Kyocera hat seit 2023 rund 70 Millionen Euro in seine Keramikwerke in Selb, Mannheim und Waiblingen investiert. Jüngster Baustein ist eine 290 Tonnen schwere Presse im oberfränkischen Selb, die große Bauteile für Maschinen der Chipindustrie formt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie neue Kyocera-Presse in Selb kostet rund acht Millionen Euro, Kyocera nennt sie die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Werks.[1] Zusammen mit den Ausbauten in Mannheim und Waiblingen meldet die Tochter Kyocera Fineceramics Europe Investitionen an drei deutschen Standorten, deren Hallen größtenteils schon stehen. In derselben Woche stoppten Haribo in Neuss und McCain in Mehrum zwei geplante Werke.
Das Wichtigste in Kürze
- In Selb steht eine neue kaltisostatische Presse für rund 8 Millionen Euro, den Bau der Halle dafür begann Kyocera 2023.
- In Mannheim, der Europazentrale der Keramiksparte, flossen seit 2024 mehr als 30 Millionen Euro in Produktion und einen neuen Campus.
- Das Medizintechnikwerk in Waiblingen kostete in der ersten Bauphase rund 30 Millionen Euro, eine zweite Phase mit 20 bis 30 Millionen Euro ist geplant.
- Öffentliche Fördergelder und eine Zahl neuer Stellen nennt Kyocera für diese Runde nicht.
Was baut Kyocera an welchem Standort aus?

Presse für Großteile. Die Anlage in Selb verdichtet Keramikpulver in einer flexiblen Form mit bis zu 2.000 bar von allen Seiten gleichzeitig. Der Nutzraum misst 1,6 Meter im Durchmesser und 2,5 Meter in der Höhe. So entstehen große Rohlinge mit gleichmäßiger Dichte, vor allem aus siliziuminfiltriertem Siliziumkarbid (SiSiC). „Mit ihr können wir erstmals großvolumige Bauteile aus siliziuminfiltriertem Siliziumkarbid in einer bisher nicht möglichen Qualität und Dimension fertigen“, sagt Carsten Rußner, Präsident von Kyocera Fineceramics Europe.[1] Einen Termin für den Serienbetrieb der Presse nennt das Unternehmen nicht.
Drei Ausbaustufen. In Mannheim hat Kyocera bereits mehr als 30 Millionen Euro ausgegeben: Seit dem Spatenstich im März 2023 entstanden dort neue Produktionsflächen sowie ein Verwaltungs- und Logistikgebäude.[2] Das Werk in Waiblingen fertigt Keramik-Hüftköpfe der Marke Bioceram Azul für künstliche Gelenke. Nach dem Spatenstich im Oktober 2024 weihte Kyocera die Fabrik am 1. Oktober 2025 ein und meldete im September 2026 den Start der Serienproduktion.[3][4] Die zweite Bauphase über 20 bis 30 Millionen Euro ist dagegen erst geplant, ein Zeitplan fehlt.
Warum investiert ein japanischer Konzern in deutsche Keramik?
Erst gekauft, dann ausgebaut. Kyocera übernahm 2019 H.C. Starck Ceramics in Selb und die Keramiksparte von Friatec in Mannheim.[5] Das Selber Werk geht auf die 1985 gegründete Hutschenreuther Technische Keramik zurück, stammt also aus der Porzellanindustrie der Stadt. Bis Ende 2023 stellte der Konzern in Selb und Mannheim mehr als 200 Menschen neu ein, heute zählt die Europasparte 650 Beschäftigte. Anfang 2025 kam ein kleiner Standort in Erfurt mit zunächst zwölf Mitarbeitern hinzu, der spröde Werkstoffe für die Halbleiterfertigung sägt. Die aktuelle Runde setzt dieses Muster fort: Erst kam das Know-how per Zukauf, jetzt folgt die Kapazität am selben Ort.
Chipmaschinen statt Teller. SiSiC ist steif, leitet Wärme gut und dehnt sich bei Hitze nur wenig aus. Hersteller von Belichtungs- und Beschichtungsanlagen setzen den Werkstoff deshalb für Waferhalter, Strukturteile und Greifer ein. Selb ist das einzige Werk im Kyocera-Konzern, das SiSiC herstellt; eine Ausweichfabrik in Japan existiert nicht. Am selben Tag eröffnete Infineon sein 13. Werk in Thailand für die Endfertigung von Leistungsmodulen. Die Montage solcher Module ist arbeitsintensiv, die Fertigung großer Keramikteile hängt dagegen an Pressen, Öfen und Fachwissen, die Kyocera in Selb bereits besitzt. Wie stark der Halbleiter-Boom die deutschen Zulieferer antreibt, zeigt auch Jenoptik.
Was bedeutet der Ausbau für Regionen und Zulieferer?
Kleine Summen, fertige Hallen. Neben den 850 Milliarden Euro, die Konzerne unter dem Etikett „Made for Germany“ zugesagt haben, wirken 70 Millionen Euro bescheiden. Anders als viele dieser Zusagen hat Kyocera sein Geld größtenteils schon verbaut, nur die zweite Bauphase in Waiblingen steht noch auf der Stufe der Planung. Ähnlich geht der japanische Maschinenbauer Murata vor, der mit InSeCoTec am Chipstandort Dresden 13 Millionen Euro investiert, also ebenfalls einen überschaubaren Betrag nah an den Kunden der Halbleiterbranche.
Selb zeigt, dass eine Porzellanstadt mit dem richtigen Werkstoff in der Chipbranche mitspielt. Die 70 Millionen Euro von Kyocera stecken schon in Pressen und Hallen, viele Milliardenzusagen stehen bisher nur auf dem Papier.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Aufträge für den Mittelstand. Für Zulieferer im Rems-Murr-Kreis bringt vor allem die zweite Bauphase in Waiblingen neue Bau- und Anlagenaufträge, sobald Kyocera einen Termin nennt. Hüftgelenkkomponenten gehören nach der EU-Medizinprodukteverordnung zur höchsten Risikoklasse III, Lieferanten durchlaufen deshalb eine strenge Qualifizierung. Prüflabore sowie Anbieter von Reinraum- und Messtechnik kommen am ehesten ins Geschäft, solange Kyocera die Lieferkette für die Serie noch aufbaut. Für Keramiker aus der Porzellanindustrie rund um Selb öffnet die SiSiC-Fertigung zudem einen Weg in die Halbleiterbranche.
Quellen
[1] Kyocera Europe, Pressemitteilung: „KYOCERA Fineceramics Europe GmbH investiert in die deutschen Standorte und stärkt Zukunftstechnologien“ (01.10.2026)
[2] Kyocera Fineceramics Europe: „KYOCERA Fineceramics Europe verdoppelt seine Produktionskapazitäten in Deutschland“ (15.11.2023)
[3] Kyocera Europe: „Kyocera eröffnet seinen neuen Produktionsstandort in Waiblingen“ (02.10.2025)
[4] Kyocera Europe, Pressemitteilung: „Die Serienproduktion von BIOCERAM AZUL® in Waiblingen“ (11.09.2026)
[5] Kyocera Fineceramics Europe: „Über uns“
Mehr Newshunger?
- Murata und InSeCoTec investieren 13 Millionen Euro am Chipstandort Dresden
- Infineon eröffnet sein 13. Werk: In Thailand entstehen Leistungsmodule für Industrie und Energiewende
- ESMC-Chipfabrik Dresden: Richtfest für die Zehn-Milliarden-Wette auf Autochips
- 80 Millionen Euro: Siemens Healthineers züchtet die CT-Kristalle in Forchheim
- Keramiklager fürs Windrad: Schaeffler schleift die Kugeln wieder in Schweinfurt
- Membion investiert 7 Millionen Euro in Aachen und plant 70 neue Stellen
- Standort Deutschland: Ist da noch was zu retten?
