Die Zuckerrübenernte 2026 fällt in Süddeutschland rund ein Drittel niedriger aus als im Vorjahr, die schwächste seit der Wiedervereinigung.[1] Hinter dem Einbruch steckt mehr als die Dürre: Die Schilf-Glasflügelzikade schleppt eine Rübenkrankheit ein, gegen die seit dem Aus der Neonikotinoid-Beize kein Insektizid mehr hilft.[2] Für Südzucker schwindet damit der Rohstoff, noch bevor die Rüben in die Fabrik kommen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAuf den süddeutschen Rübenfeldern wächst die Pflanze im August kaum noch, obwohl gerade jetzt Masse und Zucker in den Rübenkörper einlagern müssten. Der Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer rechnet für 2026 mit rund einem Drittel weniger Ertrag als im Vorjahr.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Rund ein Drittel weniger Zucker in Süddeutschland, die schwächste Ernte seit der Wiedervereinigung.[1]
- Nicht nur die Dürre: Die Schilf-Glasflügelzikade überträgt die Krankheit SBR und senkt den Zuckergehalt um 2 bis 4 Prozentpunkte.[2]
- Seit dem Wegfall der Neonikotinoid-Beize fehlt ein wirksames Insektizid gegen den Überträger.[2]
- Ein gemeinsames Rohstoffsicherungsnetz von Südzucker und Anbauern federt Ausfälle mit bis zu 20 Millionen Euro im Jahr ab.[1]
Warum bricht die Zuckerrübenernte 2026 so tief ein?

Dürre und Hitze haben die Rüben über Wochen im Wachstum gestoppt, doch der eigentliche Verstärker sind zwei Pflanzenkrankheiten: SBR und Stolbur treten 2026 so früh und so großflächig auf wie nie zuvor.[1]
Der Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer erwartet rund ein Drittel weniger Rüben als 2025 und damit die niedrigste Ernte seit der Wiedervereinigung.[1] Fehlende Niederschläge und Hitze schwächen die Pflanzen, und geschwächte Rüben setzen den Erregern wenig entgegen. Der Verlust steht deshalb doppelt zu Buche: weniger Tonnen pro Hektar und weniger Zucker je Tonne.
Was richtet die Schilf-Glasflügelzikade an?
Die Schilf-Glasflügelzikade überträgt die Bakterienkrankheit SBR, das Syndrom der niedrigen Zuckergehalte. Befallene Rüben bilden ein gläsern-durchscheinendes Gewebe und verlieren 2 bis 4 Prozentpunkte an Zuckergehalt.[2]
Das Insekt legt seine Eier im Spätsommer im Rübenfeld ab und überwintert im Boden; die neue Generation entwickelt sich im Getreide und fliegt ab Mai auf die jungen Rüben.[2] Warm-trockene Sommer verschaffen dem Überträger ideale Bedingungen, genau die Witterung, die 2026 die Felder ausdörrt.
Erstmals tauchte SBR 2009 im Raum Heilbronn auf, heute steht die Krankheit flächendeckend. Das Julius Kühn-Institut weist den Erreger inzwischen auch in Kartoffeln und Zwiebeln nach, ein Wirtssprung, der weit über die Zuckerrübe hinausreicht.[3] Gegen die Zikade wirkt kein Insektizid mehr. Seit dem EU-weiten Aus für die neonikotinoiden Beizmittel fehlt der Rübe der frühere Schutz, und die Bekämpfung beschränkt sich auf Fruchtfolge und Feldhygiene.[2]
Das Neonikotinoid-Verbot schützt die Bestäuber und verschiebt die Krankheitslast zugleich auf den Acker. Südzucker zahlt diese Rechnung 2026 in verlorenen Zuckerprozenten.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Überträger: Schilf-Glasflügelzikade
Das Insekt bringt die Bakterienkrankheit SBR auf den Acker. Die Krankheit macht das Rübengewebe gläsern und senkt den Zuckergehalt. Erstmals 2009 bei Heilbronn nachgewiesen, heute auch in Kartoffel und Zwiebel.
Was heißt der Ernteausfall für Unternehmen?
Der Ausfall zeigt, wie schnell ein politisch gewollter Pflanzenschutz und der Klimawandel eine ganze Rohstoffbasis verknappen. Unternehmen mit Agrarrohstoffen im Einkauf sollten Klimarisiken künftig genauso hart kalkulieren wie Wechselkurse.
Südzucker und die Anbauer haben für solche Jahre ein gemeinsames Rohstoffsicherungsnetz aufgespannt, das mit bis zu 20 Millionen Euro im Jahr einspringt, sobald der Ertrag unter 90 Prozent des regionalen Zehnjahresschnitts fällt.[1] Ein solcher Puffer glättet die Spitzen, ersetzt aber keine Rübe, die gar nicht erst wächst.
Der Fall führt vor Augen, welche Branchen der Klimawandel zuerst trifft, nämlich alle, die auf Ernten angewiesen sind, vom Süßwarenhersteller bis zur Getränkeindustrie. Wie sehr der Rohstoff Zucker seit jeher an Wetter und Handel hängt, zeigt schon seine lange Geschichte.
Für Einkäufer heißt das konkret, Lieferverträge breiter zu streuen und den Rohstoff nicht länger als konstante Größe zu behandeln. Resistente Sorten und eine digitale Feldüberwachung mildern das Risiko, verlangen aber Investitionen, lange bevor die nächste Dürre kommt.
Quellen
[1] Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer: „Niedrigste Zuckerrübenernte seit der Wiedervereinigung“
[2] Südzucker, Beratungs- und Informationssystem (BISZ): „Syndrome Basses Richesses (SBR)“
[3] Julius Kühn-Institut: „Erreger der SBR-Krankheit befällt nicht nur Zuckerrübe und Kartoffel, sondern auch Zwiebeln“