WP Engine hat am 8. Mai 2026 vor einem US-Bundesgericht den Verdacht der Beweismittelvernichtung gegen Matt Mullenwegs Privatfirmen Audrey HC und Audrey Capital erhoben. Sieben Monate nach Subpoena seien keine Dokumente geliefert worden. Im Zentrum: die Dateien von WordPress.org-Administrator Samuel „Otto“ Wood. Für die WordPress-Community ist es der zweite Mai-Schlag, nachdem Mullenweg eine Woche zuvor das RTC-Feature aus 7.0 strich.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenHand aufs Herz: Wenn ein Gericht den Verdacht äußert, dass eine Partei Beweise vernichtet, ist das Vertrauen zerstört. Genau diesen Vorwurf erheben WP-Engine-Anwälte in einem gemeinsamen Schriftsatz vom 8. Mai 2026 gegen Audrey HC und Audrey Capital, die persönlichen Gesellschaften von Matt Mullenweg. Eingebettet ist der Vorgang in den seit Herbst 2024 laufenden Rechtsstreit zwischen WP Engine und Automattic, dem Mullenweg-Konzern hinter WordPress.com. Was zunächst nach einer juristischen Randnotiz klingt, ist für die deutsche WordPress-Community ein Signal mit Tragweite.
Das Wichtigste in Kürze
- WP Engine wirft den Audrey-Gesellschaften vor, in sieben Monaten kein einziges Dokument geliefert zu haben
- Im Mittelpunkt: die Dateien von Samuel „Otto“ Wood, langjähriger WordPress.org-Administrator
- Spoliation-Vorwurf: Mögliche absichtliche oder fahrlässige Beweismittelvernichtung
- Magistratsrichter Ajay Krishnan hatte schon im April Mullenweg verpflichtet, fehlende WhatsApp-, Signal- und Telegram-Nachrichten zu erklären
- Nächste Anhörung: 4. Juni 2026, Hauptprozess im Juni 2027
- Audrey weist alle Vorwürfe als „entzündlich und unbegründet“ zurück
Was sind Audrey HC und Audrey Capital?

Die beiden Mullenweg-Gesellschaften sind in den Gerichtsakten zusammenfassend als „Audrey“ bezeichnet. Audrey Capital ist die Venture-Investment-Gesellschaft, über die Mullenweg seit Jahren in WordPress-nahe Start-ups, Hosting-Anbieter und Tools investiert. Audrey HC steht für „Audrey Holding Company“ und kontrolliert weitere Beteiligungen. Beide Gesellschaften sind formal getrennt von Automattic, dem börsennahen Mutterkonzern von WordPress.com, WooCommerce, Tumblr und Jetpack.
Diese Trennung ist juristisch entscheidend. WP Engine argumentiert, dass relevante Geschäftskommunikation auch über Audrey-Kanäle gelaufen sei und damit beweisrelevant ist. Die Subpoenas, also gerichtliche Vorladungen zur Herausgabe von Dokumenten, wurden im September 2025 zugestellt. Sieben Monate später war laut WP Engine kein einziges Dokument geliefert. Audrey selbst behauptet, das Material sei bereits im Rahmen der Mullenweg-Discovery vollständig erfasst und übergeben worden. Doppelte Dokumente seien nicht notwendig.
Warum ist Otto Wood im Zentrum?

Samuel „Otto“ Wood ist seit Jahren der zentrale technische Administrator von WordPress.org. Er entscheidet über Plugin-Repository-Listings, hat ban-Befugnisse für Community-Mitglieder und ist eine der wenigen Personen mit Schreibrechten auf den Kernsystemen der Open-Source-Plattform. Bezahlt wird er nach öffentlich verfügbaren Quellen über Audrey Capital, nicht über Automattic. Genau diese Konstruktion macht ihn juristisch interessant: Wer kontrolliert WordPress.org? Die Stiftung WordPress Foundation, der Konzern Automattic, oder die Privatfirma Audrey?
WP Engine wirft Audrey vor, in Bezug auf Woods Dateien die Erklärung abgegeben zu haben, sein interner Bestand enthalte „keine relevanten Materialien“. Nachdem WP Engine widersprach, korrigierte Audrey die Aussage: Es gebe keine relevanten Materialien, die über das hinausgingen, was Mullenweg selbst bereits geliefert habe. Anwälte von WP Engine halten das für unglaubwürdig, weil Drittanbieter-Hosting-Firma DreamHost in eigenen Lieferungen Audrey-Kommunikation enthielt, die in den Mullenweg- und Automattic-Dokumenten fehlte. Hintergrund zur Bedeutung von WordPress 7.0 liefert unser Bericht zur RTC-Streichung am 8. Mai.
Was hat das mit fehlenden Messenger-Nachrichten zu tun?

Der Audrey-Streit ist nicht der erste Discovery-Vorfall in diesem Verfahren. Schon im April 2026 hatte Magistratsrichter Ajay Krishnan eine Anordnung erlassen, die Mullenweg persönlich verpflichtete, in einer eidesstattlichen Erklärung darzulegen, warum so wenige Nachrichten aus WhatsApp, Signal und Telegram in der Discovery enthalten waren. Krishnan beschrieb in seiner Anordnung die Vorwürfe, relevante Kommunikation könnte gelöscht worden sein, ausdrücklich als „besorgniserregend“ („concerning“).
In der US-Zivilprozessordnung ist Spoliation ein eigener Tatbestand mit harten Konsequenzen. Wer Beweismittel absichtlich oder grob fahrlässig vernichtet, riskiert nachteilige Schlussfolgerungen des Gerichts („adverse inference“), Geldstrafen und in Extremfällen die Verurteilung ohne Sachverhandlung. Genau diese Eskalationsstufe steht im Raum, wenn am 4. Juni 2026 die nächste Anhörung stattfindet. Der eigentliche Hauptprozess ist auf Juni 2027 terminiert.
Wer 43 Prozent des Webs betreibt, hat eine besondere Verantwortung, juristische Sorgfaltspflichten ernst zu nehmen. Der Audrey-Vorfall zeigt, dass die Strukturen rund um WordPress.org weniger transparent sind als die Open-Source-Erzählung vermuten lässt. Deutsche Mittelständler, die ihre digitale Strategie auf WordPress aufbauen, sollten den Verlauf des Verfahrens sehr genau verfolgen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie passt der Vorfall in die größere WP-Engine-Klage?

Der Rechtsstreit zwischen WP Engine und Automattic läuft seit Herbst 2024. Auslöser war Mullenwegs öffentlicher Angriff auf WP Engine, in dem er den Hosting-Anbieter als „Krebs für WordPress“ bezeichnete und Forderungen nach Lizenzgebühren für die Nutzung der WordPress-Marke erhob. WP Engine reagierte mit einer Klage wegen Erpressung, unlauterem Wettbewerb und Verletzung der GPL-Lizenz. Im Oktober 2024 erließ ein Bundesgericht eine einstweilige Verfügung gegen Automattic, die die meisten Sperrmaßnahmen gegen WP Engine vorläufig aufhob.
Inzwischen ist das Verfahren in der heißen Discovery-Phase, in der beide Parteien die jeweils anderen Dokumente herausgeben müssen. Genau hier liegen die aktuellen Konflikte. Der Audrey-Streit ist der bisher schwerste Vorwurf gegen Mullenweg persönlich, weil er die Frage berührt, ob das WordPress-Ökosystem von zwei Strukturen kontrolliert wird (Automattic plus Foundation) oder ob Mullenwegs Privatgesellschaften eine dritte, intransparente Ebene bilden. Gerade in dieser Woche verkündete Mullenweg laut The Repository in einem Slack-Statement: „Die Räder sind abgefallen.“ Das Statement bezog sich auf den allgemeinen Zustand des Projekts und wurde von Beobachtern als Hinweis auf interne Erschöpfung gewertet.
Was bedeutet das für deutsche WordPress-Nutzer?

Direkte technische Konsequenzen gibt es 2026 nicht. WordPress 7.0 erscheint am 20. Mai planmäßig. WordPress.com funktioniert weiter. Plugins werden weiter angeboten. Aber strategisch sind drei Punkte relevant. Zunächst die Governance-Frage: Wer als deutscher Mittelständler seine digitale Infrastruktur auf eine Open-Source-Plattform stützt, sollte verstehen, wie die Entscheidungsstrukturen tatsächlich aussehen. Audrey, Automattic und die WordPress Foundation sind drei Akteure, die nicht beliebig austauschbar sind.
Parallel die Risiko-Diversifikation: Wer geschäftskritische Workflows auf WordPress.com betreibt, sollte Backup-Strategien außerhalb des Mullenweg-Ökosystems prüfen. Selbst-gehostete WordPress-Installationen mit einem deutschen Hoster sind robust, weil die GPL-Lizenz die Plattform unabhängig macht. Schließlich die Beobachtung des Verfahrens: Sollte WP Engine im Juni 2027 obsiegen oder Mullenweg vorher zu einem Vergleich gezwungen werden, ändert sich das Kräfteverhältnis im WordPress-Ökosystem grundlegend. Die deutsche Hosting-Szene rund um RaidBoxes, Mittwald, All-Inkl und Hetzner würde davon profitieren. Wie der größere Kontext rund um WordPress 7.0 aussieht, fasst unser Countdown-Bericht zusammen. Wer Hosting-Optionen unabhängig bewerten will, findet im Dr.-Web-Hosting-Vergleich die deutsche Anbieterlandschaft.
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