WP Engine hat beim US-Bundesgericht in Nordkalifornien einen 29-seitigen Sanktionsantrag gegen Automattic und Matt Mullenweg eingereicht. Der Hosting-Anbieter wirft dem WordPress-Mitgründer vor, Messenger-Nachrichten aus dem September 2024 nicht gesichert zu haben. Automattic nennt den Antrag haltlos.

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Der WordPress-Prozess zwischen WP Engine und Automattic dreht sich seit dem 28. Juli nicht mehr nur um Marken und Marktmacht, sondern um die Frage, welche Beweise überhaupt noch existieren.[1] WP Engine beziffert Mullenwegs Herausgabe auf 40 Telegram-Nachrichten und eine einzige bei Signal, bei WhatsApp auf keine. Für einen Konflikt, den Mullenweg selbst als nuklearen Krieg beschrieben hat, ist die Aktenlage dünn.

Das Wichtigste in Kürze

  • WP Engine hat am 28. Juli 2026 auf 29 Seiten Sanktionen gegen Automattic und Matt Mullenweg beantragt.
  • Laut dem Antrag sind Mullenwegs Signal-, WhatsApp- und Telegram-Nachrichten vom September 2024 ungesichert geblieben. Automattic bestreitet das.
  • Gefordert werden eine Beweisvermutung zulasten Automattics und die Abweisung der sieben Marken-Widerklagen.
  • Die Anhörung steht am 1. Oktober 2026 an, der Geschworenenprozess erst im Oktober 2027.

Was steht im Sanktionsantrag gegen Automattic?

Karton, „September 2024“-Schild, „gelöscht“-Aufkleber, Mini-Figur und Post-it
WP Engine wirft Automattic vor, Beweissicherungspflichten seit Juli 2024 zu verletzen und das Gericht falsch zu informieren

WP Engine wirft Automattic vor, die Pflicht zur Beweissicherung schon ab Juli 2024 verletzt und das Gericht danach falsch informiert zu haben. Damals hat Automattic laut dem Antrag Anwälte beauftragt und ein Unterlassungsschreiben entworfen. Am 23. September 2024 hat WP Engine schriftlich die Sicherung der Messenger-Verläufe verlangt, zwei Tage nachdem Mullenweg auf X öffentlich um Zusendungen über „Signal mit verschwindenden Nachrichten“ gebeten hatte.

Widersprüchliche Angaben: Automattics Anwälte haben im April 2025 erklärt, alle zumutbaren Schritte seien erfolgt, und im Oktober 2025 gegenüber dem Gericht, die Nachrichten seien gesichert. Beide Aussagen waren laut WP Engine schon damals unzutreffend. Ein Sprecher von Automattic hat gegenüber dem Branchendienst The Repository geantwortet, der Antrag beruhe auf „falschen Darstellungen und haltlosen Spekulationen“.

Aussageverbot: Zusätzlich soll Mullenweg über seine Kommunikation im September 2024 nur noch aussagen dürfen, soweit herausgegebene Dokumente ihn decken. Den Verdacht der Beweismittelvernichtung hatte WP Engine im Mai bereits gegen Mullenwegs Privatfirmen erhoben.

Warum werden verschwundene Chats vor Gericht teuer?

Der Stichtag liegt vor der Klage. Im US-Zivilprozess beginnt die Aufbewahrungspflicht, sobald ein Rechtsstreit vernünftigerweise absehbar ist, nicht erst mit der Klageschrift. Genau deshalb zielt WP Engine auf den Juli 2024. Regel 37(e) der Federal Rules of Civil Procedure erlaubt dem Gericht dann Maßnahmen bis hin zur Vermutung, der verlorene Inhalt hätte der eigenen Seite geschadet.

Absicht: Diese schärfste Stufe setzt allerdings Vorsatz voraus. Selbstlöschende Messenger stehen damit quer zum Verfahrensrecht: Eine Funktion, die Datensparsamkeit verspricht, trifft auf eine Pflicht, die vor jeder Klage greift. Der zuständige US-Magistratsrichter Ajay Krishnan hat die Vorwürfe bereits im April als besorgniserregend und Automattics Erwiderung als unbefriedigend bezeichnet.

Der Sanktionsantrag im WordPress-Prozess in Zahlen

Alle Angaben stammen aus dem Antrag von WP Engine vom 28. Juli 2026. Automattic weist die Vorwürfe zurück.

29
Seiten Antrag
Umfang des Schriftsatzes, den WP Engine beim US-Bundesgericht in Nordkalifornien eingereicht hat.
1
Signal-Nachricht
Dazu 40 Nachrichten bei Telegram und keine einzige bei WhatsApp, so die Zählung von WP Engine.
7
Marken-Widerklagen
So viele Gegenansprüche Automattics soll das Gericht nach dem Willen von WP Engine abweisen.
8 %
Lizenzforderung
Anteil am Umsatz, den Automattic im September 2024 als Markenlizenz von WP Engine verlangt hat.

Vom Unterlassungsschreiben zur Anhörung

Juli 2024
Automattic beauftragt Anwälte und entwirft ein Unterlassungsschreiben. Ab hier sieht WP Engine die Aufbewahrungspflicht greifen.
21.09.2024
Matt Mullenweg wirbt öffentlich auf X dafür, ihm Informationen über „Signal mit verschwindenden Nachrichten“ zu schicken.
23.09.2024
WP Engine fordert Automattic schriftlich auf, die Messenger-Verläufe zu sichern.
03.04.2025
Automattics Anwälte melden, alle zumutbaren Schritte zur Sicherung seien erfolgt.
05.05.2026
Eidesstattliche Erklärungen von Mullenweg und Jonathan Robins gehen bei WP Engine ein.
28.07.2026
WP Engine beantragt Sanktionen und die Abweisung der Marken-Widerklagen.
01.10.2026
Anhörung vor Bundesrichterin Araceli Martínez-Olguín. Der Geschworenenprozess ist für Oktober 2027 terminiert.

Aus einem Streit über Markenrechte ist ein Streit über Aktenführung geworden. Ausgerechnet der Verwalter des offensten Web-CMS muss nun erklären, warum von zwei entscheidenden Wochen fast nichts übrig ist.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was bedeutet der Fall für Agenturen im DACH-Raum?

Der Fall steht nicht allein. Vor demselben Bezirksgericht in Nordkalifornien hat Richter James Donato 2023 Google sanktioniert, weil Beschäftigte im Play-Store-Verfahren die Chat-Historie abgeschaltet hatten; die Geschworenen mussten den verlorenen Inhalt später zulasten Googles unterstellen. Auch die US-Handelsbehörde FTC hat Amazon-Führungskräften den Einsatz selbstlöschender Signal-Chats vorgeworfen.

Archivierung: Deutsches Recht kennt keine US-Discovery, und § 257 HGB deckt Handelsbriefe ab, nicht die Signal-Chats der Geschäftsführung. Sobald ein US-Verfahren droht, gilt die dortige Pflicht dennoch. Eine Messenger-Richtlinie mit abgeschalteter Selbstlöschung gehört deshalb auf dieselbe Liste wie das Notfall-Update auf WordPress 7.0.2 oder die Grundausstattung im WordPress-Admin.

Markenlogik: An den sieben Widerklagen hängt die Frage, wie weit Automattics Rechte am Namen WordPress reichen. Aus derselben Logik stammt die Forderung nach 8 Prozent Umsatzlizenz,[2] betroffen ist jede Agentur und jeder WordPress-Hoster mit dem Namen im Angebot. Zusammen mit der CRA-Pflicht für Plugins und den Eigentümerwechseln bei beliebten Erweiterungen wächst ein Klumpenrisiko, das lange niemand eingepreist hat.

Zwei Hausaufgaben: Bis zur Anhörung am 1. Oktober bleibt der Ausgang offen. Prüfen Sie bis dahin gerne, wie Ihr Haus geschäftliche Chats aufbewahrt und wie stark Ihr Modell am Namen WordPress hängt.

Quellen

[1] U.S. District Court for the Northern District of California: Verfahrensakte WPEngine, Inc. v. Automattic Inc. (4:24-cv-06917)

[2] WP Engine: „Ensuring Stability and Security“

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