EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos fordert, das gesetzliche Offshore-Windziel von 70 auf 55 Gigawatt abzusenken. Der Vorstoß trifft eine Branche, deren Kosten binnen fünf Jahren um bis zu 40 Prozent gestiegen sind. Für Deutschlands Strompreise steht dabei mehr auf dem Spiel als eine Jahreszahl.

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Beim Offshore-Windausbau meldet ausgerechnet einer der größten Betreiber Bremsbedarf an. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der EnBW-Vorstandsvorsitzende eine niedrigere Zielmarke eine „sinnvolle Korrektur nach 20 Jahren“ genannt, kein Ausbremsen. Hinter der Wortwahl steckt eine Rechnung, die jeden Stromkunden betrifft.

Das Wichtigste in Kürze

  • EnBW schlägt vor, statt der gesetzlichen 70 zunächst nur 55 Gigawatt Offshore-Leistung zu bauen.
  • Turbinen, Kabel und Logistik sind laut EnBW in fünf Jahren um 30 bis 40 Prozent teurer geworden.
  • Für zwei britische Projekte mit BP hat der Konzern bereits 1,2 Milliarden Euro abgeschrieben.
  • Auch RWE fährt sein deutsches Erneuerbaren-Portfolio zurück und verweist auf die Politik.

Warum bremst ein Windkraft-Riese?

Waage mit Windradmodell (links) und Münzstapeln (rechts) auf weißem Hintergrund
Stamatelopoulos plädiert für kostengünstigen Solarausbau: erst 55 Gigawatt bauen, dann neu bewerten statt gesetzlicher Ziele von 70 Gigawatt bis 2045

Bezahlbarkeit zuerst. Stamatelopoulos knüpft den weiteren Ausbau offen an die Kosten und schlägt vor, erst 55 Gigawatt zu bauen und dann neu zu bewerten. Gesetzlich vorgesehen sind mindestens 30 Gigawatt bis 2030, 40 bis 2035 und 70 bis 2045.[1]

Reale Lücke. Installiert waren zuletzt erst 10,2 Gigawatt. Zwischen Anspruch und Realität liegt also ein Vielfaches der heutigen Leistung, das binnen weniger Jahre auf hoher See entstehen müsste. Dass Deutschlands Offshore-Auktion 2026 ganz ausgefallen ist, macht den Rückstand nicht kleiner.

Was macht Strom aus dem Meer so teuer?

Kostenspirale. Turbinen, Spezialschiffe und Seekabel sind laut EnBW über 15 Jahre um mehr als 50 Prozent teurer geworden. Höhere Zinsen verteuern zusätzlich jedes Projekt, das über Jahrzehnte finanziert wird.

Auktionsfalle. Wo staatliche Förderung fehlt, kippt die Kalkulation: Für zwei gemeinsam mit BP geplante britische Windparks hat EnBW 1,2 Milliarden Euro abgeschrieben, nachdem sie in einer Förderauktion leer ausgegangen waren. Anderswo investiert der Konzern dagegen weiter, etwa in seinen bislang schnellsten Ladepark am Konzernsitz.

Offshore-Wind: Ziel, Realität und Kosten

Wo Deutschlands Windkraft auf See heute steht und warum EnBW eine niedrigere Marke fordert.

70 GW
Gesetzliches Ziel bis 2045
So viel Offshore-Leistung soll ans Netz.
55 GW
EnBWs Vorschlag
Erst bauen, dann neu bewerten.
10,2 GW
Heute installiert
Aufgebaut seit dem ersten Park 2010.
+50 %
Kosten in 15 Jahren
Turbinen, Kabel und Spezialschiffe.
1,2 Mrd.
Euro Abschreibung
Zwei britische Projekte ohne Förderung.

Der gesetzliche Zielpfad

bis 2030
30 GW
bis 2035
40 GW
bis 2045
70 GW

Nicht das Windrad ist das Problem, sondern der Preis, zu dem sein Strom am Ende beim Mittelstand ankommt. Genau diese Rechnung entscheidet über die Akzeptanz der Energiewende.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für deutsche Entscheider?

Kein Einzelfall. EnBW steht nicht allein: Auch RWE fährt sein deutsches Erneuerbaren-Portfolio zurück und begründet das mit den politischen Vorgaben. Weil Solar schneller wächst als der Wind, verschiebt sich der Strommix zusätzlich, während der Onshore-Ausbau mit Aufträgen wie den 700 Megawatt für Nordex zwar läuft, die Offshore-Lücke aber nicht schließt.

Preis im Blick. Für Unternehmen zählt am Ende der Industriestrompreis, nicht die Gigawatt-Zahl auf dem Papier. Für die eigene Energiekostenplanung lohnt es sich, die Debatte um Ausbauziele, Netzentgelte und Fördermodelle jetzt zu verfolgen.

Konkret jetzt. Prüfen Sie langfristige Stromlieferverträge auf ihre Preisannahmen und kalkulieren Sie steigende Netzentgelte fest ein. Die nächste Offshore-Auktion zeigt dann, ob der Ausbaupfad hält oder weiter bröckelt.

Quelle

[1] Bundesministerium der Justiz: Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG), § 1 Zweck und Ziel des Gesetzes

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