Jensen Huang hält die KI-Destillation für Wettbewerb und nicht für Diebstahl. Damit widerspricht der Nvidia-Chef US-Finanzminister Scott Bessent, der chinesischen Modellbauern im Juli mit Sanktionen gedroht hatte. Am selben Tag warf Papst Leo XIV. dem Nvidia-Chef vor, jede staatliche Regulierung abzulehnen.

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Jensen Huang sollte am Montag in der CNBC-Sendung Squawk Box eine Frage zur KI-Destillation beantworten: Sei das Training eines Modells mit den Antworten eines fremden Modells etwa kein Raub? „Das nennt man Wettbewerb“, antwortete der Nvidia-Chef.[1] Mit dem Satz stellt sich Huang gegen die Linie der US-Regierung, die chinesische KI-Labore genau dieser Praxis beschuldigt. Am heutigen Dienstag gehört Huang laut Reuters zu den KI-Chefs, die Präsident Donald Trump ins Weiße Haus eingeladen hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nvidia-Chef Jensen Huang nannte die KI-Destillation am 28. September im US-Sender CNBC „Wettbewerb“.
  • US-Finanzminister Scott Bessent spricht von Diebstahl und drohte im Juli mit Sanktionen gegen ausländische Modellbauer.
  • Papst Leo XIV. kritisierte Huang am selben Tag, weil dieser Grenzen und staatliche Regeln für KI ablehne.
  • Das deutsche Geschäftsgeheimnisgesetz erlaubt ausdrücklich, öffentlich verfügbare Produkte zu testen. Den Schutz liefern vor allem die Nutzungsbedingungen.

Was hat Jensen Huang zur KI-Destillation gesagt?

Glasbrennerei auf Podest, Sprechblasen in Kolben, Anhänger „Nur Wettbewerb“, Tropfen
Ein kleineres Schüler-Modell lernt von einem starken Lehrer-Modell und übernimmt dessen Fähigkeiten bei geringeren Trainingskosten

Bei der Destillation lernt ein kleineres Schüler-Modell aus den Antworten eines starken Lehrer-Modells und übernimmt dessen Können zu einem Bruchteil der Trainingskosten. Huang verglich das mit der Untersuchung fremder Hardware: „Man darf die Produkte anderer testen, so viel man will.“ Auch Nvidias eigene Produkte würden mitunter bis ins letzte Bauteil zerlegt, damit Konkurrenten verstehen, wie sie funktionieren.[1] Begeistert zeigte sich der Nvidia-Chef davon nicht: „Mir wäre es wirklich lieber, niemand lernte von unseren Produkten und wir könnten einfach gemütlich weiterfahren. Aber ehrlich gesagt macht Wettbewerb alles besser.“

Den Schutz vor Destillation sieht Huang bei den Modellanbietern selbst, nicht beim Staat: „Gefällt einem das nicht, will man nicht, dass Leute die eigenen Produkte nutzen, dann muss man nur seine Kunden kennen und den Dienst abschalten.“[1] Das Weiße Haus reagierte laut CNBC zunächst nicht auf eine Anfrage.

Washington sieht den Vorgang anders. Im Juli sagte Bessent dem Sender Fox Business, die USA könnten ausländische Modelle „wegen dieses Diebstahls“ sanktionieren, falls diese bei amerikanischen Firmen stehlen. Am 8. September warfen NSA, FBI und CISA in einem gemeinsamen Sicherheitshinweis sechs chinesischen Firmen vor, US-Modelle im industriellen Maßstab abgeschöpft zu haben, darunter DeepSeek, Alibaba und Moonshot.[2] Die Vorwürfe der US-Behörden wies die chinesische Botschaft zurück. Sanktionen hat die US-Regierung bislang nicht verhängt, der Streit steht auf der Stufe von Vorwürfen und Drohungen.

Warum stellt sich Huang gegen die Regierung?

Einen Teil der Antwort findet man in Nvidias Kundenliste. Alibaba steht auf der Liste der US-Behörden und will zugleich neue Nvidia-Chips kaufen. Chinas Industrieministerium stellt Alibaba und ByteDance nach einem Bericht von The Information den Kauf der neuen RTX Pro 5500 in Aussicht. US-Sanktionen gegen chinesische Modellbauer könnten damit auch Nvidia-Kunden treffen. Wie stark der Konzern von den Rechenzentren der KI-Labore lebt, zeigt unsere Analyse des Nvidia-Geschäftsmodells.

Huangs Antwort passt außerdem zu seiner bisherigen Linie. Erst vor wenigen Tagen setzte der Nvidia-Chef in einem Podcast auf Haftung statt auf neue KI-Gesetze. Auch bei der Destillation schiebt Huang die Verantwortung zu den Laboren: Anbieter eines Modells mit Schnittstelle sollen ihre Kunden prüfen und Missbrauch selbst stoppen. Genau an dieser Stelle setzt allerdings der Sicherheitshinweis an. Nach Darstellung der US-Behörden verschleierten die Angreifer ihre Herkunft über gefälschte Konten, Zwischenhändler und geteilte Premium-Abos.[2] Die Kundenprüfung, auf die Huang verweist, haben sie also gezielt umgangen.

Gegenwind kam am Montag auch vom Papst. Auf dem Rückflug von Metz nach Rom sagte Papst Leo XIV. vor Journalisten, die Sorgen der KI-Fachleute seien keine Fake News. Laut Reuters hatte der Papst gelesen, dass der Nvidia-Chef Schutzmechanismen für KI-Modelle angekündigt habe. Nvidia hatte am selben Tag eine Plattform zur Überwachung von KI-Agenten vorgestellt. Der Papst blieb skeptisch: „Er ist allerdings derselbe, der sagt, es solle keine Grenzen und keine staatliche Regulierung geben.“ Huang hatte dem Sender CBS News laut Reuters in diesem Monat gesagt, er halte die Sicherheitsbedenken wie Trump für übertrieben. Leo XIV. hatte der künstlichen Intelligenz im Mai seine erste Enzyklika gewidmet.

KI-Destillation: Wettbewerb oder Diebstahl?
Die Positionen im Streit um das Lernen aus fremden KI-Modellen
Jensen Huang

Wettbewerb: Anbieter sollen ihre Kunden prüfen und den Dienst bei Missbrauch abschalten (CNBC, 28.09.)

Scott Bessent

Diebstahl: Sanktionen gegen ausländische Modelle möglich (Fox Business, Juli)

NSA, FBI, CISA

Kampagne: sechs chinesische Firmen sollen US-Modelle über gefälschte Konten abgeschöpft haben (08.09.)

Papst Leo XIV.

Kritik: KI-Sorgen sind keine Fake News, Huang lehne Grenzen und Regulierung ab (28.09.)

Deutsches Recht

Testen erlaubt: § 3 GeschGehG lässt das Untersuchen öffentlich verfügbarer Produkte zu

Der Stand des Streits
  1. Juni 2026VorwurfAnthropic wirft Alibaba die Extraktion von Claude-Fähigkeiten vor
  2. Juli 2026DrohungBessent droht ausländischen Modellbauern mit Sanktionen
  3. 8. SeptemberWarnungUS-Behörden nennen sechs chinesische Firmen, die Botschaft weist das zurück
  4. 28. SeptemberWiderspruchHuang nennt Destillation Wettbewerb
  5. offenSanktionenBisher hat die US-Regierung keine verhängt

Huang verteidigt keine chinesischen Labore, sondern sein Geschäftsmodell: Käufer gibt es auf beiden Seiten des Pazifiks. Für europäische Anbieter heißt das, ihre Modelle per Vertrag und Kundenprüfung selbst zu schützen, statt auf Sanktionen aus Washington zu hoffen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet der Streit für Unternehmen in Europa?

Im deutschen Recht findet Huangs Vergleich mit dem Produkttest eine Entsprechung. Nach Paragraf 3 des Geschäftsgeheimnisgesetzes darf ein Geschäftsgeheimnis erlangt werden, indem jemand ein öffentlich verfügbar gemachtes Produkt beobachtet, untersucht, rückbaut oder testet.[3] Einen eigenen Sanktionsmechanismus gegen Destillation kennt die EU nicht. Den Schutz liefern vor allem die Nutzungsbedingungen: Anthropic und OpenAI verbieten dort, mit den Ausgaben ihrer Modelle konkurrierende Modelle zu trainieren. Ein Verstoß ist zunächst ein Vertragsbruch.

Umgekehrt verlangt die KI-Verordnung von Anbietern universeller KI-Modelle eine öffentliche Zusammenfassung der Trainingsinhalte.[4] Bei einem Destillationsverdacht steht genau diese Dokumentation auf dem Prüfstand. Anthropic warf Alibaba schon im Juni vor, Claude-Fähigkeiten illegal extrahiert zu haben. Für Firmen, die KI-Modelle anbieten oder einsetzen, ergeben sich vier Aufgaben:

  • Verbieten Sie in den Nutzungsbedingungen Ihrer eigenen KI-Schnittstelle ausdrücklich das Training konkurrierender Modelle mit den Ausgaben.
  • Prüfen Sie Neukunden Ihrer Schnittstelle, begrenzen Sie die Abfragerate und protokollieren Sie ungewöhnliche Abfragemuster.
  • Fordern Sie bei offenen Modellen aus Drittstaaten die Zusammenfassung der Trainingsinhalte an und dokumentieren Sie die Herkunft.
  • Beobachten Sie die US-Sanktionslisten, falls Ihr Unternehmen in den USA Geschäfte macht und chinesische Modelle einsetzt.

Ob Huang seine Linie auch im Weißen Haus vertritt, zeigt sich beim Treffen mit Trump und Mike Johnson, dem Sprecher des Repräsentantenhauses. Laut Reuters gehören auch Mark Zuckerberg, Dario Amodei und OpenAI-Präsident Greg Brockman zu den Gästen. Weitere Entscheidungen der prägenden Köpfe der Branche bündelt unser Themenarchiv zu den Tech-Titanen.

FAQ: Jensen Huang und die KI-Destillation

Was ist KI-Destillation?

Bei der Destillation lernt ein kleineres Schüler-Modell aus den Antworten eines starken Lehrer-Modells. Das Schüler-Modell übernimmt so einen Teil der Fähigkeiten zu einem Bruchteil der Trainingskosten. Die Anbieter großer Modelle verbieten das Training konkurrierender Modelle mit ihren Ausgaben in den Nutzungsbedingungen.

Was hat Jensen Huang über Destillation gesagt?

Im US-Sender CNBC nannte der Nvidia-Chef die Destillation am 28. September „Wettbewerb“. Man dürfe die Produkte anderer testen, so viel man wolle. Anbieter, die das nicht möchten, sollten ihre Kunden kennen und den Dienst abschalten.

Wie sieht die US-Regierung Destillation?

US-Finanzminister Scott Bessent spricht von Diebstahl und drohte im Juli mit Sanktionen gegen ausländische Modelle. NSA, FBI und CISA warfen am 8. September sechs chinesischen Firmen eine Abschöpfungskampagne vor. Sanktionen sind bislang nicht verhängt.

Ist Destillation in Deutschland erlaubt?

Das Geschäftsgeheimnisgesetz erlaubt, öffentlich verfügbare Produkte zu beobachten, zu untersuchen und zu testen. Verbieten die Nutzungsbedingungen eines KI-Anbieters das Training konkurrierender Modelle, ist ein Verstoß ein Vertragsbruch. Ein eigenes Sanktionsinstrument gegen Destillation gibt es in der EU nicht.

Quellen

[1] CNBC Squawk Box: „Jensen Huang says AI distillation is ‚competition‘“ (28.09.2026)

[2] NSA, FBI und CISA: „China-Based Artificial Intelligence Companies Conducting Industrial-Scale Distillation Campaigns Against U.S. AI Companies“ (AA26-251A) (08.09.2026)

[3] Bundesministerium der Justiz: „Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen (GeschGehG)“, § 3 Erlaubte Handlungen

[4] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung)“, Artikel 53

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