Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erstmals seit September 2023 wieder angehoben. Der für Sparer und Kreditnehmer maßgebliche Einlagensatz steigt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent. Treiber ist nicht eine überhitzte Konjunktur, sondern der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen
  • Die EZB hebt alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an, der Einlagensatz klettert auf 2,25 Prozent.
  • Auslöser ist die Inflation von 3,2 Prozent im Mai, angetrieben vom Energiepreisschock des Iran-Kriegs.
  • Die neuen Sätze gelten ab dem 17. Juni 2026, der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,40 Prozent, die Spitzenrefinanzierung bei 2,65 Prozent.
  • Die Notenbank hebt ihre Inflationsprognose an und senkt die Wachstumserwartung für 2026 auf 0,8 Prozent.
Kurz erklärt
Warum sich Inflation höher anfühlt, als sie gemessen wird
Die amtliche Inflationsrate lag im Mai bei 3,2 Prozent. Viele Menschen schätzen die Teuerung im Alltag deutlich höher ein. Drei Mechanismen erklären die Lücke zwischen Statistik und Bauchgefühl.
1
Der Warenkorb mittelt alles
Das Statistikamt misst die Preise von rund 700 Gütern und Dienstleistungen und gewichtet sie nach durchschnittlichen Ausgaben. Der eigene Haushalt weicht von diesem Durchschnitt oft stark ab, je nach Miete, Pendelstrecke und Familiengröße.
2
Was Sie oft kaufen, prägt das Gefühl
Lebensmittel, Sprit und Restaurantbesuche fallen täglich auf und sind durch den Ölpreisschock spürbar teurer geworden. Selten gekaufte Güter wie Elektronik verrechnet die Wahrnehmung kaum, obwohl deren Preise häufig sogar sinken.
3
Preissprünge bleiben im Kopf
Steigende Preise prägen sich stärker ein als stabile oder fallende. Diese Asymmetrie schiebt die wahrgenommene Teuerung über den statistisch gemessenen Wert.
Gemessen werden 3,2 Prozent. Gefühlt liegt die Teuerung bei den meisten Haushalten höher, weil das Bauchgefühl die täglichen Preise stärker gewichtet als die Statistik.

Warum hebt die EZB ausgerechnet jetzt die Zinsen an?

Oranges Zapfventil mit hängendem Preisschild (+0,25 %) und Tropfen auf weißem Grund
EZB erhöht Zinsen zur Inflationskontrolle. Teuerungsrate stieg von 1,7 auf 3,2 Prozent, Nahost-Krieg treibt Preise

Der EZB-Rat begründet den Schritt mit seinem Ziel, die Inflation mittelfristig bei zwei Prozent zu stabilisieren. Der Krieg im Nahen Osten erzeugt derzeit jedoch Preisdruck, der über die Energiekosten in Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen durchsickert.

Die Teuerungsrate ist von 1,7 Prozent im Januar auf 3,2 Prozent im Mai gestiegen. Den Zinsschritt nennt die Notenbank robust über mehrere Szenarien hinweg, wie der EZB-Rat in seiner Mitteilung erklärte. Bereits im Mai hatten wir die Anhebung als wahrscheinlich angekündigt.

Was bedeutet der Schritt für Kredite und Sparer?

Ölfass mit EZB-Schrift, oben Gebäude mit Pumpe und Protestschild: „Öl-Hahn zu, Zins hoch!“
Höhere Zinsen verteuern Kredite und bremsen Nachfrage zur Inflationsdämpfung. Sparer profitieren bei Weitergabe durch Banken. Wirtschaft und Gewerkschaften kritisieren den Schritt als verfrüht

Höhere Zinsen verteuern Kredite für Verbraucher und Unternehmen. Das bremst die Nachfrage und kann so die Inflation dämpfen. Sparer profitieren, sofern die Banken die gestiegenen Sätze weiterreichen.

Aus Wirtschaft und Gewerkschaften kommt Kritik. Der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura, hält den Schritt für verfrüht und verweist auf die schwache Nachfrage und zurückhaltende Investitionen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht keine ökonomische Rechtfertigung, weil die Preise nicht durch eine überhitzte Wirtschaft steigen.

Die EZB bekämpft mit dem Zins einen Preisanstieg, den der Zins gar nicht ausgelöst hat. Für Unternehmen mit dünner Kasse wird Kapital teurer, ausgerechnet in einer Phase mit ohnehin lahmender Nachfrage.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie entwickelt sich die Inflation aus Sicht der Notenbank?

Scherenwagenheber hebt Ein-Euro-Münze, aus der eine schwarze Ölwolke entweicht
EZB-Inflationsprognosen: 3,0 Prozent (2026), 2,3 Prozent (2027), 2,0 Prozent (2028). Wirtschaftswachstum 2026 auf 0,8 Prozent nach unten korrigiert

Die neuen Projektionen sehen die Inflation 2026 bei durchschnittlich 3,0 Prozent, 2027 bei 2,3 Prozent und 2028 bei 2,0 Prozent. Beim Wachstum rechnet die EZB nur noch mit 0,8 Prozent für 2026, nach zuvor 0,9 Prozent.

Der EZB-Rat legt sich nicht auf einen festen Zinspfad fest und entscheidet von Sitzung zu Sitzung. Die nächste Ratssitzung im Juli zeigt, ob auf den ersten Schritt rasch ein zweiter folgt.

Mehr Newshunger?

4,5 16 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?