In Forchheim wachsen von jetzt an Kristalle für die Computertomografie: Siemens Healthineers hat dort eine eigene Halbleiterfabrik in Betrieb genommen und steckt 80 Millionen Euro in ein Material, das bisher aus einem einzigen Werk in Japan kam.[1] Hinter dem Bau steht eine strategische Wette auf die Kontrolle über einen seltenen Spezialhalbleiter.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- 80 Millionen Euro fließen in eine neue Halbleiterfabrik in Forchheim, über 9.000 Quadratmeter groß, mit rund 100 neuen Stellen.
- Dort wachsen Cadmiumtellurid-Einkristalle, das Detektormaterial für Photon-Counting-Computertomografen wie das Naeotom Alpha.
- Bisher lieferte ein japanisches Werk an der Kapazitätsgrenze dieses Material.
- Der Neubau soll CO2-neutral laufen und die Zertifizierung LEED Platinum erreichen.
Warum baut ein Medizintechnik-Konzern seine eigene Chipfabrik?

Moderne Photon-Counting-Computertomografen brauchen einen Einkristall aus Cadmiumtellurid als Detektor. Dieses Material lässt sich nur schwer in gleichbleibender Qualität herstellen, und der Konzern, der bei künstlicher Intelligenz bewusst auf die große Strategie verzichtet und lieber an konkreten Therapien arbeitet, bezog die Kristalle bislang aus einem einzigen Werk in Japan.
Ohne mehr Kristalle lässt sich das Spitzengerät Naeotom Alpha nicht in größerer Stückzahl bauen. Ähnlich wie Infineon, das in Europa auf eine zweite Spitzenchip-Fabrik drängt, sichert Siemens Healthineers so seine eigene Zulieferung und verlagert einen kritischen Teil der Lieferkette nach Bayern.
Was leisten die Kristalle aus Forchheim?
Der Unterschied liegt in der Signalkette. Klassische CT-Detektoren wandeln Röntgenstrahlen zuerst in sichtbares Licht und dann in ein elektrisches Signal um, wobei Energieinformationen verloren gehen.
Der Cadmiumtellurid-Kristall überspringt diesen Umweg und wandelt jedes Röntgenquant direkt in ein digitales Signal. Der Detektor zählt dadurch einzelne Photonen und erzeugt schärfere Bilder mit mehr Kontrast, während die Strahlendosis sinkt. Dass die Technik als Wettbewerbsvorteil gilt, zeigt der Markteintritt von GE, der den bisherigen Alleingang von Siemens Healthineers in Europa beendet.
Ohne eigene Kristallzucht hängt eine ganze Gerätesparte am Takt einer einzigen Fabrik in Japan. Forchheim löst dieses Nadelöhr und macht die Bildqualität planbar.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Standort für den Hightech-Standort Deutschland?
Für Forchheim ist die Fabrik bereits die zweite große Investition binnen drei Jahren; seit 2019 flossen dort rund 500 Millionen Euro in den Ausbau. Für den Industriestandort Deutschland ist diese Ansiedlung ein seltenes Signal, weil Hochtechnologie sonst gern ins Ausland wandert.
Die Kristallzucht selbst gilt als energiehungrig, trotzdem soll der Neubau CO2-neutral laufen und die LEED-Platinum-Zertifizierung erreichen. Wie strategisch der Zugang zu solchen Grundstoffen inzwischen ist, zeigt der Blick auf andere Lieferketten, etwa auf das Silizium, an dem die halbe Weltordnung hängt.
Material und Gebäude
Gezüchtet werden Cadmiumtellurid-Einkristalle, das Detektormaterial für Photon-Counting-Computertomografen wie das Naeotom Alpha. Der Neubau läuft CO2-neutral, zielt auf die Zertifizierung LEED Platinum und trägt eine Solaranlage mit 170 kWp auf dem Dach.
Für Entscheider in Industrie und Medizintechnik steckt darin eine Lektion zur Lieferkette: Wo ein Produkt an einem einzigen knappen Bauteil hängt, lohnt der Blick auf die eigene Fertigung, bevor der Engpass die Auslieferung bremst. Bei Spezialhalbleitern beginnt diese Prüfung heute, nicht erst beim nächsten Lieferstopp.
Häufige Fragen zur Halbleiterfabrik von Siemens Healthineers
Was stellt Siemens Healthineers in Forchheim her?
In der neuen Halbleiterfabrik wachsen Einkristalle aus Cadmiumtellurid. Diese Kristalle dienen als Detektormaterial für Photon-Counting-Computertomografen. Der Konzern investiert dafür rund 80 Millionen Euro und schafft etwa 100 neue Arbeitsplätze.
Was ist ein Photon-Counting-CT?
Ein Computertomograf, dessen Detektor einzelne Röntgenquanten direkt in digitale Signale umwandelt, statt sie erst in Licht zu übersetzen. Das Verfahren liefert schärfere Bilder mit mehr Kontrast und kommt mit einer geringeren Strahlendosis aus.
Warum ist Cadmiumtellurid so wichtig?
Der Halbleiter Cadmiumtellurid lässt sich als großer, reiner Einkristall nur schwer herstellen, bildet aber die Grundlage der Photon-Counting-Detektoren. Bisher kam das Material aus einem japanischen Werk, das an seiner Kapazitätsgrenze arbeitet.
Quelle
[1] Siemens Healthineers: „Siemens Healthineers investiert 80 Millionen Euro in neue Halbleiter-Fabrik in Forchheim“
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