Zwei Autoren haben deutsche Verordnungen mit Sprachmodellen durchsucht und nach eigenen Angaben eine erhebliche Zahl bislang unbekannter Schwachstellen gefunden. In den veröffentlichten Fällen fehlt in der Eingangsformel die gesetzliche Ermächtigung, auf die sich eine Regel stützt. Einer betrifft vertrauliche Unterlagen zu Berufskrankheiten, ein anderer den Freizeitausgleich für Soldaten in einem Nato-Kommando.
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Felix Ringe vom Zentrum für empirische Rechtsforschung (Empirical Legal Studies Center) der Freien Universität Berlin und ein ungenannter Mitautor haben ihre Funde am 28. Oktober in einem Blogbeitrag veröffentlicht.[1] Ihr Vergleich stammt aus der IT-Sicherheit: Gesetze sind in Sprache geschrieben wie Programme in Code und enthalten Fehler, die sich ausnutzen lassen. Gezeigt haben die beiden nach eigener Aussage nur Fälle, deren Ausnutzung keinen ernsthaften Schaden anrichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Felix Ringe (FU Berlin) und ein anonymer Mitautor haben deutsche Verordnungen mit Sprachmodellen nach Fehlern durchsucht.
- Die drei vorgestellten Fälle beruhen auf dem Zitiergebot: Eine Verordnung muss ihre Ermächtigung nennen, sonst ist die Regel nichtig.
- Betroffen sind unter anderem eine Änderung der Berufskrankheiten-Verordnung von 2026 und eine Liste der Soldatenarbeitszeitverordnung.
- Ein Gericht hat über keinen der Fälle entschieden.
Wie kann ein fehlender Absatz eine Regel kippen?

Artikel 80 des Grundgesetzes verlangt, dass jede Rechtsverordnung ihre Rechtsgrundlage angibt. Juristen nennen das Zitiergebot. Wie streng das Bundesverfassungsgericht diese Pflicht nimmt, zeigte 1999 die Hennenhaltungsverordnung: Weil sie nicht alle Ermächtigungen nannte, erklärte das Gericht sie für nichtig.[2]
Im Juli 2026 ergänzte die Bundesregierung die Berufskrankheiten-Verordnung. Seither sind die Beratungsunterlagen des Ärztlichen Sachverständigenbeirats vertraulich, auch nach Abschluss der Beratungen. Die Änderungsverordnung beruft sich aber nur auf § 9 Absatz 1 des Siebten Sozialgesetzbuchs.[3] Die Befugnis, Stellung und Organisation des Beirats zu regeln, steht in Absatz 1a.[4] Im Beispiel der Autoren verlangt eine Journalistin nach dem Informationsfreiheitsgesetz die Stellungnahme eines Arbeitgeberverbands, die das Arbeitsministerium unter Verweis auf die Vertraulichkeit zurückhält.
Warum könnten Soldaten im Nato-Stab Überstunden abfeiern?
Laut Soldatengesetz steht Soldaten für angeordnete Mehrarbeit von mehr als fünf Stunden im Monat entsprechende Dienstbefreiung zu. Davon ausnehmen darf das Verteidigungsministerium nur Soldaten in multinationalen Stellen, Grundlage ist § 30c Absatz 6.[5] Im März 2025 kam das Nato-Unterstützungskommando JSEC (Joint Support and Enabling Command) in Ulm auf diese Liste. Die Eingangsformel der Änderungsverordnung nennt § 30c Absatz 5 und § 30d, Absatz 6 fehlt.[6] Ein Hauptmann im JSEC-Stab könnte damit nach Lesart der Autoren Ausgleich für zehn Überstunden verlangen.
Neu ist die Sorge nicht. Greg Sadler und Nathan Sherburn beschrieben 2025 „Legal Zero-Days“, unentdeckte Fehler im Recht, die KI-Systeme schneller finden, als Gerichte reagieren können. Die damals getesteten Modelle fanden solche Fehler laut der Studie noch nicht zuverlässig.[7] In der Softwarebranche ist der Wandel längst messbar: Beim WordPress-Sicherheitsteam gingen dieses Jahr über 3.000 Meldungen ein, mehr als in den zwölf Jahren zuvor. Den Anstieg führt das Team auf KI-Werkzeuge zurück.
Ein fehlender Absatz in der Eingangsformel wird zur Schwachstelle, sobald Sprachmodelle das Bundesgesetzblatt systematisch lesen.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zitiert und benötigt
Was folgt daraus für Unternehmen?
Ob eine Regel tatsächlich nichtig ist, klärt im Streit ein Gericht. Bis dahin wenden Behörden sie an. Für Firmen lohnt der Blick trotzdem:
- Stützt eine Behörde eine Auflage oder Gebühr auf eine Verordnung, prüfen Sie deren Eingangsformel. KI-Werkzeuge wie Claude for Legal von Anthropic beschleunigen die Suche, das Urteil bleibt bei Ihrer Rechtsabteilung.
- Prüfen Sie jeden KI-Befund nach. In einem Test mit 50 Steuerfällen erreichte der beste KI-Agent eine Erfolgsquote von 10,8 Prozent.
Die Autoren raten dem Gesetzgeber, Entwürfe selbst mit KI auf solche Fehler zu prüfen.
Quellen
7 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Felix RingeLegal exploits may emerge at scale
- BundesverfassungsgerichtUrteil vom 6. Juli 1999, 2 BvF 3/90
- BundesgesetzblattSiebte Verordnung zur Änderung der Berufskrankheiten-Verordnung, BGBl. 2026 I Nr. 210
- Gesetze im Internet§ 9 SGB VII, Berufskrankheit
- Gesetze im Internet§ 30c Soldatengesetz, Arbeitszeit
- BundesgesetzblattVerordnung zur weiteren Stärkung der personellen Einsatzbereitschaft und zur Änderung von Vorschriften für die Bundeswehr, BGBl. 2025 I Nr. 78
- Greg Sadler, Nathan SherburnLegal Zero-Days: A Novel Risk Vector for Advanced AI Systems, arXiv
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