Artikel teilen

Der Maschinenbauer Vollmer aus Biberach an der Riß hat beim Amtsgericht Ravensburg Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Betroffen sind rund 450 Beschäftigte am Stammsitz, der Betrieb läuft weiter. Nach Angaben des Sanierungsanwalts Holger Leichtle sind die kommenden sechs Monate durchfinanziert.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Am Dienstagmittag informierte die Geschäftsführung die Belegschaft in einer Betriebsversammlung.[1] Am selben Tag ordnete das Gericht die vorläufige Eigenverwaltung an. Die Geschäftsführung bleibt im Amt, Leichtle von der Kanzlei Görg begleitet sie als Generalbevollmächtigter. Zum vorläufigen Sachwalter bestellte das Gericht den Insolvenzrechtler Franz-Ludwig Danko.[2][3]

Das Wichtigste in Kürze

  • Vollmer hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt, das Verfahren ist noch nicht eröffnet.
  • Betroffen sind rund 450 Beschäftigte in Biberach, die Auslandstöchter nicht.
  • Ein Sanierungsgutachten liegt vor, offen bleibt, ob weitere Stellen wegfallen.
  • Schon im November 2025 hatte Vollmer angekündigt, rund 15 Prozent der Stellen am Stammsitz abzubauen.

Was bedeutet die Eigenverwaltung für die Beschäftigten?

Kreissägeblatt mit Anhänger, beschriftet mit „NACHSCHÄRFEN“ in grüner Schrift, auf weißem Grund
Bundesagentur für Arbeit zahlt drei Monate Löhne über Insolvenzgeld. Vollmer Werke konzentriert sich auf Kernkompetenzen für langfristige Stabilität

Drei Monate lang übernimmt die Bundesagentur für Arbeit über das Insolvenzgeld die Löhne und Gehälter. Danach muss Vollmer die Gehälter wieder selbst zahlen.[1] In dieser Zeit wollen Leichtle und die Geschäftsführung einen Sanierungsplan ausarbeiten. „In der aktuellen Situation fokussieren wir uns auf die Kernkompetenzen der Vollmer Werke, um langfristig stabil zu bleiben“, sagt Leichtle.[3] Ob und wie viele weitere Arbeitsplätze wegfallen, ist noch offen.[4]

Die Tochtergesellschaften im Ausland sind von dem Verfahren nicht erfasst. Laut Schwäbischer Zeitung arbeiten dort weitere rund 200 Menschen.[3] Für die IG Metall kam der Antrag unerwartet. „Ich falle gerade aus allen Wolken“, sagte Gewerkschaftssekretär Eustachio Di Pelo der Zeitung.[4] Für Oberbürgermeister Norbert Zeidler ist Vollmer „ein wichtiger Teil der industriellen Identität Biberachs“.[1]

Warum geriet Vollmer in die Krise?

Vollmer baut seit 1909 Maschinen, die Sägeblätter und Werkzeuge schärfen, schleifen, erodieren oder per Laser bearbeiten. Die Kunden sind Werkzeughersteller, Schärfdienste und Sägewerke. Vor dem Krieg in der Ukraine entfielen auf Russland rund zehn Prozent des Umsatzes, dieses Geschäft brach weg. Hinzu kamen Lieferprobleme, höhere Kosten und Einbrüche in China. Im Sommer 2023 waren rund 250 Beschäftigte in Kurzarbeit.[3]

Im selben Jahr stoppte Vollmer den geplanten Neubau im Gewerbegebiet Flugplatz. Die Kosten waren von 100 Millionen auf rund 150 Millionen Euro gestiegen. Im November 2025 folgte der angekündigte Abbau am Stammsitz, laut SWR fielen Anfang 2026 rund 70 Stellen weg.[1][3]

Die Zahlen der Branche zeigen, warum die Lage eng bleibt, obwohl mehr Aufträge eingehen. Laut dem Branchenverband VDW lagen die Aufträge der deutschen Werkzeugmaschinenhersteller im ersten Halbjahr 2026 um 14 Prozent über dem Vorjahr. Die Produktion sank im selben Zeitraum um 7 Prozent, der Absatz im Inland um 10 Prozent, die Ausfuhr nach China um 24 Prozent. Das Plus kommt vor allem aus der Luftfahrt- und der Rüstungsindustrie. Metallbearbeitung und Autoindustrie bleiben schwach. Aus diesen Branchen kommen viele Abnehmer der Werkzeuge, die auf Maschinen wie denen von Vollmer geschärft werden.[5]

Vollmer: Vom gestoppten Neubau zur Eigenverwaltung
Wie viele Beschäftigte betroffen sind, was die Krise ausgelöst hat und wo das Verfahren steht
rund 450
Beschäftigte am Stammsitz Biberach, für die der Antrag gilt
6 Monate
sind nach Angaben des Generalbevollmächtigten durchfinanziert
rund 10 %
Anteil Russlands am Umsatz vor dem Krieg, dieses Geschäft fiel weg
150 Mio. €
Kosten des neuen Werks zuletzt, 2023 gestoppt (geplant waren 100 Mio. €)
Wo das Verfahren steht
2023
Vollmer stoppt den Neubau, rund 250 Beschäftigte sind in Kurzarbeit.
November 2025
Die Geschäftsführung kündigt an, rund 15 Prozent der Stellen in Biberach abzubauen.
20. Oktober 2026
Antrag beim Amtsgericht Ravensburg, das Gericht ordnet die vorläufige Eigenverwaltung an.
Offen
Eröffnung des Verfahrens und Sanierungsplan, über den die Gläubiger abstimmen.

Wie geht das Verfahren weiter?

Das Verfahren ist beantragt, aber noch nicht eröffnet. Die Geschäftsführung führt das Unternehmen unter Aufsicht des Sachwalters weiter. Über den Sanierungsplan stimmen später die Gläubiger ab. Parallel will Vollmer den Vertrieb im Ausland ausbauen und neue Produkte entwickeln.[2]

Eine schwere Krise hat Vollmer schon einmal überstanden. 2009 brachen die Aufträge um bis zu 70 Prozent ein, das Unternehmen schloss damals seinen Standort in Dornhan bei Rottweil und wuchs danach wieder.[3] Diesmal trifft die Schwäche mehrere Hersteller in Baden-Württemberg zugleich. Groz-Beckert streicht in Albstadt weitere 120 Stellen, Zahoransky prüft den Abbau von bis zu 120 Stellen in Todtnau und Freiburg. Auch beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf stagniert der Umsatz.

Quellen

5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
  1. SWRTraditionsunternehmen Vollmer in Biberach meldet Insolvenz an20.10.2026
  2. Recht & Politik (JPD)Maschinenbauer VOLLMER WERKE meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an20.10.2026
  3. Schwäbische ZeitungSchwäbisches Traditionsunternehmen meldet überraschend Insolvenz an20.10.2026
  4. t-onlineTraditions-Maschinenbauer ist insolvent: 450 Jobs in Gefahr20.10.2026
  5. ProduktionWerkzeugmaschinenbau: Aufträge steigen 2026 um 12 %11.09.2026

Mehr Newshunger?

4,5 15 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?