Die Kartellklage von WP Engine gegen Automattic ist zurück im Verfahren. Bundesrichterin Araceli Martínez-Olguín ließ am 24. September vier Klagepunkte zu, die sie vor einem Jahr noch abgewiesen hatte. Über den Zugang zu WordPress.org, von dem jede WordPress-Agentur abhängt, könnten im Herbst 2027 Geschworene entscheiden.

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„Nehmen sie die Karotte nicht, geben wir ihnen den Stock“: So zitiert WP Engine in seiner Kartellklage eine interne Nachricht von Automattic. Die Bezirksrichterin in Nordkalifornien hält die Vorwürfe hinter diesem Satz inzwischen für schlüssig und weicht damit ausdrücklich von ihrer eigenen Entscheidung aus dem September 2025 ab. Automattic und Mitgründer Matt Mullenweg müssen sich gegen den Vorwurf der Monopolisierung und der verbotenen Kopplung verteidigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das US-Bezirksgericht in Nordkalifornien ließ am 24. September vier Kartellpunkte von WP Engine gegen Automattic und Matt Mullenweg wieder zu.
  • Den Ausschlag gab ein Urteil des Berufungsgerichts für den 9. Bezirk vom 13. August 2026 zur Marktabgrenzung bei Folgemärkten.
  • Als mögliche Kopplung wertet die Richterin die frühere Pflicht-Checkbox beim Login auf WordPress.org, mit der Nutzer versichern mussten, nicht mit WP Engine verbunden zu sein.
  • Den Erpressungsvorwurf nach dem US-Computerstrafrecht wies das Gericht endgültig ab, die Markenrechts-Widerklagen von Automattic laufen weiter.

Was hat das Gericht am 24. September entschieden?

Lego-Steine mit Kette und Schloss, am Schlüssel ein Anhänger „Nur mit Lizenz“
Richterin Martínez-Olguín lehnt Antrag von Automattic und Mullenweg ab, Kartellpunkte zur Monopolisierung und verbotenen Kopplung zu streichen

Die 17-seitige Verfügung behandelt zwei Anträge auf Klageabweisung.[1] Automattic und Mullenweg wollten die Kartellpunkte 11 bis 14 streichen lassen: Monopolisierung und versuchte Monopolisierung nach dem Sherman Act, dazu verbotene Kopplung nach Bundesrecht und nach dem kalifornischen Cartwright Act. Richterin Martínez-Olguín lehnte den Antrag ab. Geprüft hat das Gericht nur, ob WP Engine die Vorwürfe schlüssig vorträgt, nicht, ob sie zutreffen.

Endgültig vom Tisch ist dagegen der Vorwurf der Erpressung nach dem Computer Fraud and Abuse Act. Laut Klageschrift forderte Automattic 8 Prozent vom Umsatz als Markenlizenz und setzte die Sperre von WordPress.org sowie die Übernahme des Plugins Advanced Custom Fields (ACF) als Druckmittel ein. Harte Verhandlungen erfüllen den Tatbestand nicht, befand die Richterin: Ein Recht auf dauerhaft kostenlosen Zugang zu WordPress.org habe WP Engine nicht.

Die Widerklagen von Automattic, der WordPress Foundation und WooCommerce wegen Markenverletzung bleiben im Verfahren. Den Vorwurf irreführender Werbung rund um WP Engines Zusage zum Programm Five for the Future muss die Gegenseite genauer begründen. Eigene Markenrechte dürfen Automattic und Mullenweg nicht geltend machen, weil keiner von beiden Inhaber oder exklusiver Lizenznehmer der Marken ist. Parallel läuft der Streit um Beweismittel, in dem WP Engine im Mai den Verdacht der Vernichtung von Beweismitteln erhob und im Juli Sanktionen gegen Automattic beantragte.

Warum hält die Richterin die Kartellvorwürfe jetzt für schlüssig?

Die Kehrtwende hängt an der Marktabgrenzung. WP Engine beschreibt einen Vormarkt für Content-Management-Systeme mit WordPress, Drupal und Joomla sowie drei Folgemärkte nur für WordPress: Hosting, Plugins für benutzerdefinierte Felder und den Vertrieb von Plugins. Für solche Folgemärkte einer einzigen Marke verlangten Gerichte bisher die Kriterien aus den Verfahren gegen Kodak und Apple, etwa den Nachweis, dass Kunden die Beschränkungen beim Kauf nicht kannten. Am 13. August 2026 entschied das Berufungsgericht für den 9. Bezirk im Fall Surgical Instrument Service gegen Intuitive Surgical, dass diese Prüfung entfällt, sobald ein Unternehmen schon im Vormarkt Marktmacht besitzt.

Für die Marktmacht führt WP Engine direkte Belege an statt Marktanteile. Jahrelang kostete der Zugang zu WordPress.org nichts, dann verlangte Automattic laut Klage Lizenzgebühren und zielte auf Millionendeals mit mindestens elf Wettbewerbern. Zwei davon zahlen laut Klageschrift bereits. In internen Unterlagen räumte Automattic laut WP Engine zudem ein, die eigenen Kunden durch die Sperre verwundbar gemacht zu haben. Solche Fehler ohne nennenswerten Kundenverlust zu überstehen, wertet die Richterin vorläufig als Beleg für Marktmacht.

Eine mögliche Kopplung sieht das Gericht in der Checkbox, die WordPress.org im Herbst 2024 in den Login einbaute: Nutzer mussten bestätigen, nicht mit WP Engine verbunden zu sein. Juristen sprechen von einer negativen Kopplung, weil der Kunde zusagt, ein Produkt nicht beim Konkurrenten zu beziehen. Die Richterin verweist auf einen Fall aus Virginia, in dem GoDaddy seinen Domainkunden fremde Aggregatoren untersagte. Seit der einstweiligen Verfügung vom Dezember 2024 ist die Checkbox verschwunden.

Automattic hält dagegen, der eigene Marktanteil sei gesunken. Laut W3Techs läuft WordPress weiterhin auf 58,7 Prozent aller Websites mit erkennbarem CMS und auf 40,2 Prozent aller Websites überhaupt.[2] Den Rückgang darf Automattic später erneut ins Feld führen, eine Abweisung der Klage rechtfertigt er laut Verfügung nicht.

WP Engine gegen Automattic: die Kartellklage in Zahlen
Was die Verfügung vom 24. September 2026 zulässt und worauf WP Engine die Vorwürfe stützt
4
Kartellpunkte sind zurück, im September 2025 hatte das Gericht sie noch abgewiesen
8 %
vom Umsatz forderte Automattic laut Klageschrift als Markenlizenz
11
Wettbewerber umwarb Automattic laut Klageschrift mindestens für Lizenzdeals
58,7 %
der Websites mit erkennbarem CMS laufen laut W3Techs mit WordPress

Verbreitung von WordPress laut W3Techs (Stand 28.09.2026, in Prozent)

Anteil an allen Websites mit erkennbarem CMS58,7
Anteil an allen Websites40,2

Der Rechtsstreit im Zeitverlauf

02.10.2024
Klage
WP Engine verklagt Automattic und Matt Mullenweg in Nordkalifornien.
12.10.2024
Plugin-Übernahme
WordPress.org verteilt ACF unter dem Namen Secure Custom Fields.
10.12.2024
Einstweilige Verfügung
Das Gericht stellt den Zugang von WP Engine wieder her, die Login-Checkbox entfällt.
Sep. 2025
Abweisung
Die Richterin weist die vier Kartellpunkte zunächst ab.
13.08.2026
Neue Maßgabe
Das Berufungsgericht lockert im Fall Intuitive Surgical die Hürden für Folgemärkte.
24.09.2026
Kehrtwende
Die Kartellpunkte sind zurück, der Erpressungsvorwurf fällt endgültig weg.

Freie Software nützt wenig, solange ein einzelner Mensch über den Zugang zu den Update-Servern entscheidet. Vor Gericht steht damit erstmals die Frage, ob Mullenweg diese Macht wie ein Monopolist missbraucht hat.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was bedeutet das für Agenturen und Website-Betreiber?

Im laufenden Betrieb ändert die Entscheidung vom 24. September vorerst nichts. Die einstweilige Verfügung vom Dezember 2024 sichert WP Engine den Zugang zu WordPress.org, ACF liegt wieder beim Hersteller. Offen bleibt bis zum Geschworenenprozess, den das Gericht für Herbst 2027 angesetzt hat,[3] ob Automattic den Zugang zu WordPress.org künftig an Lizenzgebühren knüpfen darf.

Für Agenturen im deutschsprachigen Raum zählt die Abhängigkeit, die der Fall offenlegt. Plugin-Updates und Login laufen über WordPress.org, eine Domain, die Mullenweg nach eigener Aussage privat gehört. Nach seiner kurzen Beurlaubung durch den Verwaltungsrat besetzte der Gründer das Gremium neu und führt Automattic ohne internes Gegengewicht. Ein EU-Verfahren läuft nicht, obwohl Artikel 102 AEUV die Kopplung ausdrücklich als Beispiel für den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung nennt.

Das Vertrauen in den zentralen Update-Weg nutzte bereits ein Angreifer aus, der eine Plugin-Sammlung kaufte und darüber 400.000 WordPress-Sites infizierte. Für Kundenprojekte lohnen deshalb vier Prüfungen:

  • Klären Sie, welche Plugins ihre Updates über WordPress.org beziehen und welche über eigene Update-Server der Hersteller.
  • Kontrollieren Sie bei ACF-Installationen, ob noch die Abspaltung Secure Custom Fields läuft, die WordPress.org im Oktober 2024 unter dem alten Eintrag verteilte.
  • Fragen Sie Ihren Hoster gerne, ob er Updates spiegelt und wie er einen Ausfall von WordPress.org überbrückt; einen Überblick über Anbieter gibt der WordPress-Hosting-Vergleich.
  • Halten Sie in Wartungsverträgen fest, wer bei einer Sperre durch WordPress.org den Mehraufwand trägt.

FAQ: WP Engine gegen Automattic

Worum streiten WP Engine und Automattic?

Automattic verlangte laut Klageschrift 8 Prozent vom Umsatz als Markenlizenz. Im September 2024 sperrte Mullenweg WP Engine von WordPress.org aus, im Oktober verteilte WordPress.org das Plugin ACF unter neuem Namen. WP Engine klagte am 2. Oktober 2024, Automattic reagierte mit Widerklagen wegen Markenverletzung.

Wem gehört WordPress.org?

WordPress.org gehört nach eigener Aussage Matt Mullenweg privat, nicht der gemeinnützigen WordPress Foundation und nicht Automattic. Die WordPress Foundation hält die Marke WordPress, Mullenweg kontrolliert Domain, Plugin-Verzeichnis und Update-Server.

Hat WordPress ein Monopol?

Offen ist das noch. WordPress läuft laut W3Techs auf 58,7 Prozent aller Websites mit erkennbarem CMS. Das Gericht hält für schlüssig vorgetragen, dass Automattic Marktmacht besitzt: Laut Klage konnte das Unternehmen Preise erhöhen, ohne nennenswert Kunden zu verlieren. Beweisen muss WP Engine das erst im Prozess.

Was ist eine negative Kopplung?

Bei einer negativen Kopplung verpflichtet ein Anbieter seine Kunden, ein Produkt nicht bei einem Konkurrenten zu kaufen. Im WordPress-Streit dreht sich der Vorwurf um eine Login-Checkbox, mit der Nutzer von WordPress.org bestätigen mussten, nicht mit WP Engine verbunden zu sein.

Wann fällt ein Urteil im WordPress-Streit?

Der Geschworenenprozess ist für Herbst 2027 angesetzt und soll zehn Tage dauern. Vorher können beide Seiten beantragen, einzelne Punkte ohne Prozess zu entscheiden. Bis dahin gilt die einstweilige Verfügung vom Dezember 2024, die WP Engine den Zugang zu WordPress.org sichert.

Quellen

[1] US-Bezirksgericht Nordkalifornien: „Order re Motions to Dismiss“, WPEngine, Inc. v. Automattic Inc., Az. 4:24-cv-06917-AMO, Dokument 410 (24. September 2026)

[2] W3Techs: „Usage statistics and market share of WordPress“ (Stand 28. September 2026)

[3] US-Bezirksgericht Nordkalifornien: „Order Amending Case Schedule“, Az. 4:24-cv-06917-AMO, Dokument 355 (26. Juni 2026)

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