Carsten Maschmeyer verlangt, dass der Staat der Warenhauskette Galeria nach dem vierten Insolvenzantrag kein Steuergeld mehr gibt. Die 680 Millionen Euro Corona-Hilfe rechnet der Investor in 250 Start-ups um. Die Antworten der Bundesregierung an den Bundestag zeigen, wie wenig von dem Geld zurückkam.

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Mindestens 500 Millionen Euro Steuergeld sind bei Galeria nach Rechnung von Carsten Maschmeyer verloren. Am Freitag, als Galeria den neuen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Düsseldorf öffentlich machte, forderte der Investor im Gespräch mit t-online ein Ende aller Staatshilfen für die Kette.[1] Galeria betreibt noch 83 Warenhäuser mit rund 12.000 Beschäftigten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Maschmeyer fordert nach dem vierten Insolvenzantrag seit 2020, keinen Cent Steuergeld mehr in Galeria zu stecken.
  • Der Bund stützte die Warenhauskette 2021 und 2022 mit 680 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds.
  • Die stille Einlage über 220 Millionen Euro musste der Fonds schon nach dem Schutzschirmverfahren 2022 abschreiben.
  • SPD und Linke verlangen Hilfe für die Beschäftigten, einen Blankoscheck für die Eigentümer lehnt aber auch die Linken-Chefin ab.

Was fordert Maschmeyer?

Sparschwein mit rotem Kreuz und geschlossenes Gebäudemodell mit Schild
Maschmeyer lehnt weitere Steuermittel für Galeria ab und fordert private Geldgeber. Der Staat habe mindestens 500 Millionen Euro verloren

„Für mich steht fest: keinen einzigen Cent Steuergeld mehr für Galeria!“, sagte Maschmeyer zu t-online.[1] An das Konzept der Kette sollten nach seinen Worten nur noch Geldgeber glauben, die dafür ihr eigenes Geld riskieren. Den Verlust für den Staat beziffert Maschmeyer auf mindestens 500 Millionen Euro, weil von 680 Millionen Euro nur ein Bruchteil zurückgekommen sei.

Seine Gegenrechnung liefert der Investor gleich mit: Mit dem Geld hätte man „250 Start-ups mit je zwei Millionen Euro an den Start bringen können“ oder ein Jahr lang rund 5.000 zusätzliche Lehrkräfte bezahlen.[1] Galeria habe schon vor Corona ein Geschäftsmodell von gestern gehabt. Als Vergleich zieht Maschmeyer die Steinkohle heran, die Deutschland über Jahrzehnte mit Milliarden subventionierte, bis 2018 die letzten Zechen schlossen.

Maschmeyer spricht als Geldgeber junger Firmen. Der Gründer des Finanzvertriebs AWD beteiligt sich seit Jahren mit eigenen Gesellschaften an Start-ups. Jeder Euro, der in die Vergangenheit fließe, fehle dort, wo die Jobs der Zukunft entstehen, sagte Maschmeyer. Zugleich zögen ambitionierte Gründer ins Ausland. Die Abwanderung lässt sich beziffern: Laut dem Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU verlegten rund 30 Prozent der zwischen 2008 und 2021 in Europa gegründeten Einhörner ihren Sitz ins Ausland, die meisten in die USA.

Was ist aus den 680 Millionen Euro geworden?

Die Zahlen des Bundes geben Maschmeyer im Kern recht. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) gewährte Galeria Anfang 2021 ein Nachrangdarlehen über 460 Millionen Euro und 2022 eine stille Einlage über weitere 220 Millionen Euro.[2] Die stille Beteiligung musste der Fonds nach Eröffnung des Schutzschirmverfahrens 2022 wegen ihres Eigenkapitalcharakters abschreiben. Das Darlehen führte der WSF danach nur noch mit 88 Millionen Euro weiter, an Zinsen und Verwertungserlösen flossen bis März 2024 rund 50 Millionen Euro zurück.[2]

Nach der dritten Insolvenz im Januar 2024 bezifferte das Bundeswirtschaftsministerium die Rückflüsse laut dem Magazin Capital auf 119 Millionen Euro. Nach diesem Stand von Mitte 2024 bleibt eine Lücke von gut 560 Millionen Euro, Maschmeyers Untergrenze von 500 Millionen Euro ist also vorsichtig gerechnet.

Aus demselben Topf stammte auch die Lufthansa-Rettung. Von 6,4 Milliarden Euro, die der WSF an 25 Unternehmen auszahlte, kamen bis Oktober 2024 rund 4,6 Milliarden Euro zurück, dazu 398 Millionen Euro Zinsen und rund 1,1 Milliarden Euro Sondererlöse, vor allem aus dem Verkauf der Lufthansa-Aktien.[3] Galeria führt das Bundesfinanzministerium dagegen unter den gestützten Firmen, die später Insolvenz anmelden mussten.

Was Galeria den Bund kostete und was Maschmeyer dagegenhält
Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds, Rückflüsse bis Mitte 2024 und vier Insolvenzanträge
Hilfen des Bundes
  • Nachrangdarlehen: 460 Mio. € Anfang 2021
  • Stille Einlage: 220 Mio. € im Jahr 2022, nach dem Schutzschirmverfahren 2022 abgeschrieben
  • Restforderung: Darlehen nach 2022 nur noch mit 88 Mio. € fortgeführt
  • Rückflüsse: rund 50 Mio. € bis März 2024, laut Capital 119 Mio. € bis Mitte 2024
Maschmeyers Gegenrechnung
  • Verlust: nach seiner Rechnung mindestens 500 Mio. €
  • Start-ups: 250 Gründungen mit je 2 Mio. € Startkapital
  • Lehrkräfte: rund 5.000 zusätzliche Stellen für ein Jahr
  • Schulen: mehr als ein Dutzend Neubauten
Vier Insolvenzanträge in sechs Jahren
  1. 2020Erstes Schutzschirmverfahren in der Corona-Krise
  2. 2022Zweites Schutzschirmverfahren, der WSF schreibt die stille Einlage ab
  3. Januar 2024Dritter Antrag nach dem Zusammenbruch der Signa-Gruppe
  4. Oktober 2026Vierter Antrag in Düsseldorf, 83 Warenhäuser und rund 12.000 Beschäftigte betroffen

Maschmeyers Rechnung mit 250 Start-ups ist plakativ, die Zahlen der Bundesregierung bestätigen aber ihren Kern: Von 680 Millionen Euro Corona-Hilfe für Galeria kam nur ein Bruchteil zurück. Vor einer fünften Rettung mit Steuergeld müsste die Politik erst erklären, was diesmal anders laufen soll.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Wer hält dagegen?

Die Gegenposition formulierte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf. Von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erwarte er, dass sie für eine Zukunft von Galeria und den 12.000 Beschäftigten kämpfe, sagte Klüssendorf dem Focus. Die Belegschaft habe in sechs Jahren vier Insolvenzanträge durchgemacht und dürfe nicht für Managementfehler büßen.

Auch die Linke zieht bei den Eigentümern eine Grenze. Parteichefin Ines Schwerdtner forderte gegenüber t-online einen Schutzschirm für die Beschäftigten und lehnte einen „Blankoscheck für Bernd Beetz und NRDC“ ab. Der US-Investor NRDC und eine Beteiligungsfirma von Beetz besitzen Galeria seit Sommer 2024. Neue Corona-Hilfen aus dem WSF sind ohnehin ausgeschlossen: Stabilisierungsmaßnahmen für Unternehmen der Realwirtschaft waren nur bis zum 30. Juni 2022 möglich.[3]

Was bedeutet der Streit für Unternehmen im DACH-Raum?

Maschmeyers Gegenrechnung lenkt den Blick auf die Wachstumsfinanzierung. Über den Zukunftsfonds stellt der Bund bis 2030 rund 10 Milliarden Euro für junge Technologiefirmen bereit, zusammen mit KfW, Europäischem Investitionsfonds und privaten Geldgebern sollen mehr als 30 Milliarden Euro in den Wagniskapitalmarkt fließen.[4] Die 500 Millionen Euro, die Maschmeyer als verloren ansieht, entsprächen einem Zwanzigstel dieses Fonds. Europaweit soll zusätzlich der Scaleup Europe Fund mit einem Zielvolumen von fünf Milliarden Euro die Kapitallücke für Wachstumsfirmen verkleinern.

Wie privates Kapital öffentliche Aufgaben übernimmt, zeigt Hasso Plattner: Seine Stiftung kauft in Potsdam für 31 Millionen Euro den alten Landtag, um dort einen Universitätscampus zu bauen. Für Händler, Vermieter und Lieferanten zählt dagegen das laufende Verfahren, das unsere Meldung zum vierten Insolvenzantrag von Galeria einordnet. Zuletzt traf die Krise im Einzelhandel auch den Discounter Kodi aus Oberhausen. Für Entscheider folgt daraus:

  • Geben Sie als Lieferant mit offenen Forderungen an Galeria Ware im vorläufigen Verfahren am besten nur gegen Vorkasse oder mit Zusage des vorläufigen Insolvenzverwalters heraus.
  • Prüfen Sie als Gründer in der Wachstumsphase gerne, ob Ihre Investoren Mittel aus Programmen des Zukunftsfonds einbinden können, etwa über den High-Tech Gründerfonds oder Dachfonds der KfW Capital.

FAQ: Carsten Maschmeyer zur Galeria-Insolvenz

Wer ist Carsten Maschmeyer?

Carsten Maschmeyer ist Unternehmer und Investor. 1988 gründete Maschmeyer den Finanzvertrieb AWD, den er später an den Versicherer Swiss Life verkaufte. Heute beteiligt sich Maschmeyer mit eigenen Gesellschaften an jungen Unternehmen, vor allem an Start-ups aus Deutschland.

Was ist der Wirtschaftsstabilisierungsfonds?

Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) ist ein Sondervermögen des Bundes, das im März 2020 gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie errichtet wurde. Bis Ende Juni 2022 beschloss der Fonds 33 Maßnahmen für 25 Unternehmen mit rund 9,6 Milliarden Euro, darunter Lufthansa und Galeria.

Was ist eine stille Einlage?

Bei einer stillen Einlage beteiligt sich ein Geldgeber am Kapital eines Unternehmens, ohne nach außen als Gesellschafter aufzutreten. Weil die Einlage wie Eigenkapital wirkt, steht der Geldgeber in der Insolvenz hinter den übrigen Gläubigern zurück. Deshalb schrieb der WSF seine 220 Millionen Euro bei Galeria 2022 ab.

Wem gehört Galeria?

Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC und einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz. Zuvor war die Warenhauskette Teil der österreichischen Signa-Gruppe von René Benko, deren Zusammenbruch Ende 2023 den dritten Insolvenzantrag von Galeria im Januar 2024 nach sich zog.

Bekommen die Galeria-Beschäftigten Insolvenzgeld?

Insolvenzgeld zahlt die Bundesagentur für Arbeit für bis zu drei Monate vor Eröffnung eines Insolvenzverfahrens und ersetzt damit den ausgefallenen Nettolohn. Ob und ab wann die rund 12.000 Galeria-Beschäftigten Insolvenzgeld erhalten, war am 2. Oktober 2026 noch offen.

Quellen

[1] t-online: „Galeria-Insolvenz: Carsten Maschmeyer fordert Ende von staatlichen Hilfen“, 2. Oktober 2026

[2] Deutscher Bundestag: „Insolvenz der Signa-Gruppe und deren mögliche Auswirkungen auf den Steuerzahler“, Antwort der Bundesregierung, Drucksache 20/10628, 14. März 2024

[3] Bundesministerium der Finanzen: „Zwischenbilanz des Wirtschaftsstabilisierungsfonds“, Monatsbericht Oktober 2024

[4] Bundesministerium der Finanzen: „Zukunftsfonds“

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