Nachrichtenkonsum steht bei immer mehr Menschen unter Verdacht, mehr zu schaden als zu nutzen. In Deutschland meiden 71 Prozent der Internetnutzer die Nachrichten zumindest zeitweise, weltweit 40 Prozent. Der häufigste Grund: die gedrückte Stimmung danach. Ob die Abschalter am Ende die Klügeren sind, bleibt trotzdem offen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenNach zwanzig Minuten Scrollen durch die Schlagzeilen bleibt oft ein diffuses Unbehagen zurück: leicht gereizt, vage beunruhigt, ohne dass sich am eigenen Tag etwas geändert hätte. Genau dieses Gefühl treibt immer mehr Menschen in die bewusste Nachrichtenpause. Ob weniger Information zu mehr Zufriedenheit führt oder nur zu einem größeren blinden Fleck, ist die eigentliche Frage.
Das Wichtigste in Kürze
- Weltweit meiden 40 Prozent der Menschen Nachrichten zumindest zeitweise, in Deutschland sogar 71 Prozent (Reuters Institute, 2025).
- Nachrichten sind systematisch negativ gewichtet, deshalb schätzen Vielseher die Welt pessimistischer ein, als die Daten hergeben.
- Ein problematischer Dauerkonsum betrifft rund 16,5 Prozent und geht mit deutlich mehr psychischem und körperlichem Unwohlsein einher (Texas Tech University, 2022).
- Der gesündere Weg ist selten der Totalverzicht, sondern eine bewusste Nachrichtendiät mit festen Zeiten und besseren Quellen.
Wie viele Menschen schalten die Nachrichten inzwischen bewusst ab?

So viele wie nie zuvor: Weltweit meiden 40 Prozent der Befragten Nachrichten zumindest gelegentlich, 2017 lag der Wert noch bei 29 Prozent. In Deutschland erreicht die Nachrichtenvermeidung laut Reuters Institute und Hans-Bredow-Institut inzwischen 71 Prozent.
Der Reuters Institute Digital News Report befragt jedes Jahr über 95.000 Menschen in fast 50 Ländern. Die Kurve zeigt seit 2017 klar nach oben. Damals wich nur gut ein Viertel den Schlagzeilen aus, heute liegt der Anteil bei zwei von fünf. Besonders ausgeprägt ist die Müdigkeit bei jungen Erwachsenen: 43 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland fühlen sich von der schieren Menge erschöpft.
Die Gründe hat der Report fein aufgeschlüsselt. Weltweit klagen 39 Prozent über den negativen Einfluss auf die eigene Stimmung, 31 Prozent fühlen sich schlicht überfordert, 30 Prozent stören sich an der Dauerpräsenz von Krieg und Konflikt. Ein Fünftel nennt das Gefühl der Ohnmacht, ohnehin nichts ändern zu können.
| Grund fürs Wegschalten | Weltweit | Deutschland |
|---|---|---|
| Negative Wirkung auf die Stimmung | 39 % | 48 % |
| Überforderung durch die Nachrichtenmenge | 31 % | 43 % (18–24 Jahre) |
| Zu viel Krieg und Konflikt | 30 % | 39 % |
| Gefühl der Ohnmacht | 20 % | ohne Wert |
Hinter dem Rückzug steckt auch ein Vertrauensproblem. In Deutschland halten nur noch 45 Prozent die meisten Nachrichten für glaubwürdig, ein Wert, der seit 2015 um 15 Punkte gefallen ist. Aus Misstrauen gegenüber den Absendern und gleichzeitiger Überforderung wächst die Neigung, ganz abzuschalten.
Hinter der Vermeidung steckt ein Widerspruch. Dieselben Menschen, die abschalten, sind keineswegs desinteressiert: 55 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als stark interessiert, 91 Prozent nutzen Nachrichten mehr als einmal pro Woche. Die Vermeidung richtet sich nicht gegen das Wissen an sich, sondern gegen die Dauerbeschallung und ihren emotionalen Preis.
Die Richtung dieser Zahlen wiegt schwerer als ihre Höhe. Nachrichtenvermeidung galt lange als Randverhalten von Desinteressierten, inzwischen erfasst das Muster die informierte Mitte, die sich bewusst schützt. Genau darin liegt die eigentliche Zäsur.
Nachrichtenvermeidung ist vom Nischenverhalten zur Massenbewegung geworden: Weltweit meiden 40 Prozent, in Deutschland 71 Prozent zumindest zeitweise. Der Auslöser ist selten Desinteresse, sondern Selbstschutz vor gedrückter Stimmung.
Warum machen Nachrichten pessimistischer, als die Welt wirklich ist?

Weil Nachrichten das Seltene und Schlechte zeigen, nicht das Häufige und Gute. Diese Negativitätsverzerrung lässt Vielseher die Lage düsterer einschätzen, als die Daten hergeben: Im globalen Faktentest von Hans Rosling beantworteten Befragte im Schnitt nur 2,2 von 12 Fragen richtig, schlechter als reines Raten.
Redaktionen sind keine Statistikämter, sondern Aufmerksamkeitsökonomen. Ein abgestürztes Flugzeug wird zur Schlagzeile, während die 100.000 sicher gelandeten Maschinen desselben Tages niemand vermeldet. Genau diese Auswahl beschreibt das Prinzip if it bleeds, it leads. Die Forschung von Marc Trussler und Stuart Soroka zeigt: Selbst Menschen, die sich mehr gute Nachrichten wünschen, klicken im Test verlässlich auf die schlechten.
Der psychologische Verstärker heißt Verfügbarkeitsheuristik, ein von Daniel Kahneman und Amos Tversky beschriebener Denkfehler. Was leicht erinnerbar ist, wirkt häufiger als sein realer Anteil. Wer abends Bilder von Gewalt und Katastrophen sieht, überschätzt danach systematisch deren Wahrscheinlichkeit.
Dass negative Meldungen tiefer wirken, lässt sich sogar körperlich messen. Ein internationales Team um den Politikwissenschaftler Stuart Soroka zeichnete 2019 in 17 Ländern die Reaktionen von rund 1.100 Probanden auf und fand bei negativen Nachrichten stärkere Ausschläge von Hautleitfähigkeit und Herzschlag als bei positiven. Der Reflex sitzt tief, wenn auch nicht in jedem Land gleich stark.
Neu ist der Effekt nicht. Schon in den 1970er-Jahren beschrieb der Kommunikationsforscher George Gerbner das Mean-World-Syndrom: Vielseher hielten die Welt für gefährlicher, als die Kriminalstatistik hergab. Die endlosen Feeds von heute verstärken dasselbe Muster, nur schneller und rund um die Uhr statt zur abendlichen Sendezeit.
Gefühlte gegen tatsächliche Entwicklung der extremen Armut
Nur rund 10 Prozent der Befragten wussten, dass die weltweite extreme Armut in zwei Jahrzehnten stark gesunken ist.
Wie groß die Lücke zwischen Gefühl und Faktenlage ausfällt, hat der schwedische Arzt Hans Rosling mit seinem Ignoranztest belegt. Auf die Frage nach der weltweiten extremen Armut tippte die Mehrheit auf Anstieg, obwohl sich der Anteil in zwei Jahrzehnten fast halbiert hat. Dieses verzerrte Bedrohungsgefühl erklärt, warum das Sicherheitsempfinden vieler Menschen hinter der realen Lage zurückbleibt; an anderer Stelle haben wir beleuchtet, warum Sicherheit oft eine Illusion bleibt.
Für Entscheider hat die Verzerrung handfeste Folgen. Bei der Einschätzung von Märkten, Standorten oder Risiken folgt mancher unbewusst dem Bedrohungston der Schlagzeilen und plant zu defensiv, statt Chancen zu sehen. Ein nüchterner Blick auf die Primärdaten schlägt hier jede Eilmeldung. Der Geschäftsalltag belohnt die ruhige Einordnung, nicht die schnelle Aufregung.
Nachrichten bilden nicht die Welt ab, sondern ihre Ausnahmen. Das Ergebnis ist ein verzerrtes Weltbild, in dem der Fortschritt unsichtbar bleibt und das Seltene alltäglich wirkt.
Was richtet der ständige Nachrichtenstrom in Kopf und Körper an?

Bei maßvollem Konsum wenig, bei zwanghaftem Dauerkonsum messbar viel. Die Texas Tech University stufte 2022 rund 16,5 Prozent der Befragten als problematische Vielnutzer ein. Von ihnen berichteten 73,6 Prozent starkes psychisches Unwohlsein, gegenüber 8 Prozent bei allen anderen.
Der Fachbegriff für dieses Muster lautet problematischer Nachrichtenkonsum, im Alltag besser bekannt als Doomscrolling. Gemeint ist das zwanghafte Weiterwischen durch schlechte Meldungen, das die Stimmung senkt und trotzdem nicht endet. Die Betroffenen berichteten in der Studie nicht nur häufiger von Ängsten, sondern auch von körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen und Erschöpfung.
Besonders tückisch ist der Konsum am späten Abend. Der Griff zum Handy nach schlechten Meldungen kurz vor dem Einschlafen hält das Nervensystem in Alarmbereitschaft und verschiebt den Schlaf nach hinten. Aus einem einzelnen schlechten Tag wird so leicht ein Muster aus Unruhe und Übermüdung, das die nächste Meldung noch schwerer verdaulich macht.
Die American Psychological Association misst diesen Effekt schon länger. In ihrer Erhebung Stress in America gaben 56 Prozent der Erwachsenen an, die Nachrichtenlage bereite ihnen Stress, während zugleich 72 Prozent überzeugt waren, die Medien bauschten Ereignisse auf. Beide Zahlen stammen aus einer Zeit vor der jüngsten Krisenserie, die Belastung dürfte seither eher gewachsen sein.
Der Dauerstrom trifft auf eine ohnehin krisenmüde Öffentlichkeit. In einer Folgeerhebung der American Psychological Association aus dem Frühjahr 2022 sprachen 87 Prozent der Befragten von einem konstanten Strom an Krisen, 73 Prozent fühlten sich von der bloßen Zahl der Weltprobleme überwältigt. Nachrichten liefern dieser Erschöpfung täglich neuen Stoff.
Wichtig bleibt die Richtung der Erkenntnis: Die Studien belegen einen Zusammenhang, keine simple Ursache. Nicht jede Nachricht macht krank, aber ein unkontrollierter Strom kann eine ohnehin angespannte Psyche zusätzlich belasten. Den Strom ganz abzustellen ist nicht nötig, um gegenzusteuern; konkrete Ansätze liefert unser Ratgeber zur Resilienz in turbulenten Zeiten.
- Korrelation, keine Ursache: Vielnutzer berichten häufiger von Ängsten, ein einfacher Kausalpfeil fehlt.
- Körper reagiert mit: Schlafstörungen und Erschöpfung treten bei problematischem Konsum gehäuft auf.
- Maß entscheidet: Nicht die Nachricht schadet, sondern der pausenlose Strom.
Nachrichten abschalten beruhigt kurzfristig, macht aber blind fürs Wesentliche. Die klügere Kur heißt Nachrichtendiät: feste Zeiten, wenige gute Quellen und der Mut, die restlichen 40 Prozent Aufregung ziehen zu lassen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wären wir ohne Nachrichten wirklich glücklicher oder nur ahnungsloser?

Vermutlich beides. Weniger negative Meldungen heben nachweislich die Stimmung, doch der komplette Ausstieg kostet Orientierung und Mitsprache. Der Verzicht kauft Ruhe auf Kosten des Überblicks, weshalb Fachleute weniger zum Abschalten als zum bewussten Auswählen raten.
Am weitesten treibt der Schweizer Autor Rolf Dobelli die These. In seinem Buch Die Kunst des digitalen Lebens vergleicht er Nachrichten mit Zucker: leicht verdaulich, kurz befriedigend und auf Dauer schädlich. Dobelli selbst lebt seit Jahren nachrichtenfrei und beschreibt mehr Zeit, weniger Angst und einen klareren Kopf.
Nicht alle steigen aus Erschöpfung aus. 19 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland halten Nachrichten schlicht für irrelevant für ihr Leben, ein Signal, das Redaktionen alarmieren sollte. Der Kognitionsforscher Steven Pinker hält in seinem Buch Aufklärung jetzt dagegen, dass gerade der Nachrichtenblick den langfristigen Fortschritt übersieht, den nüchterne Langzeitdaten belegen.
So bestechend die Rechnung klingt, ihre Kehrseite wiegt schwer. Eine Demokratie lebt von Bürgern, die informiert genug sind, um mitzureden und Machtmissbrauch zu bemerken. Totaler Rückzug schützt die eigene Stimmung und überlässt zugleich das Feld denen, die ohnehin lauter sind. Zwischen Doomscrolling und Blackout verläuft deshalb die eigentlich interessante Linie.
Kompletter Verzicht
- Spürbar weniger Anspannung und bessere Laune
- Mehr Zeit und Ruhe für konzentriertes Arbeiten
- Wachsender blinder Fleck bei wichtigen Themen
- Weniger Orientierung und Mitsprache im Alltag
Bewusste Nachrichtendiät
- Feste Lesezeiten statt ständiger Unterbrechung
- Zwei bis drei verlässliche Quellen statt offener Feeds
- Push-Meldungen aus, Zusammenfassung statt Eilmeldung
- Konstruktive Formate, die einordnen und Lösungen zeigen
Studien fanden bei konstruktiven, lösungsorientierten Nachrichten eine bessere Stimmung als bei klassischer Negativberichterstattung.
Die Forschung zum konstruktiven Journalismus liefert dafür den empirischen Boden. Ein Überblick über einschlägige Studien fand in 13 von 14 Fällen eine bessere Stimmung, sobald Berichte nicht nur das Problem, sondern auch Wege zu seiner Lösung zeigten. Optimismus entsteht demnach nicht durch Wegsehen, sondern durch besseres Hinsehen.
Der Totalverzicht tauscht Ruhe gegen Ahnungslosigkeit und überlässt das Feld den Lautesten. Glücklicher und zugleich informiert bleibt nur die bewusste Auswahl, nicht der gezogene Stecker.
Wie gelingt eine gesunde Nachrichtendiät statt Totalverzicht?

Mit Struktur statt Verzicht. Feste Lesezeiten, wenige verlässliche Quellen und abgeschaltete Push-Meldungen senken die Belastung, ohne uninformiert zu machen. Wichtiger als die Menge ist die Auswahl: einordnende Formate schlagen die endlose Eilmeldungsspirale.
Der erste Schritt kostet nichts und wirkt sofort: Push-Benachrichtigungen abschalten. Jede unterbrechende Meldung erzeugt einen kleinen Stressreiz und reißt aus der Konzentration, ohne dass die Information wirklich eilt. Zwei feste Nachrichtenfenster am Tag, morgens und am frühen Abend, reichen für den Überblick völlig aus.
Der zweite Schritt betrifft die Qualität statt die Quantität. Zwei bis drei verlässliche Quellen mit Einordnung schlagen ein Dutzend offener Feeds, die nur Schlagzeilen aneinanderreihen. Konstruktive und lösungsorientierte Formate liefern denselben Faktenkern, ohne den Leser in Ohnmacht zurückzulassen.
Der dritte Schritt zielt auf das Gefühl der Handlungsfähigkeit. Mit einer reinen Problemschau schwindet der Antrieb, überhaupt etwas zu tun; Formate, die auch Auswege zeigen, kehren diesen Effekt um. In vier von fünf Studien stärkten konstruktive Berichte die Selbstwirksamkeit, also die Zuversicht, selbst etwas bewegen zu können.
Ein Beispiel aus dem Alltag zeigt, wie einfach der Wechsel gelingt. Statt morgens direkt in den offenen Feed zu greifen, ersetzt ein kuratierter Überblick am Frühstückstisch die Reizflut durch Einordnung. Ein einziger vertiefender Wochenrückblick fängt die wirklich wichtigen Entwicklungen auf. Der Nachrichtenwert bleibt erhalten, der Stresspegel sinkt spürbar.
Am Ende ist die Nachrichtendiät kein Medienthema, sondern eine Frage des Maßes, wie beim Essen oder beim Geld. Nachrichten funktionieren wie ein Rauchmelder, der zwar wichtig ist, aber nicht rund um die Uhr schrillen sollte, nur weil drei Straßen weiter jemand Toast verbrennt. Damit läuft alles auf dieselbe Frage hinaus wie bei jedem Konsum, nämlich wann genug wirklich genug ist.
- Push aus: Unterbrechungen erzeugen Stress ohne echten Zeitgewinn.
- Feste Fenster: Zwei kurze Nachrichtenzeiten pro Tag genügen für den Überblick.
- Quelle vor Menge: Wenige einordnende Quellen schlagen den offenen Feed.
Glossar: 12 wichtige Begriffe zum Nachrichtenkonsum

Digital News Report
Digital News Report ist die jährliche Studie des Reuters Institute an der Universität Oxford zur Nachrichtennutzung. Die Erhebung befragt über 95.000 Menschen in fast 50 Ländern und gilt als wichtigste internationale Quelle zu Reichweite, Vertrauen und Vermeidung von Nachrichten.
Doomscrolling
Doomscrolling bezeichnet das zwanghafte, oft stundenlange Weiterlesen negativer Meldungen, obwohl der Vorgang die Stimmung verschlechtert. Der Begriff verbindet das englische doom, also Unheil, mit dem endlosen Scrollen in sozialen Netzwerken und Nachrichten-Apps.
Factfulness
Factfulness ist ein von Hans Rosling geprägter Begriff für eine faktenbasierte Weltsicht. Er beschreibt die Gewohnheit, Meinungen nur auf belastbare Daten zu stützen und dem verbreiteten Hang zur pessimistischen Fehleinschätzung globaler Trends bewusst entgegenzuwirken.
Konstruktiver Journalismus
Konstruktiver Journalismus ergänzt die klassische Berichterstattung um Lösungsansätze und Zukunftsperspektiven, ohne Probleme zu beschönigen. Studien zeigen, dass solche Formate die Stimmung und die Handlungsbereitschaft der Leser stärker fördern als reine Negativberichterstattung.
Mean-World-Syndrom
Mean-World-Syndrom bezeichnet die Neigung, die Welt für gefährlicher zu halten, als sie ist, weil Medien überproportional über Gewalt und Bedrohung berichten. Der Kommunikationsforscher George Gerbner prägte den Begriff im Rahmen seiner Kultivierungstheorie.
Nachrichtendiät
Nachrichtendiät meint den bewussten, dosierten Umgang mit Nachrichten statt des ständigen Konsums. Typische Elemente sind feste Lesezeiten, abgeschaltete Push-Meldungen und eine kleine Auswahl verlässlicher Quellen, um informiert zu bleiben und zugleich die eigene Belastung zu senken.
Nachrichtenmüdigkeit
Nachrichtenmüdigkeit, englisch news fatigue, beschreibt die Erschöpfung durch eine als zu groß empfundene Nachrichtenmenge. Besonders jüngere Nutzer berichten davon; in Deutschland fühlen sich 43 Prozent der 18- bis 24-Jährigen von der Fülle an Meldungen ausgelaugt.
Nachrichtenvermeidung
Nachrichtenvermeidung, englisch news avoidance, bezeichnet das bewusste zeitweise oder dauerhafte Ausblenden von Nachrichten. Der Reuters Institute Digital News Report unterscheidet zwischen gelegentlichem und konsequentem Vermeiden und misst weltweit einen historischen Höchststand.
Negativitätsverzerrung
Negativitätsverzerrung, englisch negativity bias, ist die Tendenz, negativen Reizen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als positiven. In der Nachrichtennutzung sorgt dieser Hang dafür, dass schlechte Meldungen stärker wirken und häufiger ausgewählt werden, obwohl viele sich mehr Positives wünschen.
Problematischer Nachrichtenkonsum
Problematischer Nachrichtenkonsum beschreibt einen zwanghaften Umgang mit Nachrichten, der Alltag, Schlaf und Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Texas Tech University ordnete 2022 rund 16,5 Prozent der Befragten diesem Muster zu, das eng mit erhöhtem psychischem und körperlichem Unwohlsein einhergeht.
Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Nachrichten, die nur Probleme ohne Lösungen zeigen, schwächen dieses Gefühl; konstruktive Formate stärken die Selbstwirksamkeit und erhöhen so nachweislich die Bereitschaft, aktiv zu werden.
Verfügbarkeitsheuristik
Verfügbarkeitsheuristik ist ein von Daniel Kahneman und Amos Tversky beschriebener Denkfehler: Leicht erinnerbare Ereignisse wirken wahrscheinlicher als ihr realer Anteil. Dramatisch bebilderte Nachrichten bleiben besonders gut haften und lassen seltene Gefahren im Kopf größer erscheinen.
FAQ: Wären wir ohne Nachrichtenkonsum glücklicher und optimistischer?

Ist ständiger Nachrichtenkonsum ungesund?
Ein maßvoller Nachrichtenkonsum schadet nicht, ein zwanghafter Dauerstrom dagegen schon. Eine Studie der Texas Tech University ordnete 2022 rund 16,5 Prozent der Befragten als problematische Vielnutzer ein, die deutlich häufiger über psychisches und körperliches Unwohlsein klagten. Entscheidend ist also nicht das Ob, sondern das Wie viel und Wie.
Was bedeutet Doomscrolling?
Doomscrolling beschreibt das zwanghafte, oft stundenlange Weiterlesen negativer Nachrichten, obwohl der Vorgang die Stimmung verschlechtert. Der Begriff verbindet das englische doom (Verhängnis) mit dem Scrollen. Typisch sind Endlos-Feeds am Abend, die Anspannung erzeugen, statt zu informieren.
Macht Nachrichtenverzicht wirklich glücklicher?
Weniger negative Nachrichten heben messbar die Stimmung, ein kompletter Verzicht hat aber Schattenseiten. Ganz ohne Nachrichten schwinden Orientierung und Mitsprache. Die Forschung zum konstruktiven Journalismus zeigt einen Mittelweg: lösungsorientierte Berichte verbessern Stimmung und Zuversicht, ohne blind zu machen.
Wie viele Nachrichten am Tag sind gesund?
Eine feste Zahl gibt die Forschung nicht vor, sinnvoll sind ein bis zwei bewusste Nachrichtenfenster pro Tag von je zehn bis zwanzig Minuten. Wichtiger als die Menge ist die Struktur: feste Zeiten statt ständiger Unterbrechung und wenige verlässliche Quellen statt eines offenen Feeds.
Wie fange ich mit einer Nachrichtendiät an?
Beginnen Sie mit drei einfachen Schritten: Push-Benachrichtigungen abschalten, feste Lesezeiten einrichten und die Zahl der Quellen auf zwei bis drei verlässliche reduzieren. Ersetzen Sie das morgendliche Scrollen durch eine Tageszusammenfassung oder einen Newsletter, der einordnet, statt nur zu alarmieren.
Darf man Nachrichten guten Gewissens meiden?
Nachrichten ganz zu meiden ist kein moralisches Versagen, kann aber die Teilhabe schwächen. Eine informierte Öffentlichkeit braucht Menschen, die Bescheid wissen. Der tragfähige Kompromiss ist die bewusste Auswahl: relevante Themen vertiefen, den Rest bewusst ausblenden, statt sich von jeder Eilmeldung treiben zu lassen.
Quellen
- Reuters Institute for the Study of Journalism | Digital News Report 2025, Executive Summary | https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/digital-news-report/2025/dnr-executive-summary | besucht am 11.08.2026
- Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut | German Findings of the Reuters Institute Digital News Report 2025 | https://leibniz-hbi.de/en/hbi-news/pressinfo/german-findings-of-the-reuters-institute-digital-news-report-2025/ | besucht am 11.08.2026
- Texas Tech University | Newsflash: We Have a Problem (McLaughlin, Gotlieb, Mills; Health Communication) | https://today.ttu.edu/posts/2022/09/NewsReleases/Newsflash-We-Have-a-Problem | besucht am 11.08.2026
- American Psychological Association | Stress in America 2017: The State of Our Nation | https://www.apa.org/news/press/releases/2017/11/lowest-point | besucht am 11.08.2026
- Gapminder Foundation | Highlights from Ignorance Survey in the UK | https://www.gapminder.org/news/highlights-from-ignorance-survey-in-the-uk/ | besucht am 11.08.2026
- Constructive Institute | Research Overview: What are the effects of constructive journalism? | https://constructiveinstitute.org/research-overview-effects/ | besucht am 11.08.2026
- Soroka, Fournier, Nir (PNAS) | Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news | https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31481621/ | besucht am 11.08.2026