ZF hat das 100-millionste elektrische Lenksystem ausgeliefert. Der Meilenstein fällt in dieselben Wochen, in denen der Konzern seine Sparte für Fahrassistenz an Samsungs Tochter Harman abgegeben hat. Übrig bleibt das Bauteil, über das jede Assistenzfunktion am Ende physisch wirkt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenElektrische Lenkungen baut ZF seit 2001, am 22. Juli 2026 hat der Konzern die 100-millionste gemeldet.[1] Die Zahl liest sich wie Jubiläums-PR, beschreibt aber eine Abhängigkeit: Ohne elektrisch angesteuerte Lenkung erfüllt in der EU seit Juli 2024 kein neu zugelassener Pkw mehr die Vorschriften.
Das Wichtigste in Kürze
- ZF hat seit 2001 100 Millionen elektrische Lenksysteme gebaut und den Stand am 22. Juli 2026 gemeldet.
- Drei Bauarten stehen im Portfolio: Column-Drive, Dual-Pinion und Belt-Drive.
- Seit dem 7. Juli 2024 braucht jeder neu zugelassene Pkw in der EU einen Notfall-Spurhalteassistenten, der aktiv ins Lenkrad eingreift.
- Die Assistenzsparte mit rund 3.750 Beschäftigten ist im Juli 2026 für etwa 1,5 Milliarden Euro an Harman gegangen, die Lenkung bleibt bei ZF.
Warum ist die elektrische Lenkung faktisch Pflicht?

Der Notfall-Spurhalteassistent muss selbsttätig Lenkmoment aufbringen. Eine rein hydraulische Servolenkung kann das nicht, ihr fehlt der Stellmotor. Die EU-Verordnung 2019/2144 macht die elektrische Lenkung damit seit dem 7. Juli 2024 zur Voraussetzung jeder Neuzulassung.
Die Verordnung listet neun Pflichtsysteme auf, vom Notbremsassistenten bis zum Müdigkeitswarner.[2] Die meisten davon warnen nur. Zum selben Stichtag ist auch die Kamera in den Innenraum eingezogen, die den Fahrer beobachtet.
Der Effizienzvorteil der Technik ist alt: Eine elektrische Lenkung zieht nur Strom, wenn tatsächlich gelenkt wird, während die hydraulische Pumpe permanent mitläuft. Wirtschaftlich zählt inzwischen etwas anderes, nämlich die Software-Schnittstelle.
„Mit der Industrialisierung von EPS-Systemen haben wir den Wandel zur Elektrifizierung frühzeitig antizipiert und neue Maßstäbe gesetzt“, sagt Ramiro Gutierrez, Senior Vice President der Business Unit Steering bei ZF.[1]
Was hat ZF beim Verkauf an Harman behalten?
ZF hat die Wahrnehmung verkauft und den Eingriff behalten. Sensorik und Software für automatisiertes Fahren gehören seit Juli 2026 zu Samsung. Die Lenkung, über die jede dieser Funktionen am Rad ankommt, bleibt im Konzern.
Rund 3.750 Beschäftigte sind mit dem Geschäft gewechselt, für etwa 1,5 Milliarden Euro. Dass am Ende das alte Getriebegeschäft diesen Umbau finanziert, gehört zur selben Rechnung.
Das Muster kennt die Branche: Zulieferer geben die kapitalintensive Softwareentwicklung ab und verteidigen die Bauteile, an denen ein Fahrzeughersteller nicht ohne Weiteres vorbeikommt. Ein zugelassener Aktor lässt sich schwerer ersetzen als ein Algorithmus.
Software für automatisiertes Fahren kaufen die Hersteller inzwischen an jeder Ecke ein. Eine zugelassene Lenkung mit 25 Jahren Feldstatistik bekommt man dort nicht, und deshalb ist der Verkauf der Assistenzsparte kein Rückzug.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie weit ist Steer-by-Wire wirklich?
ZF meldet mehrere Serienaufträge für Steer-by-Wire, die Produktion läuft nach Konzernangaben bereits an. Die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern entfällt dabei vollständig, der Lenkbefehl läuft als Signal.
Für die Typgenehmigung gilt in Europa die UN-Regelung Nr. 79. Eine mechanische Notverbindung verlangt sie nicht, wohl aber den Nachweis, dass ein einzelner Defekt nicht sofort zum Kontrollverlust führt. Redundanz wandert damit aus der Mechanik in die Elektronik, ganz ähnlich wie beim zweiten Bremssystem für den fahrerlosen Lkw.
In China fährt die Technik längst in Serie, unter anderem im Denza Z von BYD. Europäische Zulieferer verteidigen hier also keinen Vorsprung, sondern eine Position.
Für Fuhrparkverantwortliche verschiebt das die Prüfliste. Seit Juli 2024 gelten in der EU zusätzlich die UN-Regelungen 155 und 156 mit Cybersecurity-Managementsystem und Software-Update-Management, und die Lenkung ist ein sicherheitskritisches Steuergerät. Fragen Sie bei der nächsten Beschaffung nach, wie lange der Hersteller Sicherheitsupdates für die Lenkungssteuerung zusagt und was nach Ablauf dieser Frist mit dem Fahrzeug passiert.
Quellen
[1] ZF Friedrichshafen: „ZF lenkt den Wandel: 100 Millionen elektrische Lenksysteme“ (22. Juli 2026) ↩
[2] Amt für Veröffentlichungen der EU: Verordnung (EU) 2019/2144 über die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen ↩
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