gamesa in Cuxhaven erhielten im Sommer laut den Cuxhavener Nachrichten rund 300 Leiharbeiter keine Verlängerung. Siemens äußerte sich dazu nicht, die rund 1.150 Festangestellten will der Turbinenbauer halten.[5]
In Nordenham selbst sucht der Kabelkonzern Prysmian bis zu 300 zusätzliche Beschäftigte, allerdings für Telekom-Seekabel und nicht für Windparks.
Warum trifft die Lücke die Werke erst 2028?
Fundamente entstehen Jahre vor dem ersten Strom. RWE vereinbarte 2024 mit Steelwind bis zu 300 Monopiles, die ersten 200 sollen ab 2027 in Nordenham gefertigt werden, für Windparks mit Betriebsstart ab Ende 2029.[4] Bleiben heute die Zuschläge aus, fehlen den Werken deshalb in zwei bis drei Jahren die Aufträge. Zu diesem Vorlauf passt, dass EEW und Steelwind beide das Jahr 2028 als Talsohle nennen.
Die Ursache der Lücke liegt im Auktionsdesign. Bieter sollten für Nordsee-Flächen hohe Summen an den Staat zahlen, während Turbinen, Kabel und Schiffe teurer wurden. Im August 2025 ging deshalb für zwei Flächen kein einziges Gebot ein, danach verschob das Kabinett die Ausschreibung 2026 auf 2027. Selbst vergebene Projekte wackeln: BP hat laut NDR die Arbeit an zwei Nordsee-Parks faktisch eingestellt, das Gemeinschaftsunternehmen bestreitet eine Entscheidung gegen den Bau. EEW verweist zusätzlich auf zollfreie Stahlfundamente aus China.
Was ändert die Gesetzesnovelle?
Den Regierungsentwurf zur Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes hat der Bundestag am 8. Oktober in erster Lesung beraten und an den Wirtschaftsausschuss überwiesen.[3] Geplant sind Differenzverträge in einem zweistufigen Modell: Der Markt hat Vorrang, der Staat sichert dort ab, wo die Risiken zu groß werden.
Der BWO verlangt Differenzverträge ab Projektbeginn und eine Indexierung der Kosten. Vor allem sollen Betreiber gefährdete Zuschläge aus den Jahren 2023 bis 2025 einmal zurückgeben dürfen, damit die Flächen neu in die Ausschreibung kommen. Eine solche Rückgabe sieht der Entwurf bisher nicht vor. „Ein Zuschlag allein schafft noch keinen Auftrag“, sagt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm.[1] EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos hält dagegen 55 statt 70 Gigawatt für die sinnvollere Zielmarke.
Für Zulieferer im Binnenland, die Stahl oder Komponenten in die Offshore-Kette liefern, entscheidet sich im Ausschuss, ob 2027 wieder Aufträge entstehen. Kapazitäten für 2028 planen Sie deshalb gerne erst fest ein, sobald klar ist, ob die Novelle eine Flächenrückgabe erlaubt: Davon hängt ab, welche Flächen 2027 neu ausgeschrieben werden.
Quellen
5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Bundesverband Windenergie OffshoreZwei Drittel der heutigen Arbeitsplätze in der Offshore-Windindustrie gefährdet
- ZDFheuteKrise auf hoher See: Warum Deutschlands Offshore-Ausbau stockt
- Deutscher BundestagOptimierung des Ausbaus der Windenergie auf See, Drucksache 21/8238
- RWERWE unterzeichnet Rahmenvereinbarung für Monopile-Fundamente mit Steelwind
- Cuxhavener NachrichtenSpatenstich trotz Stellenabbaus: Siemens investiert weiter in den Standort Cuxhaven
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