Beim Rekord-Windrad im brandenburgischen Schipkau fuhr GICON am Montag den Innenturm aus. Die Nabe sitzt nun in 300 Metern Höhe, rund 100 Meter höher als bei der höchsten Serienanlage an Land. Ob die Höhe den Ertrag wie erhofft verdoppelt, zeigen erst die Messwerte ab November.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie 365 Meter des höchsten Windrads der Welt entsprechen der Höhe, die der Berliner Fernsehturm bis 1997 hatte. Seither misst das Wahrzeichen am Alexanderplatz dank einer neuen Antennenspitze 368 Meter. Mit dem Höhenwindturm will der Dresdner Ingenieurdienstleister GICON im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND den kräftigeren Wind in großer Höhe erschließen.
Das Wichtigste in Kürze
- Den letzten Hub auf Endhöhe erledigte am 28. September ein Litzenhubsystem statt eines Krans.
- Nur der Berliner Fernsehturm übertrifft in Deutschland die 365 Meter; die höchste Serienanlage an Land misst 285 Meter.
- Die 3,8-Megawatt-Pilotanlage soll im November in Betrieb gehen, für Serientürme plant GICON mehr als 7 Megawatt.
Wie kommt eine Turbine auf 300 Meter?

Kran zu kurz. Beim klassischen Windrad hebt ein Kran Maschinenhaus und Rotor auf den fertigen Turm. Der in Schipkau eingesetzte Raupenkran Liebherr LR 11350 schafft Hakenhöhen bis 220 Meter.[1] Eine Nabe in 300 Metern Höhe liegt damit außer Reichweite.
Erst Kran, dann Teleskop. GICON dreht die Reihenfolge um: Die Turbine wurde in gut erreichbarer Höhe auf dem Innenturm montiert, der im Stahlgitter-Außenturm steckt.[2] Ein Litzenhubsystem aus dem Brückenbau fuhr den Innenturm samt Maschine aus, bis die Rotorspitze am Montag 365 Meter erreichte. GICON-Gründer Jochen Großmann sprach von einem überwältigenden Moment: „Was lange eine anspruchsvolle Idee und dann ein ebenso anspruchsvolles Bauvorhaben war, steht nun als weltweit einzigartige Anlage in Schipkau.“[3]
Wie viel Strom bringt der Höhenwind?
Dritte Potenz. In Bodennähe bremsen Wälder und Bebauung den Wind, weiter oben strömt die Luft schneller und gleichmäßiger. Die Leistung im Wind wächst mit der dritten Potenz seiner Geschwindigkeit: Ein Viertel mehr Tempo bedeutet fast die doppelte Energie. GICON rechnet deshalb bei gleich großem Rotor mit dem zweifachen Ertrag eines herkömmlichen Windrads.[3] Nordex setzt dagegen auf größere Rotoren, etwa bei der N193 für Schwachwindstandorte.
Halbe Nennleistung, gleicher Ertrag. Die Dresdner Ingenieure beziffern den Jahresertrag der 3,8-Megawatt-Pilotanlage auf rund 18 Gigawattstunden oder mehr. Turmbauer Max Bögl erwartet von der Vestas-Anlage mit 7,2 Megawatt am oberpfälzischen Winnberg, der höchsten Serienanlage an Land, 17 bis 18 Gigawattstunden.[4] Rechnerisch ergäben sich in Schipkau rund 4.700 Volllaststunden, fast doppelt so viele wie dort. Messwerte liefert erst der Netzbetrieb ab November.
GICON hat in Schipkau bewiesen, dass sich eine Turbine auf 300 Meter ausfahren lässt, wo kein Kran mehr hinkommt. Ob sich Höhenwindtürme als zweite Etage über bestehenden Windparks bewähren, entscheiden die Messwerte des ersten Winters, nicht der Weltrekord.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet die zweite Etage für Windparks?
Mehr Strom pro Hektar. GICON schätzt, dass in Deutschland bis zu 4.000 Höhenwindtürme als zweite Etage in bestehende Windparks passen.[3] Diese Nachverdichtung bräuchte keine neuen Flächen. Zusätzlichen Ertrag holen Betreiber aus alten Standorten bisher per Repowering, wie im hessischen Rauschenberg.
Netz und Kosten offen. Jeder zusätzliche Turm braucht Kapazität im Stromnetz, dessen Grenzen den Windausbau bremsen: Viele genehmigte Projekte warten auf ihren Netzanschluss. Einen Preis für einen Serienturm hat GICON bislang nicht veröffentlicht. SPRIND peilt Stromgestehungskosten unter dem heutigen Preisniveau an und lässt in Schipkau prüfen, ob die Anlage länger als die üblichen 20 Jahre hält.[5]
Hausaufgaben für Betreiber. Betreiber bestehender Windparks sollten die Messwerte aus Schipkau ab November verfolgen und klären, ob Parklayout und Netzanschluss eine zweite Etage zuließen. Für Industriebetriebe mit eigenem Windpark, etwa Continental in Korbach, zählt vor allem der stetigere Ertrag, den SPRIND verspricht.
Quellen
[1] GICON: GICON-Höhenwindturm auf fast 90 Meter gewachsen (16.05.2026)
[2] GICON: GICON-Höhenwindturm: Weltrekord in der Höhe (abgerufen 29.09.2026)
[3] NIEDERLAUSITZ aktuell: Weltgrößtes Windrad in Schipkau erreicht Rekordhöhe von 365 Metern (28.09.2026)
[4] Max Bögl: Weltrekord-Nabenhöhe: Max Bögl und Vestas stellen Windprojekt mit höchstem Serien-Turm für Windenergieanlagen fertig (08.09.2026)
[5] SPRIND: Höhenwindräder: mehr Ertrag und neue Chancen für die Region (abgerufen 29.09.2026)
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