Siemens Healthineers hat in Forchheim die einzige Fabrik Europas für Photon-Counting-Sensoren eröffnet und züchtet die dafür nötigen Halbleiterkristalle künftig selbst. Die Anlage kostet rund 100 Millionen Euro und schafft mehr als 100 Stellen. Der Schritt zeigt, warum ein Medizintechnik-Konzern sein wichtigstes Bauteil nicht länger aus einer einzigen Fabrik in Japan beziehen will.

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Zehn Wochen wächst ein einziger Kristall bei rund 1.100 Grad Celsius, bevor Techniker ihn zum Sensor schneiden. Genau diesen langwierigen Prozess holt Siemens Healthineers mit der neuen Photon-Counting-Fab nach Deutschland, an den Stammsitz Forchheim. Dahinter steckt weniger Standortstolz als eine Lehre aus den Lieferengpässen der vergangenen Jahre.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die neue Sensorfabrik in Forchheim ist nach Angaben von Siemens Healthineers die einzige ihrer Art in Europa.
  • Der Konzern investiert rund 100 Millionen Euro, die Reinraumanlage misst 9.500 Quadratmeter und schafft über 100 Arbeitsplätze.
  • Gefertigt werden Halbleitersensoren aus Cadmiumtellurid, dem Herzstück der Photon-Counting-Computertomografie.
  • Das bestehende Sensorwerk in Japan stößt an seine Kapazitätsgrenze, Forchheim beendet die Abhängigkeit von diesem einen Standort.

Warum baut ein Medizintechnik-Konzern seine eigene Chipfabrik?

Phallischer Pokal mit Aufkleber auf Sockel neben leerem Block vor weißem Hintergrund
Photon-Counting-CT zählt einzelne Röntgenquanten mittels direktwandelndem Cadmiumtellurid-Sensor statt nur deren Helligkeit zu summieren

Der Grund liegt im Bauteil selbst. Photon-Counting-Computertomografen zählen einzelne Röntgenquanten, statt sie wie klassische Geräte nur als Helligkeit zu summieren. Möglich macht das ein direktwandelnder Sensor aus Cadmiumtellurid, einem exotischen Halbleiter, den weltweit nur wenige Hersteller im industriellen Maßstab züchten können.

Ein solcher Kristall entsteht über zehn Wochen bei etwa 1.100 Grad Celsius, wird dann submillimetergenau geschnitten, poliert und im Reinraum mit der Pixelstruktur belichtet. Die Beherrschung dieses Schritts bestimmt das Tempo der gesamten Produktlinie. Deshalb verlagert Siemens Healthineers die Kristallzucht ins eigene Haus, statt sie einzukaufen. Bereits die im vergangenen Jahr angekündigte Fabrik zielte auf genau diese Kontrolle.

Zwei Quellen sichern die Versorgung besser als eine. „Wir wollen uns nicht auf eine Ein-Standort-Strategie in Japan verlassen. Wir wollen die Kristalle auch hier in Forchheim im industriellen Maßstab herstellen“, sagt Uwe Rückl, Leiter des Bereichs CT-Detektoren und Kristalle bei Siemens Healthineers.[1]

Was Photon-Counting in der Bildgebung verändert

Der Vorteil der Technik ist handfest. Weil jeder Sensor die Energie jedes Photons misst, liefert ein Photon-Counting-CT schärfere Bilder bei geringerer Strahlendosis und trennt Gewebe nach seiner Materialzusammensetzung. Siemens Healthineers brachte 2021 mit dem Naeotom Alpha den ersten zugelassenen Scanner dieser Bauart auf den Markt und hält in Europa bislang die Spitze.

Die Nachfrage wächst schneller als die alte Fertigung. Das japanische Sensorwerk arbeitet nach Konzernangaben an der Kapazitätsgrenze, während immer mehr Kliniken auf die neue Gerätegeneration umsteigen. Forchheim liefert die zweite Quelle, bevor der Engpass die Auslieferung bremst. Dass die Konkurrenz aufholt, zeigt der Marktstart von General Electric, der den europäischen Alleingang von Siemens beendet.

Photon-Counting entscheidet das nächste Jahrzehnt der Bildgebung. Die eigene Sensorfertigung verteidigt nicht nur eine Fabrik, sondern den Zugang zur Schlüsseltechnologie.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was der Neubau für den Standort bedeutet

Forchheim reiht sich in eine größere Bewegung ein. Von der ESMC-Fabrik in Dresden bis zur neuen Infineon-Fertigung holen Konzerne die Chipproduktion zurück nach Europa. Der Unterschied liegt im Motiv: Die großen Werke folgen dem EU Chips Act und öffentlichen Milliarden, Siemens Healthineers baut eine vergleichsweise kleine Spezialfabrik allein aus Gründen der Lieferkontrolle.

Für Entscheider steckt darin eine allgemeine Lehre. Ein kritisches Bauteil aus einer einzigen Quelle bleibt ein Risiko, das sich mit eigener Fertigung senken lässt, auch fernab der Halbleiterbranche. Wie stark Software und Fertigung dabei zusammenwachsen, zeigt Infineon mit dem digitalen Zwilling seiner Chipfabrik. Die Forchheimer Anlage läuft nach LEED-Platin-Standard klimaneutral, mit Solardach und Wärmerückgewinnung, und schafft über 100 qualifizierte Stellen in Bayern.

Die Sensorfabrik in Forchheim in Zahlen
Siemens Healthineers holt die Kristallzucht für Photon-Counting-CT nach Deutschland
100 Mio. €
Investition in die neue Sensorfabrik in Forchheim
9.500 m²
Reinraumfläche der Anlage, dazu über 100 neue Stellen
10 Wochen
wächst ein Kristall bei rund 1.100 Grad Celsius
Nach Angaben von Siemens Healthineers ist Forchheim die einzige Photon-Counting-Sensorfabrik in Europa und die zweite Quelle neben dem Werk in Japan.

Was fertigt Siemens Healthineers in der neuen Fabrik in Forchheim?

Die neue Sensorfabrik in Forchheim stellt Halbleitersensoren aus Cadmiumtellurid her, das Herzstück von Photon-Counting-Computertomografen. Nach Angaben von Siemens Healthineers ist es die einzige Anlage dieser Art in Europa. Der Konzern investierte rund 100 Millionen Euro und schafft mehr als 100 Stellen.

Warum baut Siemens Healthineers die Sensoren selbst?

Der Sensor aus Cadmiumtellurid lässt sich nur schwer beschaffen, weil weltweit nur wenige Hersteller solche Kristalle im industriellen Maßstab züchten. Das bestehende Werk in Japan stößt an seine Kapazitätsgrenze. Mit Forchheim sichert sich der Konzern eine zweite Quelle und mehr Kontrolle über das wichtigste Bauteil seiner CT-Geräte.

Was ist Photon-Counting-CT?

Photon-Counting-CT ist eine Generation der Computertomografie, deren Sensoren einzelne Röntgenquanten zählen und deren Energie messen. Das Verfahren liefert schärfere Bilder bei geringerer Strahlendosis und kann Gewebe nach Material unterscheiden. Siemens Healthineers brachte 2021 den ersten zugelassenen Scanner dieser Bauart auf den Markt.

Für Betreiber von Kliniken und für Zulieferer lohnt der Blick auf die Lieferkette hinter jedem Hightech-Gerät. Bei der Planung eines Photon-Counting-CT gehört die Herkunft der Sensoren auf die Liste, denn genau dort entscheidet sich künftig die Verfügbarkeit.

Quelle

[1] Siemens Healthineers: „Siemens Healthineers Opens Photon-Counting Sensor Fab in Forchheim“

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