IBM hat mit Quantum Safe ein Softwarepaket vorgestellt, das Unternehmen beim Umstieg auf quantensichere Verschlüsselung begleiten soll. Im eigenen Haus durchsuchte der Konzern damit 5.815 Code-Repositorys mit über 47 Millionen Zeilen und fand mehr als 3.900 Schwachstellen. Parallel legte die US-Normungsbehörde NIST fest, ab wann RSA und vergleichbare Verfahren nicht mehr zulässig sind.
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Angekündigt hat IBM das Paket am 27. Oktober.[1] Quantum Safe Explorer durchsucht Quellcode, der Cryptography Manager erfasst Verschlüsselung auf Servern, im Netzwerk und in der Cloud, der Quantum Safe Proxy vermittelt zwischen alten und quantensicheren Gegenstellen. Erhältlich ist die Suite über IBMs eigenen Marktplatz und den AWS Marketplace, eine Testversion kostet nichts. Preise nennt IBM nicht.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- NIST stuft RSA, ECDSA und Diffie-Hellman nach 2030 als veraltet ein und lässt sie nach 2035 in seinen Standards nicht mehr zu.
- Die sensibelsten Systeme der US-Bundesbehörden müssen beim Schlüsselaustausch bis Ende 2030 umgestellt sein, bei Signaturen bis Ende 2031.
- BSI, Innen- und Digitalministerium empfehlen für Deutschland: Anwendungen mit hohem Risiko bis Ende 2030 umstellen, den Rest weitgehend bis 2035.
Warum ist das Suchen schwerer als der Austausch?

Die neuen Algorithmen hat NIST 2024 genormt, an zwei der ersten drei Standards haben IBM-Forscher mitgearbeitet.[1] Die Hürde liegt in der Bestandsaufnahme. Verschlüsselung verteilt sich auf Dutzende Bibliotheken mit Hunderten Schnittstellen. Oft richtet eine Anwendung sie beim Start ein, legt die fertigen Objekte in globalen Variablen ab und verwendet sie erst später in anderen Funktionen.[3] Mit einer Textsuche nach Algorithmennamen bleiben solche Stellen leicht unentdeckt.
Explorer erkennt die gängigen Krypto-Bibliotheken für Java, Python, C, C++, C#, Go und Dart und erzeugt daraus eine Kryptografie-Stückliste (Cryptography Bill of Materials). IBM hat den Scan nach eigenen Angaben in die Build-Pipeline eingebunden, jede neue Version einer Anwendung wird damit automatisch geprüft.[3] Die 3.900 Funde stammen aus diesem internen Einsatz und sind nicht unabhängig geprüft.
Was setzt die Fristen bis 2030?
Angreifer können verschlüsselten Datenverkehr heute mitschneiden und später entschlüsseln, sobald ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer verfügbar ist. NIST nennt diese Bedrohung als einen Hauptgrund für die Eile, weil viele Daten jahrelang wertvoll bleiben.[4] IBM selbst erwartet fehlertolerante Quantencomputer bis zum Ende des Jahrzehnts.[1]
Den Rahmen setzt die endgültige Fassung des NIST-Berichts IR 8547 vom 27. Oktober. Durch Quantencomputer angreifbare Verfahren gelten nach 2030 als veraltet und sind nach 2035 in NIST-Standards nicht mehr zulässig. Schneller umstellen müssen die Bundesbehörden ihre Systeme mit dem höchsten Schutzbedarf, außerdem müssen sie bis zum 2. Januar 2030 TLS 1.3 unterstützen.[4]
Seit 2024 sind die neuen Verfahren genormt, doch IBM fand allein im eigenen Code über 3.900 Stellen, die noch umgebaut werden müssen.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Unternehmen in Deutschland?
BSI, Bundesinnenministerium und Digitalministerium haben am 12. Oktober eine Leitlinie zur Umsetzung der EU-Roadmap veröffentlicht. Sie richtet sich an Verwaltungen, Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastrukturen und übernimmt die europäischen Termine: Anwendungen mit hohem Risiko spätestens Ende 2030, die gesamte Umstellung weitgehend bis 2035.[5] Empfohlen werden klare Zuständigkeiten, verbindliche Fristen, eine Bewertung des Quantenrisikos im Risikomanagement und die frühe Einbindung von Herstellern und Lieferketten.
Die Leitlinie verlangt zudem Kryptoagilität: Verfahren und Schlüssellängen sollen sich bei neuen Erkenntnissen zügig austauschen lassen. Als Grund nennt das BSI auch KI, die Angriffe auf kryptografische Verfahren beschleunige.[5] Vitalik Buterin hatte Anfang Oktober vor KI-Angriffen auf die vom BSI empfohlene gitterbasierte Kryptografie gewarnt.
Unabhängig vom Werkzeug beginnt die Arbeit mit einer Liste, in welchen Anwendungen und Geräten welche Verschlüsselung läuft. Danach sollten IT-Verantwortliche Daten mit langer Schutzdauer zuerst angehen und ihre Lieferanten fragen, ab wann deren Produkte die neuen NIST-Verfahren unterstützen.
Quellen
5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- IBMWhat’s New: IBM Quantum Safe enables confident post-quantum cryptography migration
- IBMProduktseite IBM Quantum Safe (mit Fallstudie IBM CIO Office und Bezugswegen)
- IBMEmpowering CIOs to accelerate crypto-agility with IBM Quantum Safe Explorer: IBM as client zero (Produktblog)
- National Institute of Standards and TechnologyNIST IR 8547 „Transition to Post-Quantum Cryptography Standards“ (finale Fassung)
- Bundesamt für Sicherheit in der InformationstechnikUmstellung auf Post-Quanten-Kryptografie: Leitlinie zur nationalen Umsetzung der EU-Roadmap veröffentlicht
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