Das Mercedes-Abfindungsprogramm geht im Dezember in die zweite Runde: Beschäftigte in Verwaltung, Entwicklung und IT erhalten erneut Angebote für einen bezahlten Abschied. In der ersten Runde verließen rund 5.500 Mitarbeiter den Autobauer, ein langjähriger Teamleiter konnte mit mehr als 500.000 Euro rechnen. Eine Zielzahl für die neue Runde nennt Mercedes nicht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm 30. September kündigte Mercedes-Benz in Stuttgart an, die freiwilligen Abfindungsangebote „in den indirekten Bereichen“ wieder aufzulegen, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.[1] Individuelle Angebote gehen an Tarifbeschäftigte und zum Teil an Führungskräfte. Für jedes Ausscheiden müssen Beschäftigte und Konzern zustimmen. Mercedes spricht von doppelter Freiwilligkeit.
Das Wichtigste in Kürze
- Ab Dezember 2026 bietet Mercedes-Benz in Deutschland erneut freiwillige Abfindungen an, nur in den indirekten Bereichen außerhalb der Produktion.
- Von April 2025 bis März 2026 nahmen laut Handelsblatt rund 5.500 von rund 40.000 angeschriebenen Beschäftigten ein Angebot an.
- Die Beschäftigungssicherung schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 aus, der Abbau läuft deshalb über Aufhebungsverträge.
- Eine Stellenzahl, ein Budget oder einzelne Standorte für die zweite Runde hat Mercedes nicht genannt.
Was plant Mercedes ab Dezember?

Angekündigt, nicht gestartet. Die Neuauflage steht auf der Stufe der Ankündigung. Mercedes nennt einen voraussichtlichen Start im Dezember, aber weder eine Zielzahl noch ein Budget. Gemeint sind Verwaltung, Entwicklung, IT und weitere Funktionen ohne direkten Bezug zur Fertigung. Ein großer Teil dieser Arbeitsplätze liegt in der Region Stuttgart, in der Konzernzentrale in Untertürkheim und im Entwicklungszentrum in Sindelfingen. Insgesamt beschäftigt Mercedes-Benz in Deutschland rund 108.000 Menschen.[1] Der Konzern will so die Zahl der Beschäftigten in diesen Bereichen senken und die Arbeitskosten in Deutschland drücken.
Gewinn fast halbiert. Der Kostendruck zeigt sich in der Bilanz: 2025 sank der Konzerngewinn von 10,4 auf 5,3 Milliarden Euro, nachdem er schon 2024 um 28,4 Prozent zurückgegangen war.[1] Im zweiten Quartal 2026 stieg das Konzernergebnis um 13,5 Prozent, doch die Pkw-Marge fiel auf 4 Prozent. In China brachen die Auslieferungen im selben Quartal um 30 Prozent ein. Mit dem Programm „Next Level Performance“ will der Vorstand ab 2027 jährlich rund fünf Milliarden Euro einsparen.
Warum zahlt Mercedes Abfindungen, statt zu kündigen?
Jobgarantie bis 2034. Im März 2025 verlängerten Vorstand und Gesamtbetriebsrat die Beschäftigungssicherung für die deutschen Standorte um fünf Jahre bis Ende 2034. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis dahin ausgeschlossen. Personal abbauen kann Mercedes deshalb vor allem über natürliche Fluktuation und Aufhebungsverträge mit Abfindung. Gefragte Fachleute muss der Konzern wegen der doppelten Freiwilligkeit nicht ziehen lassen.
Zurückhaltende Annahme. Die erste Runde lief von April 2025 bis Ende März 2026. Rund 40.000 Beschäftigte außerhalb der Produktion erhielten ein Angebot, rund 5.500 nahmen an, berichtete das Handelsblatt im April. Bis zum Jahreswechsel hatten rund 4.000 zugesagt. Nach der Rechnung der Zeitung kam ein 55-jähriger Teamleiter mit 30 Dienstjahren und 9.000 Euro Bruttomonatsgehalt auf mehr als 500.000 Euro. Eine Mercedes-Sprecherin nannte die Umsetzung erfolgreich, Insider sprachen dagegen von weniger Abgängen als erwartet.
Teurer Ausstieg. Die niedrige Annahmequote von rund 14 Prozent hat einen naheliegenden Grund: die Garantie selbst. Jedes Angebot konkurriert bei Mercedes mit bis zu acht weiteren Jahren ohne Kündigungsrisiko. Gegen diese Sicherheit wirkt selbst eine sechsstellige Summe für viele Beschäftigte zu niedrig. Für die zweite Runde muss der Konzern also entweder nachlegen oder mit einer ähnlichen Quote rechnen.
Wie passt die zweite Runde in den Sparkurs der Autobauer?
Drohkulisse in Sindelfingen. Die Ankündigung kam neun Tage nach einer Warnung des Vorstands. Auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen stellte Produktionsvorstand Michael Schiebe am 21. September ein Montage- und ein Antriebswerk zur Disposition, sollten die Kosten nicht sinken. Zuvor hatte der Vorstand die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich und das Ende des Homeoffice verlangt, wogegen am 3. Juli rund 33.000 Beschäftigte an zehn Standorten protestierten. Als Maßstab nennt Mercedes das ungarische Werk Kecskemét, dessen Faktorkosten der Konzern rund 70 Prozent unter deutschem Niveau beziffert.
Freiwillig statt betriebsbedingt. Mercedes folgt damit einem Muster, das sich durch die Branche zieht. BMW baut rund 8.000 Stellen vor allem in der Verwaltung ab, ebenfalls ohne Kündigungen. Die VW-Softwaretochter Cariad plant den Abbau von rund 1.000 ihrer 4.300 Stellen, und Volkswagen kündigte seine Haustarifverträge, während die Jobgarantie bis 2030 bestehen bleibt. Lufthansa setzt beim Abbau von 4.000 Verwaltungsstellen ebenfalls auf ein Freiwilligenprogramm mit Abfindung oder bezahlter Freistellung.
Mercedes kauft sich mit sechsstelligen Abfindungen aus der eigenen Jobgarantie bis 2034 frei. Bei 14 Prozent Annahmequote dürfte die zweite Runde nicht die letzte bleiben.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet die zweite Runde für Unternehmen in der Region Stuttgart?
Fachkräfte am Markt. Ab Dezember suchen voraussichtlich erneut erfahrene Entwicklungsingenieure und IT-Fachleute aus dem Konzern eine neue Stelle, viele mit einer hohen Abfindung im Rücken und ohne Zeitdruck. Mittelständler und Zulieferer, die seit Jahren um Entwicklungs- und Softwarepersonal konkurrieren, planen ihre Recruiting-Kampagnen am besten für das erste Quartal 2027 ein. Für Engineering-Dienstleister mit hohem Mercedes-Anteil entscheidet sich 2027, ob der Konzern frei gewordene Entwicklungsaufgaben nach außen vergibt oder streicht.
Lehrstück für Personalchefs. Der Fall Mercedes zeigt, wie teuer freiwillige Abgänge unter einer langen Jobgarantie werden und wie niedrig die Quote trotzdem bleibt. Unternehmen mit eigener Beschäftigungssicherung setzen ihr Abfindungsbudget deshalb ins Verhältnis zur Restlaufzeit der Garantie, nicht nur zur Betriebszugehörigkeit. Beschäftigte prüfen vor der Unterschrift die steuerliche Seite: Seit 2025 wendet der Arbeitgeber die Fünftelregelung beim Lohnsteuerabzug nicht mehr an, die Ermäßigung bringt nur noch die Einkommensteuererklärung.
Quelle
[1] Deutsche Presse-Agentur via Rhein-Neckar-Zeitung: „Autobauer: Mercedes-Benz reaktiviert Abfindungsprogramm in Deutschland“ (30.09.2026)
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