Für die BioNTech-Werke in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein hat sich kein Käufer gefunden, der Mainzer Impfstoffhersteller schließt sie gestaffelt bis Ende 2028. Rund 1.800 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit, knapp ein Viertel der weltweiten Belegschaft von etwa 7.200. Mit dem Konzernbetriebsrat hat BioNTech zusätzliche Abfindungsregeln vereinbart, Details nennt das Unternehmen bislang nicht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm Montagmorgen beruhte das Scheitern der Käufersuche noch auf einem Zeitungsbericht, den drweb.de in seiner Meldung zu den Werken ohne Käufer aufgegriffen hatte. Am Nachmittag bestätigte BioNTech die Schließungen. „Trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten und eines breit angelegten Verkaufsprozesses ist es leider nicht gelungen, einen Kauf zu realisieren“, sagte eine Sprecherin dem Handelsblatt.
Das Wichtigste in Kürze
- BioNTech hat für die Werke in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein keinen Käufer gefunden und schließt sie, rund 1.800 Stellen fallen weg.
- Das Werk in Tübingen schließt Ende 2027, Marburg folgt Anfang 2028 und Idar-Oberstein Ende 2028. Im Mai hatte BioNTech für alle drei Werke noch Ende 2027 genannt.
- Mit dem Konzernbetriebsrat sind zusätzliche Abfindungsregeln vereinbart, die Konditionen hält BioNTech bislang zurück.
- Verkaufen ließ sich nur die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies mit rund 130 Beschäftigten.
Was hat BioNTech für die drei Werke entschieden?

Gestaffeltes Aus. Als erstes Werk schließt Ende 2027 der frühere CureVac-Sitz in Tübingen, dort arbeiten laut WirtschaftsWoche rund 820 Menschen. Anfang 2028 folgt das Werk auf dem Gelände der Marburger Behringwerke mit rund 540 Beschäftigten,[1] Ende 2028 der Standort Idar-Oberstein mit rund 440.[4] Im Mai hatte BioNTech den Ausstieg aus allen drei deutschen Werken noch bis Ende 2027 geplant und zugleich einen Teil- oder Komplettverkauf in Aussicht gestellt.[2] Mit dem gescheiterten Verkauf ist aus dem Plan ein Beschluss geworden, Marburg und Idar-Oberstein laufen aber länger als angekündigt.
Ein einziger Verkauf. Interne Fachleute und Makler sprachen nach Angaben von BioNTech internationale, nationale und mittelständische Firmen und Investoren an, unter anderem aus der Herstellung von mRNA, Antikörpern und Plasmiden sowie aus der Zell- und Gentherapie. Zu einem Abschluss kam nur die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies: Ein von der Münchner Dubag Group beratener Fonds übernahm Ende August das Geschäft samt rund 130 Beschäftigten.
Warum fand sich für die mRNA-Werke kein Käufer?
Fabriken ohne Auftragsbuch. BioNTech begründet die Schließungen mit Überkapazitäten und geringer Auslastung. Ein Käufer hätte Reinräume und Produktionslinien übernommen, die auf mRNA-Wirkstoffe zugeschnitten sind, aber keine Kundenverträge, die diese Anlagen füllen. Im ersten Halbjahr 2026 schrieb BioNTech 87,0 Millionen Euro auf die Anlagen in Marburg und Idar-Oberstein ab.[3] Der Konzern rechnet also selbst nicht mehr damit, dass die beiden Werke Geld einbringen.
Umsatz statt Anlagen. Der JPT-Verkauf zeigt das Muster: Der Peptid-Dienstleister bringt laufende Forschungskunden mit, ein Käufer übernimmt also Umsatz. Für leere Produktionsanlagen zahlen Investoren dagegen wenig. Boehringer Ingelheim verkauft sein Biologika-Werk in Shanghai zum Basispreis von einem Yuan, nachdem der Umsatz des Werks von 2024 auf 2025 um rund 60 Prozent eingebrochen war. Zugleich schreibt BioNTech Verluste, im ersten Halbjahr 2026 stand ein Minus von 1,35 Milliarden Euro in den Büchern.[3] Investieren will der Konzern in die Krebsmedizin, nicht in die Impfstoffwerke.
Der Verkaufsprozess bei BioNTech hat gezeigt, dass derzeit kein Investor für eine mRNA-Fabrik ohne Kunden zahlt. Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sollten die Zeit bis zur Schließung nutzen, damit die Fachleute aus Reinraum und Qualitätskontrolle in ihren Regionen bleiben.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das Aus für die drei Regionen?
Kritik und Sorge. Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) nannte die Nachricht „bitter“ und bot Unterstützung an, falls sich doch noch eine Chance für die Arbeitsplätze ergibt. Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) rechnet damit, dass die Beschäftigten neue Stellen finden, wegen des Stellenabbaus in der regionalen Pharmabranche aber wohl nicht in Marburg.[1] Der Marburger Betriebsrat hält den Verkaufsprozess laut hessenschau für intransparent. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer verlangte laut dpa, dass BioNTech alle realistischen Möglichkeiten ausschöpft, um Arbeitsplätze zu erhalten. CureVac-Gründer Ingmar Hoerr warf BioNTech laut dpa Täuschung vor, weil bei der Übernahme ein gemeinsames Unternehmen vereinbart gewesen sei.
Zeitfenster für Arbeitgeber. Durch die gestaffelten Termine verteilt sich der Abbau auf gut ein Jahr. Pharma-, Biotech- und Medizintechnikbetriebe im Raum Tübingen und Stuttgart finden ab Ende 2027 erfahrene Fachkräfte für Wirkstoffherstellung, Reinraumbetrieb und Qualitätskontrolle nach GMP-Regeln, in Mittelhessen und an der Nahe folgen sie 2028. Für die Kommunen gilt dasselbe wie bei jeder Werksschließung: Mit den Stellen verlieren Labordienstleister und Zulieferer in der Region Aufträge. Zur Nachnutzung der Gebäude hat BioNTech bislang keine Angaben gemacht.
Quellen
[1] hessenschau: „Ganz schwere Situation“: Biontech-Standort in Marburg schließt, 540 Arbeitsplätze betroffen (28.09.2026, mit Stellungnahmen von BioNTech, Betriebsrat, Oberbürgermeister und Landesregierung)
[2] BioNTech: Mitteilung zum ersten Quartal 2026 (05.05.2026)
[3] BioNTech: Quartalsbericht zum zweiten Quartal und ersten Halbjahr 2026 (04.08.2026)
[4] lokalo.de: Schock für 1.800 Beschäftigte: BioNTech schließt drei Werke (28.09.2026)
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