Ab Euro 7 zählt zum ersten Mal auch der Staub, den Bremsen abgeben. Schaeffler kapselt die Bremse deshalb komplett ein und lässt sie im Ölbad laufen, getestet im DTM-Rennwagen am Nürburgring. Für Zulieferer und Städte hängt daran mehr als ein sauberes Rad.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenBremsfeinstaub gilt lange als blinder Fleck der Abgasdebatte, und genau den nimmt Schaeffler jetzt ins Visier. Beim DTM-Wochenende am Nürburgring vom 14. bis 16. August 2026 fährt der Zulieferer erstmals eine nasslaufende Lamellenbremse im eigenen Innovationstaxi, einem Audi R8 LMS GT2.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Schaeffler testet eine gekapselte, ölgekühlte Lamellenbremse, die keinen Bremsfeinstaub mehr an die Luft abgibt.
- Bremse, Aktuator und Ölkreislauf verschmelzen zu einer Systemeinheit für die elektrische Achse.
- Euro 7 begrenzt den Bremsabrieb ab dem 29. November 2026 erstmals überhaupt: 7 Milligramm je Kilometer, 3 Milligramm für reine Elektroautos.[2]
- Der Renneinsatz liefert die Belastungsdaten für die spätere Serienachse.
Was macht die Nassbremse anders?

Herkömmliche Scheibenbremsen reiben Metall auf Metall und geben den Abrieb offen an die Umgebung ab. Schaefflers Ansatz dreht das Prinzip um: Die Lamellenbremse sitzt gekapselt im Rad der Hinterachse und läuft in Öl, das den Abrieb bindet, statt ihn freizusetzen. Weil äußere Feuchtigkeit nicht mehr an die Reibflächen kommt, rostet nichts, und der Reibwert bleibt stabil.
Für die Wärme sorgt ein eigenes Thermomanagement mit hydraulischen Druck- und Saugpumpen sowie mehreren Wärmetauschern. Bremse, Aktuator und der Öl- sowie Kühlkreislauf wachsen so zu einer einzigen Systemeinheit zusammen, die Schaeffler direkt in die elektrische Achse integrieren will.
Warum wird Bremsfeinstaub jetzt zum Problem?
Je sauberer der Antrieb, desto stärker fällt der Rest ins Gewicht. Da Elektroautos keinen Auspuff mehr haben, stammt ihr Feinstaub fast nur noch aus Reifen und Bremsen, und schwere Akkus belasten die Bremsen zusätzlich. Rekuperation nimmt zwar Last von der Reibbremse, ersetzt sie aber nicht.
Die EU zieht daraus Konsequenzen. Mit der Euro-7-Verordnung begrenzt Brüssel den Bremsabrieb erstmals überhaupt, gemessen nach der UN-Norm GTR Nr. 24: 7 Milligramm je Kilometer für Verbrenner, 3 Milligramm für reine Elektroautos.[2] Neue Fahrzeugtypen müssen die Grenze ab dem 29. November 2026 einhalten, alle Neuwagen bis Ende 2027.
Schaeffler steht damit nicht allein. Fraunhofer-Forscher setzen auf Edelstahlscheiben mit über 85 Prozent weniger Abrieb, andere Hersteller beschichten die Scheibe oder filtern den Staub aktiv ab. Die Nassbremse geht am weitesten, weil sie den Staub gar nicht erst entstehen lässt.
Euro 7 macht aus einem unsichtbaren Problem einen messbaren Wettbewerb. Ein Zulieferer, der den Bremsabrieb an der Quelle abstellt statt ihn nur zu filtern, verkauft künftig saubere Kilometer statt Ersatzteile.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was heißt das für Zulieferer und Städte?
Für die deutsche Zulieferindustrie ist der Zeitpunkt heikel. Schaeffler steckt mitten im teuren Umbau zur Elektromobilität und musste die Mittelfristziele bis 2028 gerade kappen. Eine gefragte Neuheit für die E-Achse käme da gelegen.
Auch für Städte zählt der Effekt. Bremsabrieb treibt den Feinstaub an viel befahrenen Straßen mit an, weshalb Umweltzonen und Fahrverbote bislang am Auspuff ansetzten und die Bremse ausklammerten. Sinkt der Abrieb an der Quelle, verliert eine pauschale Sperre wie die Pariser Niedrigemissionszone einen Teil ihrer Begründung.
Der Trend zu hochintegrierten E-Antrieben zeigt sich auch anderswo, etwa als Mercedes die Serienproduktion eines elektrischen Axialflussmotors aufnahm. Bis Schaefflers gekapselte Bremse die Serie erreicht, vergehen aber Jahre, und vorerst liefert der Renneinsatz nur die Auslegungsdaten für die spätere Achse. Andreas Wassmer, Leiter Konzeptfahrzeug-Entwicklung bei Schaeffler, nennt sie die Grundlage für die Auslegung einer effizienten Beölungsstrategie für zukünftige E-Achsen mit integriertem Bremssystem.
So bindet die Nassbremse den Staub
Für Fuhrparkverantwortliche lohnt der Blick auf die Bremse schon vor der Serienreife. Bei Neuwagen ab 2027 gehört die Euro-7-Konformität der Bremsen in die Ausschreibung, nicht in die Fußnote.
Quellen
[1] Schaeffler: „Sauber, leise und langlebig: Schaeffler testet neue Bremsentechnologie im DTM-Innovationstaxi auf dem Nürburgring“
[2] Verordnung (EU) 2024/1257 (Euro 7): Amtsblatt der Europäischen Union
