Pirelli, Pyrum, BASF und Synthos haben einen geschlossenen Materialkreislauf für Reifen gestartet. Aus alten und aus Ausschussreifen soll über die Pyrolyse wieder Rohstoff für neue Reifen werden. Für die Chemiebranche ist das mehr als ein Nachhaltigkeitsversprechen, denn es rührt an die fossile Rohstoffbasis.

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Rund 533.000 Tonnen Altreifen fallen in Deutschland jedes Jahr an, und beim Altreifen-Recycling landet bis heute der größte Teil im Zementofen oder als Granulat auf dem Sportplatz. Vier Unternehmen wollen das ändern und den Reifen zurück in den Reifen holen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Pirelli, Pyrum, BASF und Synthos bilden erstmals eine durchgehende Kette vom Altreifen zum neuen Reifen.
  • Kern ist die Pyrolyse: Pyrum zerlegt Reifen unter Sauerstoffabschluss in Pyrolyseöl und zurückgewonnenen Industrieruß.
  • BASF speist das Öl über den Massenbilanzansatz in die Produktion von Butadien und Styrol ein, Synthos macht daraus zertifizierten Synthesekautschuk.
  • BASF hält seit 2020 einen Anteil an Pyrum, die Kooperation hebt das Projekt von der Lieferbeziehung auf einen belegbaren Kreislauf.

Wie wird aus einem Altreifen wieder ein Reifen?

Ein Reifen, halb alt, halb neu, mit Miniaturarbeiter und Zettel „Wieder Reifen 2026“
Pirelli sammelt Altreifen aus Deutschland, Motorsport und dem Werk Breuberg für die Recycling-Verwertung durch Pyrum

Am Anfang steht die Sammlung. Pirelli bündelt Altreifen aus Deutschland, unter anderem aus Driver-Filialen und dem Motorsport, dazu Ausschussreifen aus dem eigenen Werk in Breuberg.[1]

Den entscheidenden Schritt übernimmt Pyrum im saarländischen Dillingen. Dort zerlegt eine Thermolyse-Anlage die Reifen unter Sauerstoffabschluss in ihre Bestandteile, statt sie zu verbrennen.

Zurück bleiben zwei Sekundärrohstoffe: Pyrolyseöl und zurückgewonnener Industrieruß. Der Ruß geht direkt zurück in Pirellis Reifenproduktion und ersetzt dort fossilen Neuruß, ähnlich wie Aurubis Altmetalle zu neuem Reingut aufbereitet.

Warum zählt das als Recycling, wenn das Öl im Cracker landet?

Das Pyrolyseöl liefert Pyrum an BASF. Dort wandert es zusammen mit fossilem Rohbenzin in den Steamcracker und wird zu Grundchemikalien wie Butadien und Styrol, den Bausteinen von Synthesekautschuk.

Physisch lässt sich das recycelte Molekül im Cracker nicht vom fossilen trennen. Deshalb greift der Massenbilanzansatz: Die eingesetzte Menge Pyrolyseöl wird rechnerisch bestimmten Endprodukten zugeordnet und über das Zertifikat ISCC PLUS nachverfolgt.

Genau dieser Buchungsweg ist der strittige Punkt. Kritiker sehen darin eher einen Bilanztrick als einen Kreislauf, und die EU ringt bis heute darum, wie viel davon als Rezyklatanteil zählen darf. Für die Hersteller bleibt die Methode trotzdem der einzige Weg, chemisches Recycling in bestehende Anlagen zu bringen.

Der eigentliche Durchbruch ist nicht die Pyrolyse, sondern dass vier Wettbewerber sich auf eine gemeinsame Bilanz einigen. Ohne diese Buchführung bleibt jeder Altreifen ein Einzelfall.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Vom Altreifen zum Reifen: der geschlossene Kreislauf
Wie vier Unternehmen aus alten Reifen den Rohstoff für neue gewinnen
Schritt 1
Sammlung
Pirelli bündelt Alt- und Ausschussreifen aus Deutschland, unter anderem aus Driver-Filialen, dem Motorsport und dem Werk Breuberg.
Schritt 2
Pyrolyse
Pyrum zerlegt die Reifen in Dillingen unter Sauerstoffabschluss in Pyrolyseöl und zurückgewonnenen Industrieruß.
Schritt 3
Chemie
BASF speist das Öl über den Massenbilanzansatz in den Cracker ein, Synthos macht daraus zertifizierten Synthesekautschuk.
Schritt 4
Neuer Reifen
Kautschuk und Industrieruß fließen zurück in Pirellis Produktion und ersetzen dort fossile Rohstoffe.
4
Unternehmen bilden eine durchgehende Kette
533.000 t
Altreifen fielen 2024 in Deutschland an (wdk)
16 Mio. €
stieg BASF 2020 bei Pyrum ein

Was bringt der Kreislauf der deutschen Industrie?

Neu ist die Idee nicht. BASF hat sich bereits 2020 mit rund 16 Millionen Euro an Pyrum beteiligt und bezieht seit dem Anlauf des Dillinger Werks Pyrolyseöl. Bisher ist es aber bei der reinen Lieferbeziehung geblieben.

Den Unterschied macht jetzt die geschlossene Kette. Erst wenn Sammler, Pyrolyse, Chemie und Kautschukhersteller zusammenarbeiten, entsteht aus dem Altreifen nachweisbar wieder ein Reifen und nicht bloß ein beliebiges Kunststoffteil.

Für deutsche Entscheider zählt der Rohstoffhebel. Von den 533.000 Tonnen Altreifen im Jahr geht laut dem Branchenverband wdk ein großer Teil in die Verbrennung oder unkontrolliert ins Ausland, und jede Tonne im Kreislauf senkt zugleich die Importabhängigkeit und die CO2-Last der Reifenchemie.

Quelle

[1] BASF: „Pirelli, Pyrum, Synthos and BASF partner to transform end-of-life and scrap tyres into recycled materials for new products“

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