Die 154 Vertragsparteien der Minamata-Konvention haben Quecksilber aus neuen Bergwerken verboten. Kirgistan hat den Vertrag nie ratifiziert, sein Kabinett beriet am 18. September, wie der Quecksilberkomplex in Khaidarkan wieder mehr fördern kann. Den größten Bedarf an dem flüssigen Metall haben heute Goldsucher im Kleinbergbau.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEuropa hat Quecksilber aus Zahnarztpraxen, Fieberthermometern und Chlorfabriken verbannt und verbietet die Ausfuhr seit 2011. Ab Ende 2026 dürfen auch die gängigen Dreibanden-Leuchtstofflampen in der EU weder hergestellt noch ein- oder ausgeführt werden. Diese Stoffgeschichte folgt dem „lebendigen Silber“ von den Gruben in Almadén über die Bucht von Minamata bis zu den Goldwäschen in Lateinamerika und zeigt, warum ein Verbot in Europa die Nachfrage anderswo nicht beendet.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Das kirgisische Kabinett will den Quecksilberkomplex Khaidarkan erhalten, Investoren gewinnen und die Produktionskapazität wiederherstellen. Das UN-Umweltprogramm UNEP bezeichnet Khaidarkan als letzte Primärmine, die bekanntermaßen Quecksilber auf den Weltmarkt exportiert.
- Die Förderung: Der US-Geologiedienst USGS schätzt die weltweite Minenproduktion 2025 auf 210 Tonnen. China fördert davon 200 Tonnen und setzt Quecksilberverbindungen in der eigenen PVC-Chemie ein.
- Der Hauptabnehmer: Goldsucher im Kleinbergbau setzen laut UNEP 838 Tonnen Quecksilber im Jahr frei, mehr als jede andere Quelle. Am 7. Oktober meldete Interpol Beschlagnahmen von Quecksilber in Lateinamerika.
- Die deutsche Lage: Deutschland braucht kaum noch Quecksilber, muss aber Altbestände sicher unter Tage verwahren. Für Unternehmen zählt jetzt vor allem der Abschied von der Leuchtstoffröhre.
Angeberwissen in fünf Fragen
1 Was bedeutet das althochdeutsche Wort „quecsilabar“, von dem sich Quecksilber ableitet? Aufklappen ↓
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2 Wo stießen Bergleute im Jahr 1490 auf Quecksilber? Aufklappen ↓
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3 Welches dieser Förderländer ist keine Vertragspartei der Minamata-Konvention? Aufklappen ↓
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4 Welche Quelle setzt weltweit am meisten Quecksilber in die Luft frei? Aufklappen ↓
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5 Seit wann darf Amalgam in der EU nur noch in Ausnahmefällen für Zahnfüllungen verwendet werden? Aufklappen ↓
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Was ist Quecksilber und wie entsteht das flüssige Metall?
Quecksilber ist das einzige Metall, das bei Zimmertemperatur flüssig ist. Gewonnen wird der Rohstoff fast nur aus dem roten Erz Zinnober, einer Verbindung aus Quecksilber und Schwefel. Erhitzt man das Erz, entweicht das Metall als Dampf und kondensiert zu silbrigen Tropfen.
Der Name verrät, was die Menschen an dem Stoff faszinierte. Das althochdeutsche Wort „quecsilabar“ ist nach dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache um 800 belegt und bedeutet lebendiges Silber. Die Tropfen zerfallen bei jeder Berührung in kleine Kügelchen, die über den Tisch rollen.
Erst bei minus 39 Grad erstarrt das Metall. Ein Liter Quecksilber wiegt rund 13,5 Kilogramm, gut das Dreizehnfache eines Liters Wasser.
Das chemische Zeichen Hg geht auf das griechisch-lateinische „Hydrargyrum“ zurück, Wassersilber. Entstehen kann das Element in einer Lagerstätte nicht, dort reichert sich das Metall nur an. Zinnober bildet sich in Gesteinsspalten, in denen heiße, schwefelhaltige Lösungen aus der Tiefe abkühlen und das Metall als Quecksilbersulfid ablagern. Solche Lagerstätten sind selten und liegen oft in Gebieten mit früherer vulkanischer Aktivität.
Die bekannten Ressourcen umfassen nach dem USGS weltweit rund 600.000 Tonnen Quecksilber. Die größten Vorkommen liegen in China, Kirgistan, Mexiko, Peru, Russland, Slowenien, Spanien und der Ukraine. Eine belastbare Zahl zu den wirtschaftlich förderbaren Reserven veröffentlicht der Geologiedienst nicht, er nennt nur China, Kirgistan und Peru als Länder mit den größten Reserven.
Knapp wird das Metall nicht. Weil der Verbrauch außerhalb des Goldbergbaus sinkt, reichen die Ressourcen nach Einschätzung des USGS für Jahrhunderte.
Neben der gezielten Förderung fällt Quecksilber als Nebenprodukt an, etwa beim Aufbereiten von Gold- und Silbererz in Nevada. Eine weitere Quelle ist das Recycling: Aus alten Leuchtstofflampen, Thermostaten, Zahnamalgam und medizinischen Geräten gewinnen Raffinerien das Metall zurück. Gehandelt wird das Metall traditionell in eisernen Flaschen zu 76 Pfund, also rund 34,5 Kilogramm. Die Unterschiede zwischen Lagerstätten betreffen weniger die Qualität des fertigen Metalls als die Umweltlast: Beim Rösten des Erzes entweichen Dämpfe, und die Rückstände bleiben lange belastet.
Quecksilber reichert sich in seltenen Zinnober-Lagerstätten an, die Vorräte reichen für Jahrhunderte. Problematisch ist allein seine Giftigkeit.
Wer entdeckte Quecksilber und wie begann der Rausch?

Quecksilber kennt die Menschheit seit der Antike, in Almadén förderten Bergleute das Erz nach der UNESCO schon damals. Zum Massengut wurde das Metall erst durch das Silber der Neuen Welt: Ab Mitte des 16. Jahrhunderts lösten die Spanier Silber mit Quecksilber aus dem Erz.
Das Verfahren heißt Patio-Verfahren, benannt nach den gepflasterten Höfen, auf denen Arbeiter zerkleinertes Erz mit Wasser, Salz und Quecksilber zu einem Brei vermengten. Bartolomé de Medina führte die Methode Mitte der 1550er-Jahre in Pachuca im heutigen Mexiko ein. Das Quecksilber band das Silber zu Amalgam, das anschließend erhitzt wurde, bis das Quecksilber verdampfte.
Der Silberstrom nach Europa hing so am Nachschub aus wenigen Gruben. Die UNESCO beschreibt den Quecksilberhandel als früh interkontinental. Wer die Förderung kontrollierte, kontrollierte den Markt.
Die zwei größten Gruben der Geschichte lagen in Europa: im spanischen Almadén und im heutigen slowenischen Idrija, wo Bergleute im Jahr 1490 auf Quecksilber stießen. Idrija gehörte damals zum Herrschaftsgebiet der Habsburger und lieferte einen Teil seines Metalls über den Hafen von Triest in den Seehandel. Seit 2012 stehen beide Bergbaustädte gemeinsam als „Erbe des Quecksilbers“ auf der Welterbeliste.
In Südamerika förderte die spanische Krone Quecksilber zusätzlich in Huancavelica im heutigen Peru, um die Silberminen der Anden zu versorgen. Was die Silberförderung von Potosí den Menschen abverlangte, beschreibt unsere Stoffgeschichte über den Rohstoff Silber und seine koloniale Vergangenheit.
Im 17. und 18. Jahrhundert fand das Metall neue Märkte in Wissenschaft und Medizin. Barometer, Thermometer und Manometer nutzten die schwere Flüssigkeit als Messsäule, Ärzte verordneten Quecksilbersalben gegen die Syphilis. Später kamen Knallquecksilber für Zündhütchen und Quecksilberdampflampen hinzu.
Der USGS datiert das Ende des Bergbaus in Almadén auf das Jahr 2003. Seither ist das „lebendige Silber“ für Europa vor allem ein Altlastenproblem.
Quecksilber machte die Silberförderung der spanischen Kolonien erst möglich. Die beiden größten Gruben der Geschichte, Almadén und Idrija, sind heute Welterbe und keine Bergwerke mehr.
Wie hat Quecksilber die Weltkarte verändert?

Quecksilber war das Nadelöhr des spanischen Silberimperiums und ist heute ein Prüfstein der Umweltdiplomatie. Die verbliebenen Exporteure liegen außerhalb der Minamata-Konvention oder an ihren Rändern, und die Nachfrage kommt aus dem illegalen Goldbergbau.
Die spanische Krone verstand früh, dass sich mit Quecksilber das Silber Amerikas steuern ließ. Ohne Metall aus Almadén oder Huancavelica ließ sich nicht amalgamieren, und beide Gruben unterstanden der Krone. Die Silberminen in Mexiko und Peru hingen damit an einem Nachschub, dessen Hahn in Madrid saß. Die Spuren dieser Ordnung liegen bis heute in der Landschaft. Mexiko gewinnt nach dem USGS Quecksilber aus dem Abraum des kolonialen Silberbergbaus zurück, das Gift von damals ist der Rohstoff von heute.
Idrija gehörte jahrhundertelang zum Habsburgerreich, fiel nach dem Ersten Weltkrieg an Italien und nach dem Zweiten an Jugoslawien. Seit 1991 liegt die Bergbaustadt in Slowenien.
Die Minamata-Konvention trat am 16. August 2017 in Kraft und hat nach der Vertragssammlung der Vereinten Nationen 154 Vertragsparteien.
Artikel 3 verbietet den Vertragsstaaten, neue Quecksilberminen zu genehmigen. Bestehende Primärminen dürfen höchstens noch 15 Jahre nach dem Inkrafttreten für den jeweiligen Staat arbeiten, ihr Metall darf nur in erlaubte Produkte, Verfahren oder die Entsorgung gehen. Für China, das den Vertrag am 31. August 2016 ratifizierte, läuft diese Frist im August 2032 ab. Das Land setzt Quecksilberverbindungen als Katalysator in der kohlebasierten Herstellung von Vinylchlorid ein, dem Grundstoff für PVC.
Kirgistan und Tadschikistan, die Nummern zwei und drei der Förderstatistik, fehlen in der Liste der Vertragsparteien ganz. Marokko hat 2014 unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Der Teil der Förderung, der in den Export geht, liegt so weitgehend außerhalb des Vertrags.
| Land | Minenförderung 2025 (Schätzung USGS) | Status in der Minamata-Konvention |
|---|---|---|
| China | 200 Tonnen | Vertragspartei seit 2016, Primärbergbau bis August 2032 erlaubt |
| Kirgistan | 5 Tonnen | keine Vertragspartei |
| Tadschikistan | 4 Tonnen | keine Vertragspartei |
| Marokko | 2 Tonnen | 2014 unterzeichnet, nicht ratifiziert |
| Norwegen | 1 Tonne | Vertragspartei seit 2017 |
| Mexiko | keine Angabe des USGS | Vertragspartei seit 2015, Förderung offiziell eingestellt |
In der Ausgabe von 2025 schätzte der Geologiedienst die Weltförderung für 2024 noch auf 1.200 Tonnen, in der Ausgabe von 2026 auf 212 Tonnen. Der Markt ist so undurchsichtig, dass selbst die wichtigste Statistik ihre Schätzung um mehr als vier Fünftel korrigiert.
Mexiko begann 2017, die Förderung im Rahmen der Konvention herunterzufahren, offiziell sank sie binnen drei Jahren auf null.
Die Umweltorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) zählte zwischen April 2019 und Juni 2025 trotzdem 50 Sendungen mit zusammen rund 200 Tonnen Quecksilber aus Mexiko nach Peru, Kolumbien und Bolivien, berichtete das Umweltportal Mongabay.
In der Sierra Gorda von Querétaro arbeiten nach dem Bericht von Mongabay 700 bis 1.000 Menschen in mehr als einem Dutzend Zinnobergruben, mehrere davon in einem Biosphärenreservat.
Europa und die USA haben sich aus diesem Handel zurückgezogen. Die EU verbietet die Ausfuhr von Quecksilber seit 2011, die USA seit dem 1. Januar 2013. Die Lücke füllten die Gruben in Zentralasien und Mexiko, und das Metall landet dort, wo der Goldpreis lockt.
Am 18. September 2026 beriet das kirgisische Kabinett unter Adylbek Kasymaliev über den Quecksilberkomplex Khaidarkan. Laut dem Wirtschaftsportal Akchabar ging die Sitzung um Maßnahmen, das Werk zu erhalten und seine Produktionskapazität wiederherzustellen, die Behörden sollen Investoren gewinnen.
Zum Komplex gehören Lagerstätten mit Quecksilber, Antimon und Flussspat.
Das UN-Umweltprogramm hatte von 2012 bis 2016 ein Projekt finanziert, das Kirgistan beim Ausstieg aus dem Primärbergbau helfen sollte. Zu Projektbeginn stand Khaidarkan nach UNEP für rund 10 Prozent des Weltmarkts.
Abgeschlossen ist der Ausstieg nicht, die Regierung in Bischkek setzt auf das Gegenteil.
Auf der Nachfrageseite meldete Interpol am 7. Oktober 2026 die Ergebnisse der Operation Madre Tierra VIII in neun Ländern Lateinamerikas: 233 Festnahmen und mehr als 300 Beschlagnahmen. Allein in Costa Rica stellten die Behörden rund 4,6 Tonnen Zyanid und elf Behälter Quecksilber für die illegale Goldgewinnung sicher.
Vom 4. bis 9. Oktober tagte im indischen Hyderabad die internationale Fachkonferenz zu Quecksilber als globalem Schadstoff, zum ersten Mal in Indien.
Warum ist Quecksilber für die Weltwirtschaft so wichtig?

Als Ware ist Quecksilber ein Zwerg: Die Minen der Welt liefern nach dem USGS rund 210 Tonnen im Jahr. Wirtschaftlich zählt das Metall dort, wo kein billiger Ersatz bereitsteht, vor allem im Kleinbergbau auf Gold und in Chinas PVC-Chemie.
Zum Vergleich: Allein der Kleinbergbau auf Gold setzt nach dem Global Mercury Assessment 2018 des UN-Umweltprogramms jedes Jahr 838 Tonnen Quecksilber in die Luft frei, das Vierfache der geschätzten Minenförderung. Die Differenz decken Recycling, Nebenprodukte aus dem Gold- und Zinkbergbau, Altbestände aus stillgelegten Chlorfabriken und nicht erfasste Förderung, die als Schmuggelware zu den Goldsuchern gelangt.
In der Summe gelangten nach UNEP im Jahr 2015 rund 2.220 Tonnen Quecksilber aus menschlichen Quellen in die Atmosphäre.
Im Goldbergbau setzen Menschen das Metall bewusst ein: Goldsucher vermischen goldhaltigen Schlamm mit Quecksilber, das Gold bindet sich zu Amalgam, und über offenem Feuer verdampft das Quecksilber. Bei Kohle, Zement und Metallen stammt das Quecksilber dagegen als Verunreinigung aus dem Rohstoff und entweicht beim Verbrennen oder Schmelzen. Die Kohleverbrennung steht nach UNEP für 474 Tonnen im Jahr, die Produktion von Nichteisenmetallen für 327 Tonnen, Zementwerke für 233 Tonnen.
Der Goldbergbau ist damit der wichtigste Abnehmer, und mit dem Goldpreis steigt der Anreiz, das Metall einzusetzen. Wie Goldwäschen im Amazonas Flüsse und Menschen vergiften, zeigt unsere Stoffgeschichte über die Frage, was ein Gramm Gold die Welt kostet.
Den zweiten großen Block bildet Chinas Chemieindustrie. Weil ein Teil der chinesischen PVC-Produktion auf Kohle statt auf Erdöl beruht, braucht das Land Quecksilberverbindungen als Katalysator.
Eine Börse für Quecksilber existiert nicht. Gehandelt wird direkt zwischen Raffinerien, Händlern und Abnehmern, in US-Dollar und traditionell je Flasche zu rund 34,5 Kilogramm. Öffentliche Preisreihen sind rar, Fachdienste wie Fastmarkets und Argus veröffentlichen ihre Notierungen nur für zahlende Kunden.
In den USA meldeten Unternehmen 2021 nur noch 13 Tonnen Quecksilber in Produkten, und ihre Verwendung hat mit dem Goldbergbau des globalen Südens nichts gemein.
| Verwendung in den USA | Anteil | Beispiele |
|---|---|---|
| Relais, Sensoren, Schalter und Ventile | 65 Prozent | Thermostate, Füllstandsschalter, Industriesensoren |
| Dentalamalgam | 27 Prozent | Zahnfüllungen |
| Formulierte Produkte | 7 Prozent | Puffer, Katalysatoren, Fixiermittel, Impfstoffe |
| Lampen und Beleuchtung | 1 Prozent | Leuchtstofflampen |
Für die Zukunft rechnet der USGS mit einem Angebotsschub aus den Chlorfabriken. Sobald die letzten Chloralkali-Anlagen der Welt auf quecksilberfreie Technik umstellen, wird eine große Menge Quecksilber frei. Weil Europa und die USA die Ausfuhr verbieten, muss ein Teil davon dauerhaft eingelagert werden.
Das US-Energieministerium vergab im November 2024 einen Auftrag für ein Langzeitlager mit Platz für bis zu 7.000 Tonnen elementares Quecksilber, mehr als das Dreißigfache der heutigen Weltförderung eines Jahres.
Deutschland ist vom Import nicht abhängig. Das Land braucht Quecksilber kaum noch, muss aber Quecksilberabfälle nach EU-Recht dauerhaft und nur in fester, umgewandelter Form verwahren. Die Abhängigkeit hat sich umgekehrt: Nicht der Nachschub ist das Problem, sondern die Entsorgung.
Der Kleinbergbau auf Gold setzt jedes Jahr ein Vielfaches der offiziellen Minenförderung frei. China verbraucht sein Quecksilber selbst, Europa und die USA lagern ihre Bestände ein.
In welchen Produkten steckt Quecksilber, und was verschwindet ohne das Metall?

Quecksilber steckte jahrzehntelang in Fieberthermometern, Energiesparlampen, Leuchtstoffröhren, Knopfzellen und Zahnfüllungen. In Europa ist das Metall aus fast all diesen Produkten verbannt. Ohne Quecksilber fiele heute vor allem eine Ware weg, die niemand damit verbindet: billiges Gold aus dem Kleinbergbau.
Das klassische Fieberthermometer mit der silbernen Säule ist in der EU seit Jahren nicht mehr im Handel, an seine Stelle traten digitale Geräte und Glasthermometer mit Galinstan, einer Legierung aus Gallium, Indium und Zinn.
In der Deckenlampe steckt das Metall in jeder Leuchtstoffröhre und jeder Energiesparlampe. Quecksilberdampf regt in der Röhre die Leuchtschicht zum Strahlen an. Kompaktleuchtstofflampen dürfen nach der Verordnung (EU) 2024/1849 seit dem 31. Dezember 2025 in der EU weder hergestellt noch ein- oder ausgeführt werden, für Dreibanden-Leuchtstofflampen gilt das ab dem 31. Dezember 2026.
Im Mund vieler Erwachsener steckt Quecksilber bis heute. Amalgam, eine Legierung aus Quecksilber, Silber, Zinn und Kupfer, war über Jahrzehnte die günstigste Füllung für Backenzähne. Seit dem 1. Januar 2025 darf eine Amalgamfüllung in der EU nur noch in Ausnahmefällen gelegt werden, wenn der Zahnarzt sie medizinisch für zwingend hält. Vorhandene Füllungen dürfen bleiben.
Knopfzellen mit mehr als 0,0005 Gewichtsprozent Quecksilber sind in der EU seit Ende 2020 verboten.
Quecksilberverbindungen dienen als Katalysator und Fixiermittel und kommen in manchen Impfstoffen zum Einsatz. Nach dem USGS kann das Metall auch noch in Hautaufhellungscremes stecken. Gegen diese Cremes beschlossen die Vertragsstaaten der Minamata-Konvention im November 2025 ein schärferes Vorgehen.
| Produkt | Rolle des Quecksilbers | Stand in der EU | Ersatz |
|---|---|---|---|
| Fieberthermometer | Messflüssigkeit | nicht mehr im Handel | Digitalthermometer, Galinstan |
| Energiesparlampe | Dampf regt die Leuchtschicht an | Herstellung, Ein- und Ausfuhr seit Ende 2025 verboten | LED |
| Leuchtstoffröhre (Dreibanden) | Dampf regt die Leuchtschicht an | Herstellung, Ein- und Ausfuhr ab Ende 2026 verboten | LED-Röhre |
| Zahnfüllung | Amalgam mit Silber, Zinn und Kupfer | seit 2025 nur in Ausnahmefällen | Komposit, selbstadhäsive Füllungsmaterialien |
| Knopfzelle | Korrosionsschutz der Zinkelektrode | seit Ende 2020 verboten | Indiumverbindungen |
| Goldschmuck aus Kleinbergbau | bindet Goldflitter zu Amalgam | Gold selbst frei handelbar | Gold aus zertifizierten Minen ohne Quecksilber |
Bei Quecksilber wirkt ein Lieferausfall anders als bei den meisten Rohstoffen. Fiele die Förderung morgen aus, stünde in Europa kaum eine Fabrik still.
Für fast jede frühere Verwendung steht ein Ersatz bereit, der nach dem USGS bereits eingeführt ist: LED-Lampen statt Leuchtstoffröhren, Keramik-Komposite statt Amalgam, Membranverfahren statt Quecksilberzellen in der Chlorproduktion.
Echte Lücken entstünden an zwei Stellen außerhalb Europas. Chinas kohlebasierte PVC-Werke müssten auf einen anderen Katalysator umstellen. Und im Kleinbergbau auf Gold fehlte das billigste Werkzeug, das ein einzelner Goldsucher kaufen kann. Gerade dort sitzt die größte Nachfrage, und gerade dort greift kein Verbot der EU.
Für Verbraucher bleibt das Metall vor allem als Abfall präsent. Eine ausgediente Energiesparlampe oder Leuchtstoffröhre gehört deshalb zum Wertstoffhof oder zur Rücknahmestelle im Handel, damit das Quecksilber nicht im Hausmüll landet.
Wie setzt sich der Preis eines Kilos Quecksilber zusammen?

Ein Kilo Quecksilber kostete Importeure in den USA zwischen 2021 und 2024 im Schnitt umgerechnet 20 bis 45 Euro. Goldsucher in Lateinamerika zahlten 2025 nach einem Bericht von Mongabay rund 295 Euro, ein Vielfaches davon. Den Unterschied machen nicht Förderung oder Fracht, sondern Verbote und Schmuggel.
Ein Endprodukt mit Preisschild hat Quecksilber kaum noch, und der Großhandel veröffentlicht seine Notierungen nicht frei. Die verlässlichste öffentliche Zahl liefert der USGS mit dem durchschnittlichen Einfuhrwert der USA. Er lag 2021 bei umgerechnet 26 Euro je Kilo, 2022 bei 30 Euro, 2023 bei 20 Euro und 2024 bei 45 Euro.
Die Einfuhrmengen sind dabei winzig: Die USA importierten 2024 rund 2 Tonnen Quecksilber, in den Jahren 2021 bis 2024 vor allem aus Kanada und China.
Einzelne Lieferungen bewegen den Durchschnitt deshalb stark, und der Sprung von 2023 auf 2024 sagt mehr über die Zusammensetzung der Ware als über den Weltmarkt.
Ganz anders sieht der Preis am Ende der Schmuggelkette aus. Mongabay sprach im Juli 2025 bei diesem Preis von einer Preisspitze. Für einen Goldsucher lohnt sich der Kauf trotzdem, solange der Goldpreis hoch bleibt.
Die Bestandteile dieses Preises lassen sich nur als Mechanismus beschreiben, nicht als belegte Rechnung. Am Anfang steht die Förderung in Zinnobergruben wie in der mexikanischen Sierra Gorda oder in Khaidarkan. Danach folgen Rösten, Abfüllen und der Transport über Grenzen, an denen das Metall offiziell nicht ankommen darf. Händler, Kuriere und Zwischenlager verlangen einen Risikoaufschlag, der mit jeder Beschlagnahme steigt. Razzien wie die Operation Madre Tierra VIII von Interpol erhöhen dieses Risiko und damit den Kilopreis.
Steuern und Abgaben fallen auf diesem Weg kaum an, weil der Handel am Fiskus vorbeiläuft. Den Staat kostet das Metall stattdessen später, über verseuchte Flüsse, belastete Fische und kranke Menschen.
Quecksilber wird in US-Dollar gehandelt, Käufer in Europa rechnen in Euro. Diese Stoffgeschichte rechnet durchgehend mit dem Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 12. Oktober 2026, ein Euro entsprach 1,1181 Dollar. Ein schwächerer Dollar verbilligt das Metall für europäische Käufer, doch die legale Nachfrage in Europa ist ohnehin fast verschwunden.
Weil Quecksilber kein klares Endprodukt mehr hat, steht am Ende dieses Kapitels keine Preiszusammensetzung, sondern die Verteilung der Emissionen auf ihre Quellen.
Wer verdient an Quecksilber und wer zahlt drauf?

Am Quecksilber verdienen heute vor allem Schmuggler, Zwischenhändler und die wenigen Gruben außerhalb der Minamata-Konvention. Drauf zahlen die Menschen an Flüssen und Küsten, deren Fische das Gift anreichern, und zwar oft Jahrzehnte nach der Belastung.
Was das Metall die Menschen kostet, zeigt kein Ort so deutlich wie Minamata im Süden Japans. Nach dem japanischen Umweltministerium wurde dort 1956 der erste Patient gemeldet. Noch im selben Jahr vermutete die Universität Kumamoto eine Schwermetallvergiftung über Fisch und Muscheln. Erst 1968, zwölf Jahre nach dem ersten Fall, erklärte die Regierung offiziell Methylquecksilber zur Ursache. Das Gift entstand als Nebenprodukt der Acetaldehyd-Produktion des Chemiekonzerns Chisso, dessen Abwasser in die Bucht floss.
Bis Ende März 2001 erkannten die Behörden an der Yatsushiro-See 2.265 Menschen als Patienten an, dazu 690 am Fluss Agano in der Präfektur Niigata, wo 1965 ein zweiter Ausbruch begann, den die Regierung dem Konzern Showa Denko zuschrieb.
Die Konvention, die 2017 in Kraft trat, trägt den Namen der Stadt als Mahnung.
Heute verteilt sich der Schaden auf viele kleine Orte statt auf eine Bucht. In den Goldregionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens atmen Goldsucher und ihre Familien die Dämpfe ein, wenn sie das Amalgam über offenem Feuer erhitzen. Das Quecksilber, das in Flüsse gelangt, wandelt sich zu Methylquecksilber und reichert sich in Raubfischen an.
Europa hat Quecksilber aus Zahn und Lampe verbannt, doch im Goldbergbau verdampfen weiter 838 Tonnen im Jahr.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Auf der Gewinnerseite stehen die Händler, die das Metall über Grenzen bringen. Zwischen dem mexikanischen Grubenpreis und dem Kilopreis am Goldfluss liegt der Schmuggelaufschlag, den kein Finanzamt sieht. Kirgistan will in Khaidarkan Arbeitsplätze erhalten und Investoren gewinnen, das Kabinett hat die Behörden ausdrücklich damit beauftragt. Für eine Kleinstadt in einem armen Land ist die Grube ein Arbeitgeber, für die Konvention ein Ärgernis.
Einen Ressourcenfluch im klassischen Sinn löst Quecksilber nicht aus, dafür ist der Markt zu klein. Der Mechanismus der holländischen Krankheit, bei der ein Rohstoffboom die Währung aufwertet und andere Branchen aus dem Markt drängt, betrifft allenfalls das Gold, nicht den Hilfsstoff. Quecksilber verschärft den Goldfluch: Das billige Metall senkt die Einstiegskosten des illegalen Bergbaus und verlagert die Folgekosten auf Anwohner und Staaten.
| Akteur | Lage | Bilanz |
|---|---|---|
| Schmuggler und Zwischenhändler | rund 200 Tonnen aus Mexiko nach Südamerika zwischen 2019 und 2025, Kilopreis am Ziel rund 295 Euro | gewinnen |
| Kirgistan mit Khaidarkan | will Kapazität wiederherstellen und Investoren gewinnen, keine Vertragspartei | gewinnt kurzfristig |
| China | 200 Tonnen Förderung, Katalysator für kohlebasiertes PVC, Ausstiegsfrist 2032 | unter Druck |
| Anwohner der Goldregionen | Dämpfe beim Abbrennen des Amalgams, belastete Fische | verlieren |
| Opfer von Minamata und Niigata | 2.955 anerkannte Patienten bis März 2001 | verloren |
Minamata zeigt, wie lange Quecksilber nachwirkt. Heute verdienen Schmuggler und die letzten Gruben außerhalb des Vertrags, den Schaden haben die Menschen an den Goldflüssen.
Wie mächtig ist die Quecksilber-Lobby?

Eine Quecksilber-Lobby im engeren Sinn existiert nicht, kein Verband wirbt für das Metall selbst. Einfluss haben die Branchen, die das Metall benutzen oder ausstoßen, vor allem Zahnärzte und Kohlekraftwerke. Ihr Einfluss zeigt sich an Fristen und Ausnahmen, nicht an Subventionen.
Das deutlichste Beispiel lieferte die sechste Vertragsstaatenkonferenz der Minamata-Konvention im November 2025 in Genf. Die Staaten beschlossen, die Herstellung, Einfuhr und Ausfuhr von Dentalamalgam weltweit bis 2034 zu beenden. Ursprünglich stand 2030 im Raum.
Der Weltzahnärzteverband FDI rechnet sich die längere Frist selbst zu. Gemeinsam mit der Forschungsorganisation IADR und unterstützt vom Herstellerverband IDM und der American Dental Association habe der Verband die Verschiebung von 2030 auf 2034 erreicht, teilte die FDI nach der Konferenz mit. Hinzu kam eine Ausnahme: Amalgam bleibt erlaubt, sofern der Zahnarzt die Füllung für den Patienten für nötig hält.
Die Zahnärzte argumentieren mit Patientenschutz und Gerechtigkeit: Wo Alternativen fehlen oder unbezahlbar sind, soll Amalgam möglich bleiben.
Die EU hat dieselbe Hintertür in ihre Verordnung von 2024 eingebaut und eine Übergangsfrist ergänzt: Mitgliedstaaten, in denen Amalgam die einzige erstattungsfähige Füllung war, durften das Material bis zum 30. Juni 2026 zulassen.
Die US-Umweltbehörde EPA hob im Februar 2026 die Verschärfung ihrer Quecksilber- und Luftschadstoffstandards von 2024 wieder auf. Gestrichen ist unter anderem ein strengerer Quecksilber-Grenzwert für Braunkohlekraftwerke.
Die EPA begründet den Schritt mit bezahlbarer und verlässlicher Energie und beziffert die Ersparnis der Betreiber für die Jahre 2028 bis 2037 auf umgerechnet 599 Millionen Euro. Die Behörde verweist zugleich darauf, dass die Quecksilberemissionen der US-Kohlekraftwerke 2021 bereits 90 Prozent unter dem Niveau vor den Standards von 2012 lagen. Die Ersparnis beziffert die EPA genau, die Gesundheitsfolgen der Emissionen bewertet die Behörde nicht in Geld und verweist darauf, dass auch die Vorgängerregierung das unterlassen habe.
Leiser verlief der Abschied der europäischen Chlorindustrie. Seit dem 11. Dezember 2017 ist die Chloralkali-Produktion mit Quecksilberelektroden nach der Verordnung (EU) 2017/852 verboten. Die Hersteller mussten ihre Anlagen auf quecksilberfreie Verfahren umstellen oder stilllegen.
Subventionen für Quecksilber selbst kennt Deutschland nicht. Gefördert wird der Ausstieg: Seit 2025 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen laut Verbraucherzentrale im Seitenzahnbereich in der Regel selbsthaftende Füllungen ohne Zuzahlung, Kinder unter 15 Jahren, Schwangere und Stillende erhalten Komposite schon seit 2018 als Kassenleistung.
Zwischen Versprechen und Wirklichkeit klafft die größte Lücke beim Bergbau. Die Konvention verbietet neue Primärminen, doch die Förderländer zwei und drei, Kirgistan und Tadschikistan, sind keine Vertragsparteien. Die Regierung in Bischkek verteidigt die Grube in Khaidarkan mit Arbeitsplätzen, ein Argument, das jede Rohstofflobby der Welt kennt.
Die Macht über Quecksilber liegt bei Anwendern und Emittenten: Zahnärzte erreichten eine längere Frist für Amalgam, die US-Kohlekraftwerke einen gelockerten Grenzwert. Europas Chlorindustrie stieg dagegen aus, als das Gesetz den Ausstieg verlangte.
Wie kommen wir von Quecksilber los?

Technisch ist der Ausstieg aus Quecksilber weitgehend geschafft: Für Licht, Zahnfüllungen, Messgeräte, Batterien und Chlor stehen eingeführte Alternativen bereit. Am langsamsten kommt der Kleinbergbau auf Gold voran, weil dort Armut und nicht Technik den Ausschlag gibt.
Am weitesten ist die Chlorproduktion. Weltweit ersetzen Diaphragma- und Membranverfahren die Quecksilberzelle, berichtet der USGS. In der EU ist die alte Technik seit Dezember 2017 verboten, in den USA lief 2025 noch eine einzige Chloralkali-Anlage mit Quecksilberzellen.
LED-Lampen sind sparsamer als Leuchtstoffröhren und enthalten kein Quecksilber. Die EU-Verbote für Kompaktleuchtstofflampen seit Ende 2025 und für Dreibanden-Röhren ab Ende 2026 beenden Herstellung, Einfuhr und Ausfuhr der letzten Lampentypen mit Quecksilber. In der Zahnmedizin übernehmen Keramik-Komposite und selbstadhäsive Füllungsmaterialien die Rolle des Amalgams. Die Füllungen sind zahnfarben und quecksilberfrei. Weltweit soll das Amalgam bis 2034 verschwinden, mit der Ausnahme für medizinisch begründete Einzelfälle.
Bei Thermometern und Batterien ist der Ersatz längst Alltag: digitale Fieberthermometer und Galinstan, Indiumverbindungen in Alkali-Batterien, Lithium- und Zink-Luft-Zellen statt Quecksilber-Zink-Batterien.
| Sektor | Alte Technik | Ersatz | Stand |
|---|---|---|---|
| Chlor und Natronlauge | Quecksilberzelle | Membran- und Diaphragmaverfahren | in der EU seit 2017 Pflicht |
| Beleuchtung | Energiesparlampe, Leuchtstoffröhre | LED | EU-Verbot 2025 und 2026 |
| Zahnmedizin | Amalgam | Komposit, selbstadhäsive Füllungsmaterialien | EU seit 2025, weltweit bis 2034 |
| Messgeräte | Quecksilberthermometer | Digitalthermometer, Galinstan | weitgehend ersetzt |
| PVC-Herstellung in China | Quecksilberkatalysator | Umstellung auf andere Verfahren | offen, Primärbergbau bis 2032 |
| Kleinbergbau auf Gold | Amalgamierung | zertifizierte, quecksilberfreie Förderung | Nische |
Die Vertragsstaaten der Konvention beschlossen im November 2025, alternative Einkommen für Goldsucher zu fördern und zu prüfen, wie sich Lieferketten transparenter machen und zertifizieren lassen. Ein Verbot lässt sich in einer Hauptstadt beschließen, durchsetzen müssen die Behörden das Verbot an abgelegenen Flüssen und in Bergregionen.
Quecksilber aus der Chloralkali-Industrie, der Erdgasreinigung und der Metallgewinnung gilt nach der Verordnung (EU) 2017/852 als Abfall, der ohne Rückgewinnung beseitigt werden muss. Dauerhaft gelagert werden darf das Metall in der EU nur nach Umwandlung in eine feste Verbindung, etwa in Salzbergwerken. Die flüssige Zwischenlagerung endete am 1. Januar 2023.
Jedes recycelte Kilo, das auf den Markt zurückkehrte, könnte am Ende in einer Goldwäsche landen. Europa verzichtet deshalb bewusst auf einen Rohstoff, den die Union ohnehin nicht mehr braucht.
Wir halten das für konsequent, solange die Lagerung sicher ist.
Für fast alle früheren Anwendungen existiert Ersatz, der Ausstieg ist eine Frage der Fristen. Offen bleiben Chinas PVC-Chemie und der Kleinbergbau auf Gold, wo Verbote auf Armut treffen.
Was bedeutet Kirgistans Festhalten am Quecksilber für Deutschland?

Für Deutschland ist der Kurs Kirgistans keine Versorgungs-, sondern eine Umweltfrage. Quecksilber aus Zentralasien erreicht deutsche Haushalte nicht als Ware, sondern über die Atmosphäre und als Methylquecksilber im Fisch. Direkt spüren Verbraucher und Firmen hierzulande vor allem die EU-Verbote.
Nach der Kabinettssitzung in Bischkek vom 18. September über die Zukunft von Khaidarkan diskutierten Fachleute aus aller Welt im indischen Hyderabad eine Bilanz der Minamata-Konvention, und Interpol meldete Quecksilber-Beschlagnahmen aus Lateinamerika.
Zusätzliches Quecksilber aus Khaidarkan dürfte über den Handel vor allem dort ankommen, wo die Nachfrage am größten ist: bei den Goldsuchern. Quecksilberdampf verteilt sich über die Atmosphäre weltweit, deshalb verhandeln die Staaten das Gift in einer globalen Konvention. Bei Quecksilber hat das Umweltbundesamt die Energiewirtschaft als größte deutsche Emissionsquelle ausgemacht, dazu zählen die Kraftwerke, die noch Kohle verbrennen. Die Emissionen der wichtigsten Schwermetalle, darunter Quecksilber, sanken seit 1990 meist um 70 bis über 90 Prozent.
Für Verbraucher ist die wichtigste Frist der 31. Dezember 2026. Ab diesem Tag dürfen Dreibanden-Leuchtstofflampen in der EU weder hergestellt noch ein- oder ausgeführt werden.
Leuchtstoffröhren in Keller, Garage oder Büro lassen sich danach nur noch aus Restbeständen ersetzen, sonst steht der Umstieg auf LED-Röhren an.
Beim Zahnarzt ist der Wechsel schon vollzogen. Seit 2025 bekommen gesetzlich Versicherte im Seitenzahnbereich in der Regel selbsthaftende Füllungen ohne Zuzahlung. Alte Amalgamfüllungen dürfen bleiben, ein vorsorglicher Austausch ist nicht vorgeschrieben.
Hausverwaltungen, Handel, Werkstätten und Behörden mit großen Röhrenbeständen planen den Umstieg besser jetzt, statt im Defektfall nach Restware zu suchen. Juweliere und Goldhändler, die Gold in die EU einführen, unterliegen ab bestimmten Mengen der EU-Verordnung über Konfliktminerale und müssen ihre Lieferketten prüfen.
Politisch liegen die Hebel nicht in Berlin, sondern in Brüssel und bei den Vertragsstaatenkonferenzen. Deutschland ist seit 2017 Vertragspartei der Minamata-Konvention, die EU ebenfalls.
Druck auf Kirgistan kann nur über Diplomatie, Entwicklungshilfe und den Kampf gegen den Schmuggel entstehen, nicht über Handelssanktionen gegen ein Metall, das Europa ohnehin nicht mehr kauft.
Drei Szenarien für die kommenden Monate
Im optimistischen Szenario findet Kirgistan für Khaidarkan keinen Investor, die Anlage bleibt auf Sparflamme, und die Vertragsstaaten stärken mit Zollcodes und Lagerregeln die Kontrolle des Handels. Das Angebot für den illegalen Goldbergbau würde knapper und teurer.
Im realistischen Szenario modernisiert Kirgistan das Werk langsam, und der Schmuggel über Mexiko läuft weiter. Für Deutschland ändert sich wenig.
Im pessimistischen Szenario steigen Goldpreis und Quecksilbernachfrage gemeinsam, Khaidarkan liefert wieder in größerem Stil, und weitere Staaten zögern mit dem Ausstieg. Mehr Quecksilber würde dann in Luft und Flüsse gelangen, Jahrzehnte später auch in den Fisch auf europäischen Tellern.
Was Sie jetzt tun können
- Leuchtstoffröhren in Haus und Betrieb erfassen und den Umstieg auf LED vor dem 31. Dezember 2026 einplanen
- Ausgediente Energiesparlampen und Röhren getrennt beim Wertstoffhof oder im Handel abgeben
- Beim Goldkauf nach der Herkunft fragen und zertifiziertes Gold aus quecksilberfreier Förderung bevorzugen
- Amalgamfüllungen nicht vorsorglich entfernen lassen, sondern sich beim nächsten Zahnarztbesuch beraten lassen
Europa hat seinen eigenen Verbrauch fast auf null gesenkt, doch das globale Gift kennt keine Grenzen. Ob die Konvention ihr Versprechen hält, entscheidet sich deshalb nicht in Deutschland, sondern an einer Grube in Kirgistan und an den Flüssen der Goldsucher.
Kirgistans Pläne berühren Deutschland über die Umwelt, nicht über den Markt. Konkret zählen für Verbraucher und Firmen die EU-Frist für Leuchtstoffröhren am 31. Dezember 2026 und die Herkunft des Goldes.
Glossar: 13 wichtige Fachbegriffe zu Quecksilber

Amalgam
Amalgam heißt jede Legierung aus Quecksilber und einem anderen Metall. Im Alltag meint der Begriff meist die graue Zahnfüllung aus Quecksilber, Silber, Zinn und Kupfer. Im Bergbau bindet Quecksilber Gold- und Silberteilchen zu Amalgam, aus dem das Edelmetall durch Erhitzen gewonnen wird.
Chloralkali-Elektrolyse
Die Chloralkali-Elektrolyse zerlegt Kochsalzlösung mit Strom in Chlor, Natronlauge und Wasserstoff. Ältere Anlagen nutzten dafür eine Quecksilberelektrode. In der EU ist diese Technik seit Dezember 2017 verboten, moderne Werke arbeiten mit Membranen oder Diaphragmen.
Flasche
Die Flasche ist die traditionelle Handelseinheit für Quecksilber. Ein eisernes Gefäß fasst 76 Pfund, also rund 34,5 Kilogramm. Preisangaben im Großhandel beziehen sich häufig auf diese Einheit und nicht auf das Kilogramm.
Galinstan
Galinstan ist eine bei Raumtemperatur flüssige Legierung, deren Name sich aus Gallium, Indium und Stannum, dem lateinischen Wort für Zinn, zusammensetzt. Hersteller nutzen Galinstan als Ersatz für Quecksilber in Glasthermometern.
Kleinbergbau auf Gold
Der Kleinbergbau auf Gold, international als ASGM (Artisanal and Small-scale Gold Mining) abgekürzt, umfasst die Förderung durch Einzelpersonen und kleine Gruppen mit einfachen Mitteln. Diese Form des Bergbaus ist nach UNEP die größte Quelle menschengemachter Quecksilberemissionen, weil die Goldsucher das Metall zum Binden des Goldes einsetzen und anschließend verdampfen.
Methylquecksilber
Methylquecksilber ist eine organische Quecksilberverbindung, die Mikroorganismen in Gewässern aus anorganischem Quecksilber bilden. Die Verbindung reichert sich entlang der Nahrungskette an, besonders in großen Raubfischen. In Minamata verursachte Methylquecksilber aus Industrieabwasser schwere Nervenschäden.
Minamata-Konvention
Die Minamata-Konvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag zum Schutz vor Quecksilber, in Kraft seit dem 16. August 2017. Der Vertrag regelt Bergbau, Handel, Produkte, Emissionen und Lagerung. Der Name erinnert an die Vergiftungen in der japanischen Stadt Minamata.
Patio-Verfahren
Das Patio-Verfahren ist eine Methode zur Silbergewinnung, die Bartolomé de Medina Mitte der 1550er-Jahre in Mexiko einführte. Arbeiter vermengten zerkleinertes Erz in gepflasterten Höfen mit Quecksilber und Salz. Das Verfahren machte Quecksilber zum strategischen Rohstoff des spanischen Kolonialreichs.
Primärbergbau
Als Primärbergbau gilt nach der Minamata-Konvention eine Förderung, bei der Quecksilber das Hauptziel ist. Davon abzugrenzen ist Quecksilber, das als Nebenprodukt im Gold- oder Zinkbergbau anfällt. Neue Primärminen dürfen Vertragsstaaten nicht mehr genehmigen.
Quecksilberzelle
Die Quecksilberzelle ist der Elektrolysebehälter alter Chloralkali-Anlagen, in dem flüssiges Quecksilber als Elektrode dient. Beim Umbau solcher Werke werden große Mengen Quecksilber frei, die in der EU als Abfall gelten und dauerhaft eingelagert werden müssen.
Untertagedeponie
Eine Untertagedeponie lagert gefährliche Abfälle in tiefen Gesteinsschichten, etwa in Salzbergwerken. Die EU erlaubt die dauerhafte Lagerung von Quecksilberabfällen nur nach Umwandlung in eine feste Verbindung, zum Beispiel Quecksilbersulfid, in solchen Formationen oder gleichwertigen Anlagen.
Vinylchlorid
Vinylchlorid, abgekürzt VCM, ist der Grundstoff für den Kunststoff PVC. In China entsteht ein Teil davon auf Basis von Kohle, wobei Quecksilberverbindungen als Katalysator dienen. In der EU ist der Einsatz von Quecksilber dafür seit 2022 verboten.
Zinnober
Zinnober ist das wichtigste Quecksilbererz, chemisch Quecksilbersulfid mit der Formel HgS. Das leuchtend rote Mineral diente früher auch als Farbpigment. Beim Rösten des Erzes entweicht Quecksilber als Dampf und wird in Kühlern wieder verflüssigt.
FAQ: Quecksilber: Die Welt steigt aus, die Goldsucher kaufen ein

Warum ist Quecksilber so giftig?
Quecksilber schädigt vor allem das Nervensystem, besonders in Form von Methylquecksilber, das sich in Fischen anreichert. In Minamata verursachte Methylquecksilber aus Industrieabwasser schwere Vergiftungen des zentralen Nervensystems. Metallisches Quecksilber gibt bei Zimmertemperatur Dampf ab, der eingeatmet in den Körper gelangt.
Muss ich meine Amalgamfüllungen austauschen lassen?
Nein, vorhandene Amalgamfüllungen dürfen im Mund bleiben. Das EU-Verbot seit dem 1. Januar 2025 betrifft nur neue Füllungen. Ob ein Austausch sinnvoll ist, klären Sie beim nächsten Zahnarztbesuch, gesetzlich Versicherte erhalten im Seitenzahnbereich in der Regel selbsthaftende Füllungen ohne Zuzahlung.
Warum verschwinden Energiesparlampen und Leuchtstoffröhren?
Energiesparlampen und Leuchtstoffröhren enthalten Quecksilber, das als Dampf die Leuchtschicht zum Strahlen bringt und bei Bruch oder im Hausmüll freigesetzt wird. Kompaktleuchtstofflampen dürfen in der EU seit dem 31. Dezember 2025 weder hergestellt noch ein- oder ausgeführt werden, Dreibanden-Leuchtstofflampen ab dem 31. Dezember 2026. LED-Lampen ersetzen die alten Lampen ohne Quecksilber.
Wo wird Quecksilber heute noch abgebaut?
Den Großteil fördert China, nach Schätzung des USGS 2025 rund 200 von weltweit 210 Tonnen. Kleinere Mengen kommen aus Kirgistan, Tadschikistan, Marokko und Norwegen. In Mexiko wird Quecksilber trotz des offiziellen Förderstopps abgebaut und nach Südamerika geschmuggelt.
Wie gelangt Quecksilber in den Fisch?
Quecksilber gelangt über Luft und Abwasser in Flüsse und Meere, wo Mikroorganismen das Metall in Methylquecksilber umwandeln. Diese Verbindung reichert sich entlang der Nahrungskette an, deshalb weisen große Raubfische die höchsten Gehalte auf. Nach dem Umweltbundesamt gelangt Quecksilber vor allem über den Verzehr von Fisch in den menschlichen Körper.
Wie stark ist Fisch aus deutschen Flüssen belastet?
Brassen aus Rhein, Elbe und Donau enthalten mehr Quecksilber als Fische aus den untersuchten Seen, zeigen Proben der Umweltprobenbank des Bundes. Die Belastung der Elbfische ging in den 1990er-Jahren deutlich zurück, blieb aber im Vergleich zu den anderen Flussgebieten höher, so das Umweltbundesamt in seinem Fragenkatalog von 2016.
Quellen
22 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 13.10.2026
- AkchabarKasymaliev has instructed that the modernisation of the Mailuu-Suu Light Bulb Factory and the Khaidarkan Mercury Complex be accelerated
- Interpol233 arrested in environmental crime crackdown in Latin America and Caribbean
- Neo Science HubHyderabad becomes the world’s mercury capital for a week as IIT conference weighs a decade of the Minamata Convention
- U.S. Geological SurveyMineral Commodity Summaries 2026: Mercury
- U.S. Geological SurveyMineral Commodity Summaries 2025: Mercury
- Vereinte NationenUnited Nations Treaty Collection: Minamata Convention on Mercury, Status
- InforMEAMinamata Convention on Mercury, Artikel 3
- UNEPMinamata Convention COP-6 agrees to end use of dental amalgam by 2034
- UNEP Global Mercury PartnershipKyrgyz Primary Mercury Mine Project (2012–2016)
- FDI World Dental FederationCOP6 decision on dental amalgam secures an equity-focused, patient-centred approach
- Europäisches Parlament und RatVerordnung (EU) 2017/852 über Quecksilber
- Europäisches Parlament und RatVerordnung (EU) 2024/1849 zur Änderung der Verordnung (EU) 2017/852
- U.S. Environmental Protection AgencyFact Sheet: Repeal of the 2024 Amendments to the Mercury and Air Toxics Standards
- MongabayMexico’s rising mercury trade fuels toxic gold mining in Latin America: Report
- Japanisches UmweltministeriumMinamata Disease: The History and Measures, Kapitel 2
- UNESCO World Heritage CentreHeritage of Mercury. Almadén and Idrija
- Digitales Wörterbuch der deutschen SpracheQuecksilber
- UmweltbundesamtSchwermetall-Emissionen
- UmweltbundesamtHäufige Fragen zu Quecksilber (Stand 04.05.2016)
- VerbraucherzentraleVeränderungen in der zahnärztlichen Behandlung 2025
- Europäisches Parlament und RatVerordnung (EU) 2017/821 zu Sorgfaltspflichten in der Lieferkette für Zinn, Tantal, Wolfram und Gold
- Europäische ZentralbankEuro-Referenzkurse, US-Dollar, 12.10.2026
