ZF Friedrichshafen trennt sich von seiner Sparte für Fahrerassistenz und autonomes Fahren. Käufer ist die Samsung-Tochter Harman, der Preis liegt bei rund 1,5 Mrd. €. Ausgerechnet die totgesagte Getriebetechnik hält den Konzern derweil über Wasser.

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ZF Friedrichshafen verkauft seine Zukunftssparte, um die eigene Gegenwart zu finanzieren. Rund 3.750 Beschäftigte wechseln mit dem Geschäft für Assistenzsysteme zu Harman. Den Umbau bezahlt der Zulieferer paradoxerweise mit einem Milliardenauftrag für klassische Automatikgetriebe.

Das Wichtigste in Kürze

  • Harman (Samsung) übernimmt ZFs Assistenzsparte für rund 1,5 Mrd. €, etwa 3.750 Beschäftigte wechseln.
  • Ein Achtgang-Auftrag von BMW mit Laufzeit bis in die 2030er sichert Auslastung und Cashflow.
  • Elektro-Aufträge über rund 30 Mrd. € trafen auf einen Markt, der langsamer gewachsen ist als geplant.
  • Netto stand der Konzern Mitte 2025 mit rund 10,5 Mrd. € in der Kreide.

Was übernimmt Samsung bei ZF?

Rettungsring mit Elektro-Modellauto, Aufschrift „RETTER“ und Zetteln „GETRIEBE“, „LEERGANG“
Harman kauft ZFs Sparte für Fahrerassistenz und autonomes Fahren für 1,5 Mrd. Euro. 3.750 Beschäftigte wechseln zu Samsung-Tochter

Die Samsung-Tochter Harman kauft ZFs Sparte für Fahrerassistenz und autonomes Fahren für rund 1,5 Mrd. €. Etwa 3.750 Beschäftigte wechseln den Arbeitgeber, die Sicherheitssparte Lifetec steht ebenfalls auf dem Prüfstand.

Die ADAS-Sparte war kein Randgeschäft, sondern ein Kernbaustein der ZF-Zukunftsstrategie. Kameras, Radare und die Software fürs teilautonome Fahren galten lange als das Wachstumsfeld, auf das der Konzern gesetzt hat. Mit dem Verkauf gibt Friedrichshafen genau diese Wette wieder ab.[1]

Warum trägt das alte Getriebe den Umbau?

Verbrenner und Hybride laufen länger als geplant, deshalb wirft ZFs Achtgang-Automatik weiter Geld ab. BMW ordert den Achtganger mit Laufzeit bis in die 2030er. Diese Einnahmen sichern die Auslastung, während die teure Elektro-Wette Verluste schreibt.

Die Logik hinter dem Rettungsanker steht nicht in der Pressemitteilung. Elektroautos brauchen kein Mehrganggetriebe, also sollte das Geschäft eigentlich schrumpfen. Weil Volkswagen, Mercedes und Ford ihr Elektro-Tempo gedrosselt haben, bleibt die Nachfrage nach Verbrenner-Technik aber höher als kalkuliert.

Teuer wird die Vergangenheit an anderer Stelle. Die WABCO-Übernahme von 2020 hat rund 7 Mrd. € gekostet und die Verschuldung nach oben getrieben. Zusammen mit Elektro-Aufträgen über rund 30 Mrd. €, deren Markt zu langsam gewachsen ist, hat das eine gefährliche Mischung aus hohen Fixkosten und teurem Kapital ergeben.[1]

Bei ZF finanziert das Getriebe von gestern die Software von morgen. Deutsche Zulieferer verkaufen gerade ihre profitabelsten Zukunftsfelder, nur um die Zinslast milliardenschwerer Fehlwetten zu tragen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
ZF im Umbau: Zahlen zum Zulieferer-Kraftakt
Was der Verkauf an Samsung und das alte Getriebe verbindet
1,5 Mrd. €
Verkaufspreis
Harman (Samsung) übernimmt die Assistenzsparte.
3.750
Beschäftigte
wechseln mit dem Geschäft zu Harman.
30 Mrd. €
Elektro-Aufträge
Die Wette traf auf einen zu langsamen Markt.
10,5 Mrd. €
Nettoschulden
Stand Mitte 2025, Zinssatz rund 4,5 %.
Der Rettungsanker

BMW ordert die Achtgang-Automatik in großen Stückzahlen mit Laufzeit bis in die 2030er. So sichert der Auftrag Auslastung und Cashflow.

Die Last

Bis Ende 2028 sollen in Deutschland bis zu 14.000 Stellen wegfallen, weltweit bereits rund 11.200 seit Anfang 2024.

Was heißt das für die deutsche Zulieferindustrie?

Deutsche Zulieferer zerlegen sich in verkaufbare Teile, um Schulden zu senken. Nach Continental und ContiTech trennt sich nun ZF von der Assistenzsparte. Entscheider sollten die Technologie-Roadmap ihrer Lieferanten und mögliche Zweitquellen jetzt prüfen.

Der Fall reiht sich in ein Muster ein. Continental ist nach dem Verkauf von ContiTech zum reinen Reifenhersteller geschrumpft, Bosch und Schaeffler bauen ihre Antriebssparten um. Parallel fertigt BYD Batterien und Leistungselektronik zunehmend selbst und konkurriert damit direkt mit den eigenen Zulieferern, während deutsche Hersteller wie Bosch auf souveräne Cloud- und Software-Strategien ausweichen.

Für den Standort Deutschland hängt an diesem Umbau viel. Seit Anfang 2024 hat ZF bereits rund 11.200 Vollzeitstellen weltweit gestrichen, davon 5.700 hierzulande, und im Saarland fallen weitere Verwaltungsjobs weg. Bis Ende 2028 sollen in Deutschland bis zu 14.000 Stellen verschwinden.[2]

Einkaufs- und Technikchefs sollten die Zusagen ihrer Zulieferer für Verbrenner-Komponenten prüfen, denn manche Linien laufen länger als der Gesamtmarkt vermuten lässt. Für kritische Elektronik empfiehlt sich ein zweiter Lieferant, bevor eine verkaufte Sparte den Ansprechpartner wechselt.

Quellen

[1] Industriemagazin: „ZF verkauft seine Zukunft: Das alte Getriebe wird zum Rettungsanker des Autozulieferers“

[2] ingenieur.de: „So kämpft ZF gegen den Absturz und das droht jetzt“

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