Zwei Tage nach seiner Beurlaubung erklärt sich Matt Mullenweg per Slack wieder zum Chef von Automattic. Bestätigt hat der Verwaltungsrat diese Kehrtwende bislang nicht, doch Mullenwegs 84 Prozent der Stimmrechte machen jede Absetzung zur Formsache. Für Millionen WordPress-Sites konzentriert sich die Kontrolle damit auf eine einzige Person.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Am frühen Freitagmorgen stand in Automattics Slack eine Nachricht, die alles auf Anfang setzte. Absender war Matt Mullenweg, den der Verwaltungsrat 48 Stunden zuvor kaltgestellt hatte. Ob dahinter eine echte Rückkehr steckt oder ein Trollposting, blieb zunächst offen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mullenweg hat sich laut Branchenberichten per Slack wieder zum CEO von Automattic erklärt, zwei Tage nach seiner Beurlaubung.
  • Offiziell bestätigt ist die Rückkehr nicht. Automattic äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht.
  • Mullenweg kontrolliert rund 84 Prozent der Stimmrechte und besitzt die Infrastruktur von WordPress.org persönlich. Diese Machtbasis übersteht auch eine Beurlaubung.
  • Für Firmen mit WordPress-Website verschärft der Vorgang eine alte Frage: Wie abhängig darf die eigene Infrastruktur von einer einzelnen Person sein?

Was geschah in den 48 Stunden?

Blauer Schachkönig mit Zweispitz-Hut stehend, daneben ein gestürzter blauer Springer
Automattic-Verwaltungsrat beurlaubt Gründer Mullenweg am 9. September, Finanzchef Davies wird Interims-CEO

Am 9. September stimmte der Verwaltungsrat Berichten zufolge dafür, Mullenweg in eine bezahlte Auszeit zu schicken und Finanzchef Mark Davies zum Interims-CEO zu machen. Die Beurlaubung selbst bestätigte ein Automattic-Sprecher, die Gründe blieben offen. Wie schon beim Streit um WordPress 7.0 eskalierte der Konflikt schnell.

Zwei Tage später meldete sich Mullenweg zurück: Das Board sei wieder auf einer Linie, er habe die Kontrolle über Automattic. Statt einer Erklärung folgte allerdings ein Blogeintrag über den Kauf eines Hausboots.[1] Kurz darauf soll Mullenweg sämtliche Slack-Administratoren entfernt und den Zugang von Davies deaktiviert haben. Mary Hubbard, Direktorin von WordPress.org, zeigte sich auf X erleichtert über die Rückkehr.

Warum kann ein Verwaltungsrat ihn nicht dauerhaft absetzen?

Die Antwort steht in der Eigentümerstruktur. Mullenweg hält rund 84 Prozent der Stimmrechte an Automattic, Großinvestoren wie BlackRock kommen auf Bruchteile und ohne Stimmgewicht. Ein Board-Beschluss kann ihn operativ pausieren, seine Mehrheit auf der Gesellschafterebene hebt der Beschluss nicht auf.

Noch weiter reicht seine Kontrolle über das Projekt selbst. Domain und Infrastruktur von WordPress.org gehören Mullenweg persönlich, wie erst der Rechtsstreit mit WP Engine offenlegte. Die WordPress Foundation hält zwar die Markenrechte, die kommerzielle Lizenz dafür liegt exklusiv bei Automattic. Selbst als beurlaubter CEO bliebe Mullenweg damit Herr über Update-Server, Plugin-Verzeichnis und Markenname.

Ein Board kann einen Gründer beurlauben, seine 84 Prozent der Stimmen nimmt ihm niemand. Die eigentliche Nachricht ist deshalb nicht die Rückkehr, sondern wie wenig die formale Führungsstruktur bei Automattic wiegt.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was heißt das für WordPress-Betreiber im DACH-Raum?

Rund 40 Prozent aller Websites weltweit laufen auf WordPress. Viele deutsche Mittelständler hängen direkt an diesem Ökosystem. Diese Infrastruktur liegt vollständig bei einer Person, deren Führungsstruktur sich binnen 48 Stunden zweimal drehen kann. Governance-Risiko ist damit keine Theorie mehr, sondern ein Betriebsrisiko.

Konkret heißt das für den Betrieb: Prüfen Sie, wie stark Ihre Website direkt von wordpress.org abhängt. Updates und Plugins beziehen Sie besser über einen Managed-Hoster mit eigenem Spiegel. Kritische Projekte gehören im Zweifel zu einem deutschen Anbieter mit ISO-27001-Rechenzentrum. Parallel lohnt der Blick auf den Sanktionsantrag gegen Automattic, denn dort wird gerade verhandelt, wie viel Kontrolle ein Einzelner über eine offene Plattform haben darf.

Ob Mullenweg wirklich zurück ist oder nur die Aufständischen im eigenen Haus vorführt, zeigt sich bald. Die Lehre bleibt für jeden WordPress-Betrieb dieselbe: Eine Plattform, deren Schaltzentrale einer einzigen Person gehört, braucht einen Plan B aus solidem Hosting, eigenen Backups und unabhängigen Update-Wegen.

Wer kontrolliert Automattic?
Drei Zahlen erklären, warum eine Absetzung an Mullenwegs Beteiligung scheitert
84 %
der Stimmrechte an Automattic hält Matt Mullenweg
48 Std.
nach der Beurlaubung erklärt er sich wieder zum CEO
rund 40 %
aller Websites weltweit laufen auf WordPress

Quelle

[1] Matt Mullenweg: „Major Life Announcement“

Mehr Newshunger?

4,1 10 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?