Xing-Gründer Lars Hinrichs bringt mit Simsalasim einen eigenen Mobilfunkanbieter auf den Markt, der laut FAZ für 10 € im Monat unbegrenzte Daten in rund 100 Ländern verspricht. Den Betrieb stemmen zwei Dutzend Beschäftigte und KI-Dienste für fast 80.000 € im Monat. Aufgehen kann die Rechnung nur, solange die meisten Kunden wenig Daten verbrauchen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMit Simsalasim will Lars Hinrichs Telekom, Vodafone und viele andere Anbieter zugleich angreifen, so zitiert ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Bis April 2025 saß der Unternehmer selbst im Aufsichtsrat der Telekom. Auf der Website können sich Interessenten bisher nur auf eine Warteliste setzen, der Start soll laut FAZ in dieser Woche folgen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bundesnetzagentur hat Simsalasim den Rufnummernblock 015-333 zugeteilt, das Funknetz mietet der Anbieter laut FAZ bei Telefónica.
- Der Tarif kostet laut FAZ 10 € im Monat und umfasst unbegrenzte Daten in rund 100 Ländern sowie Telefonate und SMS in 50 Ländern. Als Router für das Notebook darf das Handy nicht dienen.
- Für KI-Dienste in Programmierung, Abrechnung, Marketing und Kundenservice zahlt das Start-up fast 80.000 € im Monat.
- Vorbild ist der US-Discounter Mint Mobile, den die Telekom-Tochter T-Mobile US für bis zu rund 1,17 Mrd. € übernahm.
Wie kommt ein Mobilfunkanbieter ohne eigene Antennen aus?

Simsalasim arbeitet als virtueller Netzbetreiber: Der Anbieter kauft Kapazität im Mobilfunknetz von Telefónica ein und verkauft sie unter eigener Marke weiter. Anders als reine Wiederverkäufer besitzt die Berliner Simsalasim Germany GmbH eigene Kennungen. Die Bundesnetzagentur teilte dem Unternehmen den Rufnummernblock 015-333 zu,[1] dazu kommt die Netzkennung 262-26. Mit diesen Kennungen gibt Simsalasim eigene SIM-Profile aus und rechnet mit selbst entwickelter Software ab, statt fertige Tarife eines Großhändlers durchzureichen.
Hinter dem Projekt steht auch die Simsalasim Inc. aus New York, in deren Führung Hinrichs sitzt. Bei elf Investoren sammelte die US-Gesellschaft umgerechnet rund 4,8 Mio. € ein, wie eine Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC vom April 2025 zeigt.[2] Das Start-up tritt in einen Markt, in dem die Netzbetreiber selbst um eSIM-Kunden werben. Die Telekom verkauft seit dem 21. September mit T-Travel eigene Reise-eSIMs für über 200 Ziele, auch an Kunden fremder Netze. 1&1 schaltet eine bestellte eSIM in rund drei Minuten frei.
Wie soll sich der Zehn-Euro-Tarif rechnen?
Bei den Kosten setzt Hinrichs auf Software statt Personal. KI-Dienste übernehmen laut FAZ Programmierung, Abrechnung, Marketing und Kundenservice, aufs Jahr gerechnet kosten sie knapp 1 Mio. €. Nach Hinrichs’ Rechnung leisten die KI-Dienste so viel wie 100 Entwickler. Konzerne gehen denselben Weg: Uber streicht jeden zehnten Job im Kundenservice und beruft sich auf KI, bei EnBW löst ein KI-Assistent am Telefon zwei Drittel aller Ladeprobleme.
Dem Pauschalpreis stehen Kosten gegenüber, die mit jedem Gigabyte wachsen. Für Datenroaming in der EU deckelt die Roaming-Verordnung den Großhandelspreis seit Januar 2026 auf 1,10 € je Gigabyte.[3] Ein Rechenbeispiel: Angenommen, ein Kunde verbrauchte auf Reisen in der EU 20 Gigabyte im Monat, dann dürfte das ausländische Netz dafür bis zu 22 € abrechnen, mehr als das Doppelte des Monatspreises. Außerhalb der EU gilt kein solcher Deckel.
Das Router-Verbot bremst genau die Vielnutzer, die eine solche Rechnung sprengen würden. Die Flatrate lebt von einer Mischkalkulation, in der viele Kunden mit kleinem Verbrauch die wenigen mit großem Verbrauch mitbezahlen.
Schauspieler Ryan Reynolds stieg 2019 beim US-Discounter Mint Mobile ein, der ebenfalls kein eigenes Netz betreibt. 2023 vereinbarte T-Mobile US den Kauf der Muttergesellschaft für bis zu rund 1,17 Mrd. €, zu 39 % in bar und zu 61 % in Aktien.[4] Die Telekom-Tochter schloss die Übernahme im Mai 2024 ab, als Hinrichs noch im Aufsichtsrat des Mutterkonzerns saß.
Simsalasims Zehn-Euro-Flatrate rechnet sich nur mit Kunden, die wenig verbrauchen. Bei Mint Mobile brachte dieselbe Kalkulation den Eigentümern bis zu 1,17 Milliarden Euro ein.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Das Vorbild: Mint Mobile in den USA
Was sollten Firmenkunden vor einem Wechsel prüfen?
Das Wort unbegrenzt hat in Deutschland juristisches Gewicht. Im Juli erklärte das OLG Koblenz eine Klausel für unwirksam, mit der 1&1 seine Unlimited-Tarife drosseln durfte, sobald Kunden aus Sicht des Anbieters unüblich viel verbrauchten. Grenzen wie das Router-Verbot müssen deshalb klar in den Vertragsbedingungen stehen. Simsalasim hat seine Bedingungen bisher nicht veröffentlicht. Vor einem Wechsel der Diensthandys lohnen sich vier Prüfschritte:
- Lesen Sie die Klauseln zu Fair Use, Tethering und Laufzeit, bevor Mitarbeiter unterwegs das Notebook über das Diensthandy ins Netz bringen.
- Messen Sie die Versorgung im Telefónica-Netz an Ihren eigenen Standorten, statt sich auf die Abdeckungskarte zu verlassen.
- Bietet die App Mitschnitte von Telefonaten an, brauchen Sie die Einwilligung aller Gesprächspartner. Heimliche Aufnahmen stellt § 201 StGB unter Strafe.
- Seit dem 2. August 2026 verlangt Art. 50 des AI Act, dass Kunden erfahren, wann sie mit einer KI sprechen.[5] Klären Sie trotzdem, wie Ihre IT bei einer Störung einen Menschen erreicht.
Bis Simsalasim Preis und Bedingungen offiziell nennt, bleibt der Zehn-Euro-Tarif eine Ankündigung aus der Presse. Welche Punkte beim Vergleich von Mobilfunkverträgen zählen, zeigt unser Ratgeber zum Handyvertrag. Für kleine Teams lohnt zusätzlich ein Blick auf Prepaid-Tarife ohne Vertrag.
Quellen
[1] Bundesnetzagentur: „Zugeteilte Rufnummernblöcke (Mobile Dienste)“
[2] U.S. Securities and Exchange Commission: „Form D: Simsalasim Inc.“ (01.04.2025)
[3] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2022/612 über das Roaming in öffentlichen Mobilfunknetzen, Artikel 11“
[4] T-Mobile US: „T-Mobile to Acquire and Turbocharge Mint Mobile and Ultra Mobile“ (15.03.2023)
[5] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 50“
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