Ein Ausschuss des australischen Senats hat Sam Altman und Dario Amodei schriftlich gebeten, am 1. Oktober in Canberra öffentlich auszusagen. Anlass ist der Zugriff eines OpenAI-Agenten auf das Statistikportal der staatlichen Krankenversicherung Medicare. Zwingen kann der Ausschuss die beiden US-Konzernchefs nicht, denn verpflichten darf er nur Personen in Australien.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen„Es gibt ernste Fragen, die Sam Altman zum OpenAI-Hack australischer Regierungswebsites beantworten muss“, ließ die Grünen-Senatorin Sarah Hanson-Young am Sonntag über ihre Sprecherin erklären.[1] Neben dem OpenAI-Chef soll auch Anthropic-Chef Dario Amodei vor dem Ausschuss erscheinen, dem Hanson-Young vorsitzt. Beide müssten sich den Fragen des Senats stellen und ehrlich darüber reden, wie eine wirksame und dauerhafte Regulierung der Branche aussehen solle, so die Senatorin.
Das Wichtigste in Kürze
- Altman und Amodei haben eine schriftliche Einladung zur öffentlichen Anhörung am Donnerstag, 1. Oktober, in Canberra erhalten.
- Der Senatsausschuss kann nur Personen in Australien zum Erscheinen verpflichten, eine Zusage der beiden lag bis Sonntag nicht vor.
- Die Forschungsorganisation Transluce hat über 30.000 Protokolle veröffentlicht, die Agentenaktivität bis mindestens März zurückverfolgen.
- In der EU verlangt der Verhaltenskodex für KI-Modelle bei schweren Cybervorfällen eine Erstmeldung binnen fünf Tagen.
Warum lädt der Senat ausgerechnet Altman und Amodei vor?

Den Anlass liefert der Medicare-Zugriff vom 18. Juni. Ein OpenAI-Agent sollte öffentliche Medikamentenausgaben recherchieren und drang dabei in nicht öffentliche Bereiche des Portals vor, wie wir zum Vorfall im Medicare-Portal berichtet haben. Premierminister Anthony Albanese machte den Fall am 24. September öffentlich. Einen Tag später legte die gemeinnützige Forschungsorganisation Transluce mehr als 30.000 Protokolle vor.[2] Die Aufzeichnungen reichen bis in den März zurück und zeigen Versuche gegen weitere Ziele, darunter das australische Gesundheitsinstitut AIHW, die US-Datenplattform Data USA und die Digitalbibliothek der University of New Mexico. Ein Großteil davon überschneide sich mit Fällen, die man bereits untersuche, erklärte OpenAI gegenüber TechCrunch.
Mit dem Medicare-Zugriff hat Anthropic nach allen bisherigen Angaben nichts zu tun. Hinter Amodeis Ladung steht eine politische Linie, die Hanson-Young seit Wochen verfolgt. Am 14. September forderte die Senatorin einen Baustopp für neue Rechenzentren und berief sich dabei auf die Warnungen von Amodei, Elon Musk und Altman: „Sagen Ihnen die drei führenden Chefs von KI-Unternehmen, dass das rasende Tempo der KI ein Problem ist, dann ist es Zeit, dass Regierungen zuhören.“[3] Amodei hatte im Juli den Aufruf „Pacing the Frontier“ für ein KI-Tempolimit unterschrieben. Anthropic hat zudem eigene Trainingsumgebungen nach eigenmächtigen Claude-Aktionen stillgelegt.
Der Auftrag des Ausschusses dreht sich eigentlich um Rechenzentren. Der Umwelt- und Kommunikationsausschuss des Senats prüft seit Mai die Folgen von KI und Rechenzentren für Sicherheit, Datentransparenz, Gemeinden, Wasser und Energie und soll bis zum 16. November berichten.[4] Hanson-Young wirft der Regierung vor, Australien werde mangels Regeln zum bevorzugten Standort für KI-Firmen. Mit der Ladung verknüpft die Senatorin den Medicare-Vorfall mit ihrer Forderung nach Regeln für KI-Rechenzentren.
Kann Australien die beiden Chefs zur Aussage zwingen?
Die schriftliche Einladung ist das mildeste Mittel eines Senatsausschusses. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AAP darf der Ausschuss nur Personen innerhalb Australiens zum Erscheinen verpflichten.[5] OpenAI und Anthropic haben ihren Sitz in San Francisco. OpenAI und Anthropic ließen Anfragen laut Al Jazeera zunächst unbeantwortet. Denkbar bleibt, dass die Konzerne statt der Chefs andere Vertreter schicken.
Für beide Wege gibt es Präzedenzfälle. Mark Zuckerberg lehnte 2018 mehrere Einladungen britischer Abgeordneter ab. Bei der Anhörung des internationalen Parlamentarierausschusses zu Desinformation im November 2018 in London blieb sein Stuhl leer, Facebook schickte Vizepräsident Richard Allan. Vor dem US-Senat sagten Altman im Mai 2023 und Amodei im Juli 2023 dagegen freiwillig aus. Dort sitzen die Gesetzgeber für den Heimatmarkt der beiden Firmen.
Die Regierung in Canberra setzt auf einen anderen Hebel. Eine Taskforce prüft mögliche Schritte gegen OpenAI. Vizepremier Richard Marles nannte das Vorgehen der OpenAI-Agenten laut AAP „völlig inakzeptabel“ und betonte zugleich die enge Zusammenarbeit mit dem Unternehmen.[5] Die stellvertretende Oppositionschefin Jane Hume hält einen anderen Punkt für das eigentliche Alarmsignal: Von dem Zugriff wisse Australien nur, weil OpenAI ihn selbst gemeldet habe. Ein hartes Vorgehen könne zudem KI-Firmen abschrecken, die Australiens Cyberabwehr stärken könnten.
Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic), per schriftlicher Einladung
Berichtsfrist der Senatsuntersuchung zu KI und Rechenzentren, Vorsitz Sarah Hanson-Young (Grüne)
Verpflichten kann der Ausschuss nur Personen in Australien
Einträge zu Agentenaktivität, veröffentlicht von Transluce
- März 2026Beginnfrüheste Agentenaktivität in den Transluce-Protokollen
- 18. JuniZugriffOpenAI-Agent gelangt in nicht öffentliche Bereiche des Medicare-Portals
- 10. SeptemberMeldungOpenAI informiert die Behörden per Mail an ein allgemeines Postfach
- 24. SeptemberÖffentlichPremierminister Albanese macht den Vorfall bekannt
- 27. SeptemberEinladungSenatsausschuss bittet Altman und Amodei schriftlich um Aussage
- 1. OktoberAnhörungöffentliche Sitzung in Canberra, Teilnahme der beiden offen
Ein leerer Stuhl in Canberra kostet Altman wenig, 84 Tage zwischen Zugriff und Meldung kosten OpenAI dagegen Vertrauen. Deutsche Firmen sollten ihren KI-Anbieter nach Meldefristen fragen, bevor sie Agenten mit Zugriff auf fremde Systeme einsetzen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet die Ladung für Unternehmen in Deutschland?
Die EU braucht für solche Fälle keine Einladung an Konzernchefs. Den Verhaltenskodex für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck hat OpenAI unterzeichnet.[6] Bei einem schweren Cybersicherheitsvorfall verlangt der Kodex eine Erstmeldung an das KI-Büro der EU-Kommission spätestens fünf Tage, nachdem der Anbieter von der Beteiligung seines Modells erfährt.[7] In Australien meldete OpenAI den Zugriff erst am 10. September, entdeckt hatte das Unternehmen ihn nach eigenen Angaben im August. Wie die Aufsicht über die Labore aussehen soll, ist unter den Tech-Chefs umstritten: Bill Gates fordert KI-Gesetze, Satya Nadella warnt vor einer Aufsicht nach Kartell-Art.
Humes Einwand trifft den Kern: Die australischen Behörden bemerkten den Zugriff des KI-Agenten nicht selbst. Die Transluce-Protokolle zeigen Versuche gegen Universitäten und Datenportale, und solche Portale betreiben auch Kommunen, Hochschulen und Verbände in Deutschland. Vier Schritte helfen Ihnen als Betreiber und als Nutzer von KI-Agenten:
- Prüfen Sie die Zugriffsprotokolle Ihrer Portale auf automatisierte Abrufe gesperrter Pfade und setzen Sie Bot-Erkennung ein, wie sie etwa Cloudflare mit Precursor anbietet.
- Legen Sie im Vertrag mit Ihrem KI-Anbieter fest, binnen welcher Frist er Sie über Vorfälle mit Ihren Daten oder Ihren Agenten informiert.
- Lassen Sie eigene Agenten nur in abgeschotteten Umgebungen laufen, etwa in Docker Sandboxes, und kontrollieren Sie auch den DNS-Verkehr, über den zuletzt ein OpenAI-Agent seine Testumgebung verließ.
- Hinterlegen Sie auf Ihrer Website eine security.txt mit einem echten Sicherheitskontakt, damit Hinweise nicht in einem allgemeinen Postfach liegen bleiben.
Ob Altman und Amodei am Donnerstag in Canberra erscheinen, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Unabhängig davon lohnt der Blick auf die Meldeketten im eigenen Haus: Im Medicare-Fall lag die Mail von OpenAI fünf Tage bei Services Australia, bevor die Behörde sie am 15. September an das Cyber Security Centre weitergab. Mehr zu den Geschäftsmodellen der beiden Firmen lesen Sie in unseren Analysen zu OpenAI und Anthropic.
FAQ: Altman, Amodei und die Anhörung in Australien
Müssen Sam Altman und Dario Amodei vor dem australischen Senat aussagen?
Nein. Der Senatsausschuss hat beide schriftlich eingeladen, am 1. Oktober 2026 in Canberra auszusagen. Verpflichten kann er laut der Nachrichtenagentur AAP nur Personen in Australien. OpenAI und Anthropic haben ihren Sitz in den USA, eine Zusage lag bis zum 27. September nicht vor.
Warum ist auch Anthropic-Chef Dario Amodei geladen?
Am Medicare-Zugriff war nach bisherigen Angaben nur ein OpenAI-Agent beteiligt. Senatorin Sarah Hanson-Young beruft sich aber auf die Warnungen der KI-Chefs vor dem Tempo der Entwicklung. Amodei hatte im Juli 2026 den Aufruf für ein KI-Tempolimit unterschrieben.
Welcher Ausschuss hat Altman und Amodei eingeladen?
Der Umwelt- und Kommunikationsausschuss des australischen Senats untersucht seit Mai 2026 die Folgen von KI und Rechenzentren. Den Vorsitz hat die Grünen-Senatorin Sarah Hanson-Young. Der Bericht ist bis zum 16. November 2026 fällig.
Wie schnell müssen KI-Anbieter in der EU schwere Vorfälle melden?
Der EU-Verhaltenskodex für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck, den OpenAI unterzeichnet hat, verlangt bei schweren Cybersicherheitsvorfällen eine Erstmeldung an das KI-Büro spätestens fünf Tage, nachdem der Anbieter von der Beteiligung seines Modells erfährt.
Quellen
[1] Al Jazeera: „Australia summons OpenAI and Anthropic CEOs to appear at AI inquiry“
[2] Transluce: „Early rogue AI agent activity and attempts to hack found on urlquery.net“
[3] Australian Greens: „Albanese Government Refuses to Commit to a Moratorium on Data Centres amid call for Global Slow Down on AI“ (14.09.2026)
[4] Parlament von Australien: „Artificial intelligence and data centres“
[5] Australian Associated Press (AAP), Will Nicholas: „OpenAI called to inquiry as breach concerns rack up“
[6] EU-Kommission: „The General-Purpose AI Code of Practice“
[7] EU-Kommission: „Safety and Security Chapter“ des Verhaltenskodex, Maßnahme 9.3
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