Ein Mobilfunkkonzern baut sein nächstes Rechenzentrum nicht am Boden, sondern im Orbit. China Mobile hat seine erste weltraumgestützte Rechen- und KI-Nutzlast in eine Umlaufbahn gebracht, huckepack auf einer wiederverwendbaren Rakete. Der Schritt klingt nach Science-Fiction, zielt aber auf ein handfestes Problem der KI-Branche: Rechenleistung ist knapp. Große Rechenzentren am Boden verschlingen dazu Strom und Kühlwasser. Für Entscheider in Europa lohnt der Blick nach oben, denn auch Brüssel prüft längst ein Rechenzentrum im Orbit.

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Das Wichtigste in Kürze

  • China Mobile brachte seine erste Nutzlast für weltraumgestütztes Rechnen in die Umlaufbahn; sie verarbeitet Daten direkt an Bord statt am Boden.
  • Träger war die wiederverwendbare Zhuque-3 des Privatunternehmens LandSpace, deren Erststufe erstmals in China wieder an Land aufsetzte.
  • Die Nutzlast läuft komplett auf chinesischer Hard- und Software und trägt ein leichtes Mobilfunk-Kernnetz samt KI-Agent; drei In-Orbit-Tests stehen an.
  • Das Vorhaben reiht sich in Chinas „Drei-Körper“-Rechenkonstellation ein, die im Vollausbau 2.800 Satelliten umfassen soll.

Was macht ein Rechenzentrum im Orbit?

Ein Satellit mit Solarpanelen und der Aufschrift
Erdbeobachtungssatellit mit KI-Agent verarbeitet Rohdaten an Bord statt diese alle zur Bodenstation zu funken

Rechnen am Entstehungsort ist die Idee hinter der Nutzlast. Ein Erdbeobachtungssatellit sammelt riesige Datenmengen, kann sie aber nur während der wenigen Minuten pro Umlauf herunterfunken, in denen er eine Bodenstation sieht. China Mobile setzt deshalb einen Teil der Auswertung nach oben: Die Nutzlast trägt ein leichtes Mobilfunk-Kernnetz und einen KI-Agenten, verarbeitet die Rohdaten an Bord und schickt nur noch die Ergebnisse zur Erde. Entwickelt hat der Konzern sie mit dem Institut für Rechentechnik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und dem Zulieferer Hongqing Technology.[1]

Der zweite Hebel ist die Energie. Im Orbit liefert die Sonne fast ununterbrochen Strom, während Rechenzentren am Boden die Netze belasten und für ihre Kühlung Wasser und Fläche brauchen. Ein Selbstläufer ist der Weg ins All damit nicht, denn die Abwärme lässt sich im Vakuum nur über Strahlung abführen, was aufwendige Radiatoren verlangt. China Mobile nannte keine Rechenleistung, kündigte aber drei Prüfschritte an: die intelligente Vernetzung zwischen Satellit und Boden, die Verschmelzung von Funk, Rechnen und KI sowie erste Kommunikationsdienste. Später sollen große KI-Modelle in Echtzeit an Bord rechnen und Fernerkundungsbilder direkt im Orbit auswerten.

Chinas Wettlauf um die Rechenleistung im All

Neu ist die Idee nicht. Schon im Mai 2025 schoss China die ersten zwölf Satelliten der „Drei-Körper“-Rechenkonstellation ins All, ein Projekt des Zhejiang Lab, hinter dem unter anderem Alibaba steht, gemeinsam mit dem Raumfahrt-Start-up ADA Space. Die Satelliten sind über Laserstrecken mit bis zu 100 Gigabit pro Sekunde verbunden, tragen KI-Beschleuniger an Bord und sollen zusammen 1.000 Petaflops leisten, also eine Billiarde Rechenschritte je Sekunde. Auf 2.800 Satelliten soll das Netz wachsen.[2]

Billiger Zugang zum Orbit macht solche Pläne überhaupt bezahlbar. Genau hier setzt die Rakete unter der China-Mobile-Nutzlast an: Die Zhuque-3 von LandSpace absolvierte ihren zweiten Flug und brachte ihre Erststufe anschließend zurück auf einen Landeplatz rund 390 Kilometer entfernt in der Provinz Gansu. Damit gelang die erste Landung einer chinesischen Orbitalrakete auf festem Boden, ein Schritt, den bislang vor allem SpaceX vorgemacht hatte. Eine mehrfach genutzte Stufe senkt die Startkosten je Satellit. Erst das macht Konstellationen aus Tausenden Rechensatelliten bezahlbar.

China verlegt einen Teil seiner Recheninfrastruktur in die Umlaufbahn, während Europa noch um jeden Standort am Boden ringt. China Mobile erprobt dort oben, was hierzulande bisher nur als Machbarkeitsstudie existiert.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie sehr der Rechenhunger die Branche treibt, zeigt China Mobile schon am Boden, wo der Konzern KI-Rechenzeit inzwischen wie Datenvolumen verkauft. Dieser Ausbau stößt am Boden an harte Grenzen: In China treiben KI-Aufträge die Rechenzentrumsbetreiber zu Milliardeninvestitionen, in Deutschland muss ein neues Werk seine Abwärme ins Fernwärmenetz speisen, um überhaupt genehmigt zu werden. Und die knappste Zutat bleibt der Chip, um den Peking und Washington ringen.

Rechenleistung wandert in die Umlaufbahn
Chinas Vorstoß, KI-Daten im Orbit statt am Boden zu verarbeiten, Stand August 2026
3
geplante In-Orbit-Tests der China-Mobile-Nutzlast
12
Rechensatelliten zum Start der „Drei-Körper“-Konstellation (Mai 2025)
2.800
Rechensatelliten im geplanten Vollausbau der Konstellation
100
Gigabit pro Sekunde je Laserverbindung zwischen den Satelliten

Was der Orbit-Trend für Europa bedeutet

Auch Brüssel rechnet mit dem Weltraum. In der Studie ASCEND ließ die EU-Kommission unter Führung von Thales Alenia Space prüfen, ob Rechenzentren im Orbit klimafreundlicher sein könnten als am Boden. Beteiligt waren unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Airbus Defence and Space. Das Ergebnis von 2024 fiel verhalten aus: technisch machbar, aber nur dann wirklich sauber, wenn die Trägerraketen über ihren Lebenszyklus rund zehnmal weniger Emissionen verursachen als heute.[3] So lange bleibt der Klimavorteil eine Rechnung mit vielen offenen Posten.

Für die digitale Souveränität zählt der Trend trotzdem. Europa baut mit dem Satellitennetz IRIS2 an eigener Infrastruktur im Orbit. Am Boden verteuert das Energieeffizienzgesetz mit seinen Vorgaben zu Stromverbrauch und Abwärme neue Rechenzentren spürbar. Beides erklärt, warum das Rechnen im All auch hierzulande Aufmerksamkeit findet. Entscheider sollten die Technik dennoch als Nische einordnen: Sie taugt vorerst zum Vorverarbeiten von Satellitendaten, nicht als Ersatz für die großen Rechenzentren am Boden.

Was ist China Mobiles weltraumgestützte Rechennutzlast?

China Mobiles erste Nutzlast verbindet Kommunikation, Rechnen und KI in einem Satelliten. Sie trägt ein leichtes Mobilfunk-Kernnetz und einen KI-Agenten, verarbeitet Daten direkt in der Umlaufbahn und läuft vollständig auf chinesischer Hard- und Software.

Warum will China im Weltraum rechnen?

Erdbeobachtungssatelliten sammeln mehr Daten, als sie zur Erde funken können. Wird die Auswertung an Bord erledigt, muss nur noch das Ergebnis nach unten. Zusätzlich liefert die Sonne im Orbit fast durchgehend Strom, während Rechenzentren am Boden Netze, Wasser und Fläche belasten.

Was ist die Drei-Körper-Rechenkonstellation?

Die Drei-Körper-Rechenkonstellation ist ein chinesisches Projekt für Rechenleistung im All. Im Mai 2025 starteten die ersten zwölf Satelliten, verbunden über Laserstrecken mit bis zu 100 Gigabit pro Sekunde. Im Vollausbau sollen 2.800 Satelliten zusammen rund 1.000 Petaflops leisten.

Plant Europa Rechenzentren im Orbit?

Ja, in der Machbarkeitsstudie ASCEND ließ die EU-Kommission unter Führung von Thales Alenia Space Rechenzentren im Weltraum prüfen. Das Ergebnis von 2024 nennt sie technisch machbar, einen Klimavorteil aber nur bei deutlich saubereren Trägerraketen.

Quellen

[1] IT-Home: China Mobiles erste weltraumgestützte Rechen- und KI-Nutzlast im Orbit (Bericht, 19. August 2026)

[2] SpaceNews: China launches first of 2,800 satellites for AI space computing constellation

[3] Thales Alenia Space: Ergebnisse der ASCEND-Machbarkeitsstudie zu Rechenzentren im Weltraum

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