Der japanische Motorenbauer Nidec will seine Fertigung in Bietigheim-Bissingen bis Ende 2027 einstellen, laut IG Metall verlieren dadurch 116 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Öffentlich begründet hat das Unternehmen den Schritt bisher nicht, der Betriebsrat verweist auf einen wegfallenden Großauftrag. Zugleich sollen Fachkräfte aus Bietigheim im Nidec-Werk in Mexiko aushelfen.

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Auf der Betriebsversammlung bei Nidec in Bietigheim-Bissingen erfuhr die Belegschaft am 6. Oktober vor allem eines: Für den Vertrieb hat die Geschäftsführung bereits Büros im Raum Stuttgart angemietet. Antworten zur Zukunft der Fertigung blieben aus. Wie schon im Juli wurde die Versammlung unterbrochen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nidec Motors & Actuators (Germany) will die Produktion in Bietigheim-Bissingen bis Ende 2027 schließen, betroffen sind nach Kenntnis der IG Metall 116 Beschäftigte.
  • Der Vertrieb soll an einen neuen Standort im Raum Stuttgart ziehen, Büroflächen sind bereits angemietet.
  • Laut Betriebsrat entfällt ab 2027 ein bedeutender Kundenauftrag, Nidec selbst hat die Schließung öffentlich noch nicht begründet.
  • Betriebsrat und IG Metall verlangen Transparenz und Verhandlungen über Alternativen, ein Sozialplan existiert noch nicht.

Was plant Nidec in Bietigheim-Bissingen?

Grauer Motor mit Kabel und orangefarbenem Anhänger: „LETZTE SERIE 2027“, auf grauem Grund
Deutsche Tochterfirma des Kyoto-Konzerns fertigt Elektromotoren für Autos. Bis Ende 2027 sollen 116 Beschäftigte entlassen werden

Die deutsche Tochter des Konzerns aus Kyoto fertigt Elektromotoren für Autos, etwa für Sitzverstellung, Fensterheber, Motorkühlung und ABS-Bremsen.[2] Nach aktuellem Kenntnisstand der IG Metall Ludwigsburg sollen bis Ende 2027 genau 116 Beschäftigte ihre Stelle verlieren.[1]

Das Vorhaben steht auf der Stufe der Ankündigung gegenüber der Belegschaft. Ein Interessenausgleich steht noch aus. Nach Angaben des Betriebsrats hat die Personalabteilung immerhin Beratungs- und Unterstützungsangebote für die Betroffenen vorbereitet.

Betriebsratschef Björn Berger sieht die Verantwortung beim Management: „Die Kolleginnen und Kollegen haben ihre Arbeit gemacht. […] Sie sind nicht verantwortlich für strategische Entscheidungen des Managements. Deshalb dürfen sie jetzt auch nicht die Rechnung dafür bezahlen.“[1]

Warum soll ausgerechnet Bietigheim schließen?

Nach Informationen des Betriebsrats entfällt ab 2027 ein bedeutender Kundenauftrag. Ob dieser Rückgang das Aus der gesamten Produktion rechtfertigt, hat die Geschäftsführung laut IG Metall nicht dargelegt, zumal Verträge mit anderen Kunden weiterlaufen.[1]

Bietigheim und das Nidec-Werk in Mexiko gehören seit fast 20 Jahren zum selben Verbund. Ende 2006 kaufte Nidec das Motoren- und Aktuatorengeschäft von Valeo für rund 142 Millionen Euro, sechs Gesellschaften mit zusammen etwa 1.700 Beschäftigten, darunter die deutsche und die mexikanische.[3] Eine bereits nach Mexiko verlagerte Produktionslinie lief laut Betriebsrat holprig an, nun sollen Fachleute aus Bietigheim dort aushelfen.

Zusätzlich steht der Konzern unter Bilanzdruck: Anfang September veröffentlichte Nidec den Bericht eines externen Untersuchungsausschusses, der Bilanzverstöße an mehreren Standorten der Gruppe bestätigt.[4] Einen Zusammenhang mit Bietigheim belegen weder IG Metall noch Betriebsrat. Beide verlangen aber Einblick in die Arbeit externer Berater, die über längere Zeit an europäischen Nidec-Standorten tätig waren.

Nidec plant das Aus in Bietigheim-Bissingen
Wie viele Stellen betroffen sind und wie das Werk zu Nidec kam
116
Beschäftigte sollen laut IG Metall bis Ende 2027 ihren Arbeitsplatz verlieren
142 Mio. €
zahlte Nidec 2006 für die Motorensparte von Valeo samt Werken in Deutschland und Mexiko
6 Gesellschaften
mit rund 1.700 Beschäftigten umfasste das übernommene Valeo-Geschäft
Vom Valeo-Kauf zur geplanten Schließung
Dezember 2006
Nidec übernimmt das Motorengeschäft von Valeo, Bietigheim wird Nidec-Standort.
Juli 2026
Der Betriebsrat unterbricht eine Betriebsversammlung, weil der Geschäftsführer fehlt.
6. Oktober 2026
Die Belegschaft erfährt vom geplanten Aus der Produktion.
Ende 2027
Bis dahin soll die Fertigung in Bietigheim-Bissingen enden.

Was bedeutet das für Region und Zulieferbranche?

Bietigheim-Bissingen reiht sich in eine Serie von Werksschließungen und Verlagerungen bei Zulieferern ein. Semikron Danfoss will Fertigung aus Flensburg in die Slowakei verlegen, Bosch streicht in Reutlingen 1.100 Stellen und Breyden schließt die Eisengießerei in Ueckermünde. In der Region Stuttgart will Porsche ein Viertel der Belegschaft abbauen.

Solange Fachleute aus Bietigheim das Werk in Mexiko stützen, muss Nidec erst erklären, warum ihr Standort überflüssig sein soll.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Einkäufer bei Autoherstellern und Systemlieferanten, die Nidec-Motoren aus Bietigheim beziehen, klären am besten jetzt, aus welchem Werk ab 2028 geliefert wird und ob dafür eine neue Bemusterung fällig ist. Personalverantwortliche im Kreis Ludwigsburg können mit Bewerbungen erfahrener Fachkräfte aus der Motorenfertigung rechnen. Die IG Metall mobilisiert bereits bundesweit gegen den Stellenabbau bei Zulieferern. In der Debatte um den Standort Deutschland gehen Werke mit gut hundert Stellen leicht unter, obwohl in Bietigheim-Bissingen ganze Familien daran hängen.

Quellen

[1] IG Metall Ludwigsburg: „Nidec plant Produktionsschließung in Bietigheim-Bissingen“ (06.10.2026)

[2] Nidec: „Nidec Motors & Actuators (Germany) GmbH“ (Unternehmensprofil)

[3] Nidec, Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC: „Completion of Acquisition of Valeo Motors & Actuators Business“ (27.12.2006)

[4] Nidec: „Disclosure of Investigation Report and Nidec’s Actions in Response to It“ (04.09.2026)

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