Die Deutsche Bahn verlangt von ihren Büroangestellten künftig mindestens drei Präsenztage pro Woche statt bisher einem. Laut Spiegel betrifft die neue Regel rund 75.000 Beschäftigte, etwa ein Drittel der Belegschaft. Der Staatskonzern landet damit beim Modell des bislang größten Feldexperiments zum hybriden Arbeiten, nur von der anderen Seite her.

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Spätestens Ende 2027 soll die Vorgabe in allen Konzerngesellschaften gelten, die Details regelt jede Gesellschaft selbst. Der Vorstand um Bahnchefin Evelyn Palla begründet die Präsenzpflicht mit dem laufenden Konzernumbau. Beim Infrastrukturbetreiber DB InfraGO bewerteten in einer Umfrage des Betriebsrats 87 Prozent der Befragten eine angeordnete Präsenzpflicht negativ.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bahn hebt die konzernweite Mindestvorgabe von einem auf drei Präsenztage pro Woche, gültig spätestens ab Ende 2027.
  • Im Experiment mit 1.612 Beschäftigten kosteten drei Bürotage keine Leistung und senkten die Kündigungen um ein Drittel.
  • Ob mobiles Arbeiten möglich ist, entscheidet der Arbeitgeber, die Ausgestaltung bestimmt der Betriebsrat mit.

Warum holt die Bahn ihre Büroangestellten zurück?

Filzschuh auf Gleisschiene mit Anhänger „NUR NOCH 2 TAGE“ auf Betonfuß
Umgestellte Teams sollen sich regelmäßig persönlich treffen. Während Lokführer und Werkstätten täglich vor Ort arbeiten, müssen Planer und IT-Fachleute nun häufiger ins Büro

Während Teams im Umbau neu zusammengesetzt werden, sollen sich die Beschäftigten regelmäßig persönlich begegnen, denn Präsenz stärke nach Lesart des Vorstands den Neustart. Lokführerinnen und Werkstattteams arbeiten ohnehin jeden Tag vor Ort. Für Planer und IT-Fachleute verlangte die konzernweite Regel dagegen bisher nur einen Bürotag pro Woche.

Ein Bahnsprecher betont, die Präsenzpflicht sei kein Instrument zum Personalabbau. Der Hinweis kommt nicht von ungefähr, denn andere Konzerne verkleinern gerade gezielt ihre Verwaltung. BMW streicht rund 8.000 Stellen in den indirekten Bereichen, Lufthansa hat den Abbau von 4.000 Verwaltungsstellen mit einem Freiwilligenprogramm begonnen.

Was sagt die Forschung zu drei Bürotagen?

Das maßgebliche Experiment stammt von Nicholas Bloom (Stanford University), Ruobing Han und James Liang. Beim chinesischen Reiseportal Trip.com teilte das Team 1.612 Beschäftigte per Los in zwei Gruppen auf: Die eine arbeitete fünf Tage im Büro, die andere drei Tage im Büro und zwei Tage zu Hause. Nach sechs Monaten lag die Kündigungsquote der Hybridgruppe bei 4,8 Prozent, in der Bürogruppe bei 7,2 Prozent. Bei Leistungsbeurteilungen und Beförderungen fanden die Forscher über zwei Jahre keinen Unterschied.[1]

Mit drei Präsenztagen übernimmt die Bahn exakt das Hybridmodell der Studie. Untersucht haben die Forscher allerdings den Schritt von fünf auf drei Bürotage, nicht den von einem auf drei. Am stärksten sank die Kündigungsneigung bei Frauen, bei Beschäftigten ohne Führungsrolle und bei Pendlern mit langem Arbeitsweg.[1] Den Fernpendlern unter den Bahnbeschäftigten stehen künftig vier zusätzliche Fahrten pro Woche bevor. Eine Auswertung unter 7.704 US-Klinikangestellten maß beim Wohlbefinden im Homeoffice nur einen kleinen Vorsprung gegenüber dem Büro.

Drei Bürotage pro Woche haben im bislang größten Feldexperiment keine Leistung gekostet. Teuer wird für die Bahn erst der Sprung von einem auf drei Tage.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Präsenzpflicht bei der Bahn: was sich ändert
Neue Mindestvorgabe, Stimmung im Konzern und Befunde der Forschung
1 → 3
Präsenztage pro Woche als konzernweite Mindestvorgabe, umgesetzt bis spätestens Ende 2027
75.000
Beschäftigte mit Büroarbeitsplatz sind laut Spiegel betroffen
87 %
der Befragten bei DB InfraGO bewerten eine angeordnete Präsenzpflicht negativ
−33 %
Kündigungen mit drei Bürotagen statt fünf im Experiment bei Trip.com
Präsenzvorgaben im Vergleich
Bahn
Mindestens drei Bürotage pro Woche statt bisher einem
Airbus
Mindestens vier Bürotage pro Woche, angekündigt im Juni 2026
Mercedes
Fünf Präsenztage pro Woche, gefordert im Juli 2026
Trip.com
Drei Bürotage im Experiment: gleiche Leistung, weniger Kündigungen

Was bedeutet der Fall für andere Arbeitgeber?

Die Bahn folgt anderen Großkonzernen, die ihre Büroangestellten zurückholen, bleibt aber unter deren Vorgaben. Airbus plant mindestens vier Bürotage pro Woche. Mercedes-Benz forderte im Juli sogar fünf Präsenztage.

Beim Grundsatz haben Arbeitgeber rechtlich freie Hand: Ob ein Unternehmen mobiles Arbeiten überhaupt anbietet, bestimmt die Geschäftsleitung allein. Bei der Ausgestaltung hat der Betriebsrat dagegen nach § 87 Absatz 1 Nummer 14 des Betriebsverfassungsgesetzes ein Mitbestimmungsrecht. Kommt keine Einigung zustande, entscheidet die Einigungsstelle.[2] Die Frist bis Ende 2027 lässt den Gesellschaften der Bahn Zeit für diese Verhandlungen.

Für Geschäftsführer im Mittelstand liefert der Fall zwei Prüfsteine. Legen Sie Präsenztage gerne nach Aufgaben fest, etwa feste Planungstage im Team, statt eine Zahl für alle Abteilungen festzuschreiben. Beobachten Sie danach die Kündigungen in den Gruppen, die im Experiment am stärksten reagierten. Begriffe wie Remote Work oder Vertrauensarbeitszeit erklärt das HR-Glossar von Dr. Web.

Quellen

[1] Nicholas Bloom, Ruobing Han, James Liang, Nature: „Hybrid working from home improves retention without damaging performance“ (12.06.2024)

[2] Betriebsverfassungsgesetz: § 87 Mitbestimmungsrechte

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