Die geplante Zuckersteuer könnte den deutschen Zuckerfabriken rund 85.000 Tonnen Absatz im Jahr kosten. So rechnet Michael Engel, der in Anklam die letzte Zuckerfabrik Mecklenburg-Vorpommerns führt. Eigentümer Cosun steckt laut Nordkurier gerade 100 Millionen Euro in das Werk.

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„Das ist in etwa die Kapazität einer kleineren Fabrik“, sagt Engel über die Zuckermenge, die nach seiner Rechnung mit einer Zuckersteuer wegfiele.[1] Zum Kampagnenstart rollen in Anklam wieder Hunderte Lkw am Tag aufs Gelände. Rund 1,8 Millionen Tonnen Rüben von etwa 310 Betrieben verarbeitet die Fabrik im Jahr.[3]

Das Wichtigste in Kürze

  • Cosun-Geschäftsführer Michael Engel beziffert den möglichen Absatzverlust auf rund 85.000 Tonnen Zucker im Jahr.
  • Das Werk in Anklam beschäftigt rund 200 Festangestellte, 25 Auszubildende und 30 Saisonkräfte.
  • Laut Nordkurier fließen 100 Millionen Euro in den Umbau des Werks.
  • Die Abgabe auf Süßgetränke ist politisch gewollt, ein Gesetzentwurf liegt dem Bundestag noch nicht vor.

Was plant die Bundesregierung bei der Zuckersteuer?

Zuckerrübe neben Würfelzuckerstapel mit Preisschild »+38 Cent« auf weißem Grund
Bundesregierung plant ab 2028 eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke mit erwarteten Einnahmen von 450 Millionen Euro jährlich für Gesundheitsprävention

Abgabe ab 2028. Im Juni nannte die Bundesregierung dem Bundestag die Eckdaten einer Abgabe auf zuckergesüßte Getränke: Start 2028, rund 450 Millionen Euro Einnahmen im Jahr, verwendet für die Prävention in der gesetzlichen Krankenversicherung.[2] Vorbild ist die britische Herstellerabgabe.

Entwurf wächst. Ein Arbeitsentwurf aus dem Bundesfinanzministerium sieht einen Start schon 2027 vor, mit Sätzen von 26, 32 und 38 Cent je Liter ab 4,5, 7 und 10 Gramm Zucker pro 100 Milliliter und rund 650 Millionen Euro Einnahmen.[4] Eine Abgabe auf zuckerfreie Getränke mit Süßstoff schloss Finanzminister Lars Klingbeil nach Kritik aus. Die Steuer ist politisch gewollt, doch Sätze und Starttermin sind offen. Einen Gesetzentwurf gibt es noch nicht.

Warum trifft die Steuer die Zuckerfabriken?

Größter Abnehmer. Von 2,86 Millionen Tonnen Zucker, die 2024/25 in Deutschland abgesetzt wurden, gingen rund 513.000 Tonnen in Süßgetränke, mehr als in Süßwaren oder Backwaren.[1] Engel setzt eine Zuckersenkung von rund 15 % bei Erfrischungsgetränken an und bezieht Wein, Sekt, Bier und Spirituosen mit ein. So kommt er auf 85.000 Tonnen im Jahr, knapp 3 % des Inlandsabsatzes.

Markt im Überschuss. Drei Prozent klingen nach wenig. Deutschland erzeugt aber schon heute mehr Zucker, als es verbraucht. Der EU-Zuckerpreis fiel binnen eines Jahres von 767 auf 529 Euro je Tonne. Zucker ohne inländischen Käufer landet im Export zu Weltmarktpreisen. Eine Fabrik trägt ihre Fixkosten das ganze Jahr, produziert aber nur in den wenigen Monaten der Kampagne. Sinkt die Auslastung, steigen die Kosten je Tonne. Um Kapazitäten dem Absatz anzupassen, schloss Südzucker nach der Kampagne 2019 die Werke Warburg und Brottewitz.

Zweites Standbein. Das Werk in Anklam hat einen Puffer: Seit 2008 erzeugt es Bioethanol, seit 2013 auch Biogas.[3] Rübensaft lässt sich statt zu Zucker zu Kraftstoff vergären, ein Ausweg, den reine Zuckerwerke nicht haben.

Zuckersteuer: was in Anklam auf dem Spiel steht
Absatz, Werk und Stand des Vorhabens, 28. September 2026
85.000 t
weniger Zucker im Jahr nach der Rechnung von Cosun-Geschäftsführer Michael Engel, etwa eine kleinere Fabrik
513.000 t
Zucker gingen 2024/25 in Süßgetränke, der größte industrielle Abnehmer vor Süßwaren mit 495.000 t
100 Mio. €
fließen laut Nordkurier in die Modernisierung des Werks Anklam
rund 200
Festangestellte in Anklam, dazu 25 Auszubildende, 30 Saisonkräfte und rund 310 Rübenbetriebe als Lieferanten
Wo die Zuckersteuer steht
Juni 2026
Bundesregierung nennt dem Bundestag Start 2028 und rund 450 Mio. € Einnahmen
August 2026
Arbeitsentwurf des Finanzministeriums: Start 2027, 26 bis 38 Cent je Liter
danach
Klingbeil schließt eine Abgabe auf zuckerfreie Getränke aus
offen
Gesetzentwurf und Beratung im Bundestag
2027 oder 2028
geplanter Start der Abgabe

Die Zuckersteuer zielt auf die Limonade, doch ein Teil der Rechnung landet in Anklam, wo aus Rüben Zucker wird. Eine Steuer mit Lenkungswirkung braucht deshalb eine Folgenabschätzung für die Werke am Anfang der Kette.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für Anklam und die Region?

Investition läuft. Cosun baut das Werk laut Nordkurier für 100 Millionen Euro zu einer der effizientesten Zuckerfabriken Europas um.[1] Einen Zeitraum nennt der Bericht nicht. Das Werk gehört seit 2009 zum niederländischen Konzern Royal Cosun, der daneben zwei Rübenfabriken in den Niederlanden betreibt.[3] Seine Rechnung bezieht Engel auf die Branche, eine Gefahr für das eigene Werk beziffert er nicht.

Land gegen Bund. Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) lehnt die Abgabe ab und setzt auf eine Ernährungsstrategie.[1] Die Verbraucherzentrale Hamburg unterstützt die Steuer dagegen als Gesundheitsschutz und verweist auf Foodwatch-Zahlen, nach denen britische Getränke seit Einführung der Abgabe im Schnitt 29 % weniger Zucker enthalten.[4]

Rezepturen prüfen. Getränkehersteller sollten ihre Rezepturen jetzt an den Schwellen von 4,5, 7 und 10 Gramm messen: Nach dem Arbeitsentwurf spart jede Stufe darunter 6 Cent je Liter, unter 4,5 Gramm entfällt die Abgabe. Jedes Gramm weniger im Getränk verringert später den Absatz der Rübenbauern. Rübenbauern sollten ihre Anbauverträge auf Mengenklauseln prüfen, bevor die Steuer greift. In Süddeutschland fällt die Debatte mit der schwächsten Rübenernte seit der Wiedervereinigung zusammen.

Quellen

[1] Nordkurier: Diese Pläne könnten die letzte verbliebene Fabrik ihrer Art bedrohen (28.09.2026)

[2] Deutscher Bundestag, hib: Bundesregierung nennt Details zu Plänen einer Zuckersteuer (16.06.2026)

[3] Cosun Beet Company: CBC Anklam (abgerufen 28.09.2026)

[4] Verbraucherzentrale Hamburg: Zuckersteuer: Was ist geplant? (abgerufen 28.09.2026)

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